„Kredit“ und Geldware

(Die Schreibweise bestimmter Worte in kursiv) und in „Anführungsstriche“ folgt der Methode im Buch „Der Erkenntnis-Widerspruch“. Siehe dazu im Buch Vorworte, Seite 5. Vom herrschenden Verständnis besetzte Worte und Aussagen (mit oder ohne Quellenangabe) werden kursiv widergegeben.)

Das gegenwärtige herrschende Verständnis von dem, was im Zusammenhang mit Finanzkrise (mit welchen Worten) zu dieser ausgesagt wird, unterscheidet sich nicht von dem Verständnis, das seit Beginn des „Kapitalismus“ herrscht. Mit Finanzkrise kämen Finanzierungsprobleme zum Ausdruck, die sich auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft dramatisch auswirkten. Die Finanzkrise bedürfe deshalb dringend einer Lösung: Also stets wiederholt eine Lösung.

Zeitweiliges Überlassen – Verkauf/Kauf

Die im Buch „Der Erkenntnis-Widerspruch“ abgeleitete Schlussfolgerung für das Verstehen, was als Krise zu bezeichnen, was das charakteristische Merkmal ihrer Ursache ist, hat auch die Frage nach dem Verständnis von „Kredit“ angeregt. Denn im herrschenden Verständnis sei das, was mit Kredit bezeichnet wird, das Charakteristische von Finanzierung, das Unabdingbare für Wachstum.

Die Auseinandersetzung mit diesem herrschenden Verständnis beginnt mit der Beantwortung der Frage, warum wird was mit dem Wort „Kredit“ bezeichnet. Tooke: „Der Kredit, in seinem einfachsten Ausdruck, ist das wohl oder übel begründete Vertrauen, das jemand veranlasst, einem andern einen gewissen Kapitalbelauf anzuvertrauen, in Geld oder in, auf einen bestimmten Geldwert abgeschätzten, Waren, welcher Betrag stets nach Ablauf einer bestimmten Frist zahlbar ist.1

Wenn Tooke so richtig übersetzt worden ist, hat er ein mit „Kredit“ bezeichnetes charakteristisches Merkmal definiert und somit erklärt, was mit diesem Wort zu begreifen sei: Es sei veranlassendes „Vertrauen“, jemand anderem etwas zeitweilig zu überlassen („anzuvertrauen“). Es ist also nicht jedes „Vertrauen“, sondern nur das, was dieses zeitweilige Überlassen begründet veranlasse. Doch: Welches Wohl oder Übel und warum begründet es ein „Vertrauen“ und warum „veranlasst“ dieses „Vertrauen“, etwas nur für eine bestimmte Zeit einem andern zu überlassen?

Sicher wusste Tooke, dass das, was er mit dem Wort „Kredit“ bezeichnete, auch schon vor der Geldwirtschaft und nicht nur „in Waren“ für eine bestimmt Zeit überlassen wurde, ohne dass es als „Kredit“ bezeichnet war. Das, was als „Kredit“ bezeichnet wurde, musste also ab einem historischen Zeitpunkt allgemein als bedeutsam verstanden worden sein. Tooke verstand das Wort „Kredit“ als Begriff in einem Zusammenhang mit Kapital.

Einem andern etwas zeitweilig zu überlassen, das ist, unabhängig von aller Moral und Ethik, nicht durch Vertrauen veranlasst, sondern bedingt Vertrauen, das Überlassene zurück zu erhalten. Weshalb ein zeitweiliges Überlassen allgemein als bedeutsam verstanden worden ist und verstanden wird, die Antwort darauf ist nur aus dem abzuleiten, was allgemein zeitweilig überlassen wurde und wird. Nach Tooke scheinbar das, was er als Kapital verstand.

Doch unabhängig davon, ob es (noch) als bedeutsam verstanden wird, ist es nur das, was zeitweilig, aber eben nicht auf Dauer, überlassen werden kann. Nicht auf Dauer kann das überlassen werden, was selbst gebraucht/ verbraucht werden muss. Also das, was die Lebensreproduktion bedingt, es dafür selbst zu gebrauchen/ zu verbrauchen. Es hat also jeweils einen für die Lebensreproduktion zu gebrauchenden/ zu verbrauchenden konkreten „Gebrauchswert“. Dieser kann deshalb nur zeitweilig überlassen werden. Er muss aber nicht zeitweilig überlassen werden.

Das charakteristische Merkmal der Warenwirtschaft ist, einen konkreten „Gebrauchswert“ einem anderen im Tausch gegen einen anderen konkreten „Gebrauchswert“ zu überlassen, der für die Tauschenden den gleichen Tauschwert hat. Dieser Tausch könnte als ein Überlassen auf Dauer verstanden werden, auch wenn der in einem Zeitraum sich vollziehende Tausch als ein zeitweiliges Überlassen einer Ware feststellbar sein kann. Deshalb ist auch in der Geld-Warenwirtschaft ein zeitweiliges Überlassen von Geld weder Voraussetzung noch hinreichende Bedingung für den durch die Ware Geld vermittelt Tausch von Waren.

Geld zeitweilig zu überlassen, hat(te) deshalb eine andere Bedeutung, weshalb es auch mit dem besonderen Wort „Kredit“ bezeichnet wurde und wird. Das charakteristische Merkmal des Warentauschs ist nicht mehr der Tausch zwischen den Eigentümern der zu tauschenden Waren, sondern der zwischen ihnen und einem Kaufmann (Händler). Eine Bedingung der auf gesellschaftlicher Teilung der Arbeit beruhenden Geld-Warenwirtschaft, in der Geld (die „Ware Geld“) als Zahlungsmittel den Tausch mit dem Kaufmann vermittelt. Doch damit wird Geld in seinen verschiedenen Erscheinungsformen als Zahlungsmittel (z.B. Wechsel) nicht deshalb zum „Kredit“, nicht zur Geldware.

Die (scheinbare) Bedeutung des zeitweiligen Überlassens von Geld ist die des zeitweiligen Überlassens seines „Gebrauchswertes“. Der Gebrauch des Geldes wird zeitweilig einem anderen „anvertraut“, der es gebrauchen will oder muss. Es wird ihm von dem zeitweilig überlassen, der es (zeitweilig) selbst nicht gebrauchen kann oder will. Das Geld, das dieser (zeitweilig) selbst nicht gebrauchen kann oder will, hat deshalb für diesen (zeitweilig) keinen Tauschwert.

Der Wert des Gebrauchens des Geldes ist also dessen Tauschwert selbst. Geld hat das charakteristische Merkmal einer Ware. Einmal als Ware Geld, die den Tausch von Waren vermittelt. Zum andern als Geldware, die dessen Tauschwert ihres zeitweiligen Gebrauchens vermittelt. Das Verhalten zu ihm ist das wie zu jeder anderen Ware. Es ist das des Verkäufers und Käufers von Ware, die auch Geld als Ware (Geldware) kaufen und verkaufen.2.

Der „Gebrauchswert“ der Geldware ist aber nicht, sie nur als Kauf- oder Zahlungsmittel gebrauchen zu können. Ihr Tauschwert ist also nicht stets der ihres ausgewiesenen Geldbetrages. Die Geldware wird gebraucht, um mit ihr mehr Geld realisieren zu können. Dieser Wert ihres Gebrauchens, dieser Tauschwert, „veranlasst“, ihren zeitweiligen Gebrauch zu verkaufen/ zu kaufen, der als zeitweiliges Überlassen erscheint.

Der Preis der Geldware, der in Geld ausgedrückte Wert, bestimmt sich wie bei jeder anderen Ware entsprechend Angebot und Nachfrage. Und wie bei jeder anderen Ware bestimmt sich danach auch die Frist der Fälligkeit der Zahlung des Preises. Die Zahlung dessen Geldbetrages ist zeitweilig gestundet. Der zu zahlende Geldbetrag ist zeitweilig „überlassen“.

Das charakteristische Merkmal dessen, was als Kreditierung verstanden und bezeichnet wird, ist also nicht zeitweiliges Überlassen („an sich“), sondern das zeitweilige Überlassen des Gebrauchens von Geld, um mehr Geld realisieren zu wollen. Dieses zeitweilige Überlassen unterscheidet sich wiederum von dem als „Vorschießen“ und von dem als „Finanzierung“ bezeichneten. „Vorschießen“ bezeichnet eine zeitweilig verausgabte Lebensenergie oder von deren sie repräsentierenden Erscheinungen, die der „Verausgabende“ („Vorschießende“) später selbst (zurück-) gewinnt. „Finanzierung“: Bereitstellung von Geldmitteln.

Geldware – „Kapital“

Der Gebrauch des Geldes mit dem Ziel, damit mehr Geld zu realisieren, ist also erst im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Produktionsweise als bedeutsam festgestellt worden und feststellbar, die als „kapitalistisch“ (als „Kapitalismus“) bezeichnet wird. Es ist das darauf beruhende gesellschaftliche Verhalten mit dem herrschenden Verständnis, Geld sei Kapital, Geld ist wie jede andere Ware kauf- und verkaufbar. Aber mehr Geld kann nicht realisiert werden aus einem durch die Ware Geld vermittelten Warentausch.

Neben dem profitablen Verkauf „produzierter“ Güter und Leistungen wurde und wird mit dem Verkauf/ Kauf von Geld auch mehr Geld realisiert, scheinbar Resultat seines Verkaufs. Deshalb wurde und wird Geld auch als Kapital
verstanden und bezeichnet, unabhängig davon, ob es als „Kapital“ fungieren kann, mit ihm Ware in den Erscheinungen Güter und Leistungen „profitabel produziert“ werden, oder nicht.

Geldware muss also als „Kapital“ fungieren, Mehrwert „produzieren“, um mehr Geld mit ihr realisieren zu können. Doch der Verkauf der Geldware erfolgt nicht mit der Bedingung, dass es als „Kapital“ fungiert, dass ihr Käufer, sich mit diesem Geld an einer um Profit erweiterten „Kapitalreproduktion“ beteiligen muss.

Die bedingte Erweiterung der „Kapitalreproduktion“ bedingt(e) wiederum und ermöglicht(e) den Verkauf des Gebrauchs von Geld. Er wurde und wird von denen als bedeutsam verstanden und mit einem besonderen Wort Kreditieren bezeichnet, die ihr Geld nicht selbst als „Kapital“ reproduzieren, sich nicht mit diesem an einer um Profit erweiterten „Kapitalreproduktion“ beteiligen, aber Anteil am Profit daraus, mehr Geld, haben wollen.

Sie verlassen sich nicht auf ein Vertrauen, aus einer Beteiligung ihres Geldes an einer „Kapitalreproduktion“ mehr Geld realisieren zu können. Sie haben „Vertrauen“ zum „Vertragsrecht“, zu einer Macht, es durchsetzen zu können. Das Geld, dessen Gebrauch sie verkaufen, verstehen und bezeichnen sie als Kapital. Mit ihrer Macht müssen sie nicht nur glauben, aus dem verkauften Gebrauch ihres Geldes mehr Geld realisieren zu können. Sie bestimmen, dass dieser Verkauf als Kreditierung zu verstehen und zu bezeichnen ist.

Der Anteil am realisierten „Profit“ ist der Preis für den Gebrauch des jeweiligen Geldbetrages, der als „Kapital“ an der „Kapitalreproduktion“ beteiligt ist, ob er als „Kredit“ bezeichnet wird oder nicht. So lange „Profit“ realisiert wird, solange aus Geld mehr Geld realisiert wird, fungiert es als „Kapital“, wird es von ihren Besitzern als Kapital verstanden und bezeichnet, ob es auch „Kredit“ ist oder nicht.

Bedeutung bekommt die Unterscheidung für das Verstehen der „Kapitalreproduktion“ und insbesondere für das Verstehen der aus ihr resultierenden Krisen, wenn diese Reproduktion stockt oder gar abbricht, „Profit“ nicht realisiert wird, Geld nicht „zurückfließt“, der Preis für den Gebrauch von Geld nicht (mehr) gezahlt werden kann, Kapital vernichtet, Geld verbrannt wurde.

Geld, was als „Kapital“ um „Profit“ erweitert reproduziert werden sollte, hat dann diesen Wert nicht mehr, hat den Tauschwert als Geldware verloren, weil dafür nicht mehr gebraucht. Eine Wirkung von Krisen der „Kapitalreproduktion“ ist deshalb dann auch, zwischen Geld, das als „Kapital“ fungiert, und dem als Kredit bezeichneten zu unterscheiden, diesen Unterschied als bedeutsam zu verstehen.

Doch das Verstehen wurde und wird von denen bestimmt und beherrscht, die den Preis für den verkauften Gebrauch ihrer Geldware in der vereinbarter Frist bezahlt haben wollen, unabhängig davon, ob sie als „Kapital“ gebraucht wurde oder nicht. Sie wollen den vereinbarten Preis für die verkaufte Geldware von deren Käufer in Geld gezahlt haben.

Preis der Geldware – „Zins“

Das gegenständliche Geld (Münzen, Scheine), das der Verkäufer der Geldware als Preis gezahlt bekommt, ist aber nicht das, das der Käufer der Geldware erhalten hatte. Ebenso wenig sind die Geldbeträge gleich. Der Verkäufer erhält einen höheren Betrag. Es wird also vom Käufer der Geldware deren Preis in Geld gezahlt und nicht an den Verkäufer Geld zurückgegeben. Der Preis der Geldware ist mehr Geld als die Geldware ausdrückt. Dieses Mehr-Geld wird aber als Zins bezeichnet und sei der Preis für verliehenes Geld, das zurückgegeben werde.

Letzteres ist aber herrschendes Verständnis von Kredit. Es sei verliehenes Geld. Für dessen Verleihen zahle der Anleiher einen Preis, der nicht nur als Zins bezeichnet wird, sondern berechtigt verlangt werden könne. Geld (Kredit) trüge an sich Zins, Geld sei Kapital. Mit diesem herrschenden Verständnis ist Kredit zeitweilig verliehenes Geld und Zins das Entgelt für die Verleihung des Geldes. Mit diesem herrschenden Verständnis wird verschleiert woraus das Mehr-Geld (Zins) resultiert. Geld trüge Zins, weshalb derjenige die Rückgabe des geliehenen Geldes und die Zahlung des Zinses als seine Schuld („Verbindlichkeit“) gegenüber dem Verleiher des Geldes zu verstehen habe.

Denn das Kreditieren sei ja durch Vertrauen veranlasst. Doch der Kreditierende ist kein Verleiher, sondern Verkäufer einer Ware, der Geldware. Er verkauft den Gebrauch seines Geldes. Und der es für seinen Gebrauch kauft, ist kein Anleiher sondern Käufer dieser Geldware.

Was mit dem herrschenden Verständnis von Zins verschleiert wird, ist, das im Preis der Geldware enthaltene Mehr-Geld, dass mit Geldware mehr Geld realisiert werden könne. Das Vertrauen darauf, mit ihr mehr Geld realisieren zu können, haben Verkäufer und Käufer der Geldware gleichermaßen, sonst verkauften / kauften sie diese nicht.

Dieses als Vertrauen maskierte gemeinsame Interesse an mehr Geld veranlasst sie, Geldware zu verkaufen/ zu kaufen, zu einer Vereinbarung dazu, die im herrschenden Verständnis als ein Kredit-Schuld-Verhältnis bezeichnet wird. Diese Vereinbarung wird vor allem von diesem Interesse an dem Mehr-Geld bestimmt, das der Käufer der Geldware mit ihrem Gebrauch realisieren soll/ will. Der Betrag, den der Verkäufer der Geldware mit deren Preis realisieren will, ist also stets nur ein Teil des durch den Käufer aus seinem zeitweiligen Gebrauch der Geldware realisierten Mehr-Geldes.

Vertrauenskrisen – Krise der „Kapitalreproduktion“ – „Kredit“

Mit Erklärungen, dass in Krisenzeiten dieses Vertrauen schwindet, verloren geht, kommt also herrschendes Verständnis zum Ausdruck. Aber nicht Vertrauen schwindet, geht verloren, sondern verloren geht die Möglichkeit der Zahlung des Preises der verkauften/ gekauften Geldware.

Für diese so bezeichneten Zeiten ist charakteristisch, dass mehr Geld nicht mehr realisiert wird, dass das als „Kapital“ eingesetzte Geld, dass die als Kapital verstandene und bezeichnete Geldware nicht mehr als „Kapital“ fungiert, festsitzt in nicht mehr verkaufbarer Ware. Deren Besitzer verstehen das als Vernichtung ihres Kapitals, als Wertverlust ihrer Geldware.

Doch auch für die Besitzer von viel Geld geht in Krisenzeiten dessen Wert verloren: Sie können ihr Geld nicht mehr als „Geldkapital“ fungieren lassen, nicht mehr als Geldware verkaufen, damit nicht mehr Geld realisieren. Es fehlt an Nachfrage nach ihrer Geldware, nach dem zeitweiligen Gebrauch ihres Geldes. Sie suchen nach Anlagemöglichkeiten, nach Käufern ihrer Geldware.

Deshalb können auch die Käufer von Geldware diese entweder nicht mehr gegen Geld oder, aber zu einem höheren Preis, nicht mit einer anderen Geldware tauschen. Warum und weshalb, ist von den Klassikern im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Gesetze des „Kapitalismus“, seiner Krisen, bis hin zum Zusammenhang von „Kredit und fiktives Kapital“ ausführlich dargelegt und begründet worden.3

Hierzu nur so viel: Bei Stockung oder gar Abbruch einer „Kapitalreproduktion“ fungiert dafür eingesetztes eigenes Geld oder gekaufte Geldware nicht mehr als „Kapital“, es wird mit diesem Geld, dieser Geldware kein Mehr-Geld realisiert. Das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis zwischen Verkäufer und Käufer der Geldware ändert sich dadurch von einem zeitweiligen in ein nicht zeitweiliges.

Denn ihr Verhältnis gründet(e) sich auf das gemeinsame Interesse, mehr Geld realisieren zu wollen und auf das gleiche Verständnis vom zinstragenden Geld, vom Geld als Kapital, weshalb sie „wohl oder übel“ darauf vertrauen konnten, mit Verkauf/ Kauf von Geldware ein für beide „profitables“ Gläubiger-Schuldner-Verhältnis eingehen zu können.

Deshalb wird die Stockung oder gar der Abbruch einer „Kapitalreproduktion“ nicht auch als Ende der „Geschäftsgrundlage“ für das bisherige Gläubiger-Schuldner-Verhältnis verstanden und erklärt. Denn das widerspräche dem herrschenden Verständnis, dass Geld an sich Zins trägt, also dass aus Geld an sich mehr Geld realisiert werden kann.

Es sei deshalb eine Schuld an sich, die derjenige zu tragen habe, der sich Geld zu dessen Gebrauch leiht. Es sei ja nur dessen Interesse und nicht das Interesse desjenigen, der Geld für dessen Gebrauch zeitweilig überlässt (verleiht). Das mag zwar für denjenigen zutreffend sein, der es nur zeitweilig überlassen kann. Aber nicht für diejenigen Besitzer von Geld, die es nicht nur zeitweilig überlassen können, sondern die sich deshalb zu ihm als Kapital verhalten, mit ihm mehr Geld realisieren wollen.

Das herrschende Verständnis ist also das dieser Besitzer von Geld, die deshalb auch alles Geld als Kapital verstehen und auch das zu dessen Gebrauch verliehene Geld, unabhängig davon, ob es als „Kapital“ um „Profit“ erweitert reproduziert wird oder werden kann. Also, ganz gleich ob das Vertrauen darauf „wohl oder übel begründet“ ist, es entspricht diesem herrschenden Verständnis von Kapital und Zins, mit dem auch das Wort Kredit besetzt ist.

Aber in „Krisenzeiten“ schwindet auch das Vertrauen zum herrschenden Verständnis von Kredit und Kapital. Es schwindet das Vertrauen, dass Geld an sich Zins trägt, dass auch ohne profitablen Verkauf „produzierter“ Güter und Leistungen an Konsumenten, mehr Geld realisiert werden kann. Es schwindet das Vertrauen zum herrschenden Verständnis, dass Wert geschöpft werde, dass Kredit Kapital sei und nicht Geldware.

Weshalb etwas als „Kredit“ bezeichnet wurde und wird, hat also Bedeutung für das Verstehen der „Kapitalreproduktion“, ihrer historisch kausalen Entwicklung, zu der die des herrschenden Verständnisses derjenigen gehört(e), für die bedeutsam ist, aus dem Verkauf des Gebrauchs ihres Geldes, mehr Geld zu realisieren, ob mit seiner Beteiligung an einer um „Profit“ erweiterten Reproduktion als „Kapital“ oder anders. Es ist also das von ihnen beherrschte und das Verstehen beherrschende Verständnis, was mit der Bezeichnung Kredit zum Ausdruck kommt.

Historisch entwickelte sich das mit dem Vergesellschaften des Privatbesitzes von Geld, der Vergesellschaftung der Besitzer von Geld, die es nicht nur zeitweilig überlassen können, sondern die auch seinen Gebrauch verkaufen wollen und auch verkaufen müssen, um dessen Wert (Tauschwert) zu erhalten.

Die Verkäufer von Geldware und darunter immer mehr die, welche Geldware „produzieren“ und sie handeln, sind Banken, Fonds, Versicherungen, die „Finanzindustrie“, und – der Staat4. Sie sind gleichermaßen Beteiligte von Gläubiger-Schuldner-Verhältnissen, weshalb sie, bei aller Konkurrenz untereinander, in dem gemeinsamen Interesse vereint sind, mehr Geld zu realisieren. Durch ihre Konkurrenz bedingt, werden sie zwar ausdifferenziert. Doch dadurch wird der Zwang nach Erschließung neuer Quellen von Mehr-Geld immer größer.

Das Drucken von Geld, die „Produktion“ von auf Geld lautenden Papieren (Finanzprodukte) verstehen die Beteiligten als Quelle und erklären den Nichtbeteiligten diese als notwendig zur Bewältigung der Finanzkrise. Doch diese Quelle wird wieder die einer neuen, aber noch größeren Krise sein. Sie ist unvermeidlich durch die „kapitalistische Produktionsweise“, durch eine Reproduktion des „gesellschaftlichen Gesamtkapitals“, in und mit der Besitzer von „Kapital“ und Geldware sich Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeit ohne Äquivalent aneignen (können), der einzigen Quelle der Realisierung von mehr Geld, das gesellschaftlichen „Mehrwert“ ausdrückt.

Das zwingt zur Erweiterung der Reproduktion des „gesellschaftlichen Gesamtkapitals“ (Wirtschaftswachstum), das zwingt zu ihrer Finanzierung und in Folge dieser Erweiterung immer mehr zur Finanzierung von “Produktion” und Handel von mehr Ware, einschließlich Geldware, die aber immer weniger verkaufbar ist.

Die „Produktion“ und der Handel mit Geldware sind durch die scheinbare Notwendigkeit dieser Finanzierungen bedingt. Doch je größer dadurch ihr Anteil wird am nicht reproduzierbaren „gesellschaftlichen Gesamtkapital“, sie nicht als „Kapital“ um „Profit“ erweitert reproduziert werden kann, umso dramatischer sind die Auswirkungen daraus auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft.

Um diese Auswirkungen beherrschen zu können, ist das Hinausdrängen der Geldware aus der Realwirtschaft ein erster Schritt. Eine Voraussetzung dafür ist die öffentliche Auseinandersetzung mit dem herrschenden Verständnis von Kredit. Das Wort „Kredit“, das zur Sprachkultur gehört, sollte wieder in seinem historischen Verständnis als Begriff verwendet werden: eine Zuwendung an Bedürftige, im Vertrauen ihnen damit helfen zu können; eine Bereitstellung für die „Produktion“ eines Mehrprodukts, im Vertrauen damit einen Beitrag zur Sicherung der gesellschaftliche Reproduktion zu leisten.

Freilich, wer, ideologisch geprägt, nur als Wirklichkeit das ihm Erscheinende versteht, nur Gedanken akzeptiert, die man sich vorstellen kann, die mit Erscheinungen erklärt werden und ein beliebiges Verstehen ermöglichen, der kann und will alles andere nur als abstrus, als Unsinn beurteilen. – „Original, fahr hin in deiner Pracht! – / Wie würde dich die Einsicht kränken“ (Johann Wolfgang von Goethe Faust II).

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Fussnoten:

1 Tooke, Thomas (1774-1858): Er hat sicher nicht zufällig Bezug genommen auf das lateinische Verb credere „(ver)trauen, glauben“. Sich beteiligen an Unternehmungen, und dafür von ihrer Lebensenergie etwas verausgaben („vorschießen“), erfolgt(e) mit der Überzeugung, dem Glauben, dem Vertrauen, mehr Lebensenergie aus dieser Beteiligung zu gewinnen, auch ohne diese Beteiligung als „Kredit“ zu bezeichnen.
2 Geldware – zusammengesetztes Wort aus Bezeichnungen charakteristischer Merkmale mannigfacher Erscheinungen. Ware: Das zu Tauschende, weil es selbst nicht gebraucht, mit dem anderes durch Tausch erlangt wird. Geld: Die allgemeine Äquivalentform, auch in mannigfachen auf Geld lautenden Erscheinungen, für zu Tauschendes. Zur Geldware gehören also nicht nur produzierte Geldzeichen Münzen, Banknoten), sondern ebenso auf Geld lautende Papiere (Wertpapiere) sobald diese wie jede andere Ware verkauft/ gekauft werden.
3 „ … wo beide Seiten der landläufigen Theorie bei Beurteilung der Krisen recht und unrecht haben. Die da sagen, dass bloß Mangel an Zahlungsmitteln existiert, haben entweder bloß die Besitzer von bona fide Sicherheiten im Auge oder sind Narren, die glauben, es sei die Pflicht und in der Macht einer Bank, durch Papierzettel alle bankrotten Schwindler in zahlungsfähige solide Kapitalisten zu verwandeln. Die da sagen, dass bloß Mangel an Kapital existiert, machen entweder bloße Wortklauberei, da ja in solchen Zeiten das inkonvertible Kapital infolge von Übereinfuhr und Überproduktion massenhaft vorhanden ist, oder sie sprechen bloß von jenen Kreditrittern, die nun in der Tat in Umstände gesetzt sind, wo sie nicht länger fremdes Kapital erhalten, um damit zu wirtschaften, und nun verlangen, die Bank solle ihnen nicht nur das verlorene Kapital zahlen helfen, sondern sie auch noch zur Fortsetzung des Schwindels befähigen.“ K. Marx „Das Kapital“
4 Staatsanleihen. Ausdruck des herrschenden Verständnisses! Staat verkauft auf mehr Geld lautendes Papier, kauft damit einen zeitweiligen Gebrauch von Geld. s.a. Kritik der Politischen Ökonomie – Zum Verändern von Politik zur Beherrschung der Folgen von Krisen auf das Zusammenleben der Menschen

Eine Antwort zu “„Kredit“ und Geldware”

  1. pb sagt:

    Geldware

    Für Herstellung und Handel von Geldware ist wie für jede andere Ware Aufwand erforderlich. Und auch ihr Preis bestimmt sich nach Angebot und Nachfrage. Geldware ist so Bezeichnung für Geld als Ware. Doch ganz gleich woraus das als Geld Bezeichnete besteht – Gold, Silber, Papier, Metalllegierungen u.a. – und welcher Aufwand für seine Herstellung – Materialgewinnung, Entwicklung, Produktion u.a. -, sobald es in einer bestimmten Gestalt als offizielles Kauf- und Zahlungsmittel eingeführt, wird dieses in Umlauf gebrachte Geld nicht mehr verkauft/gekauft.
    Hierin unterscheidet sich dann Geld von jeder anderen Ware und kann auch deshalb für jede andere Ware Tauschmittel, das allgemeine Äquivalent deren Tauschwerte, sein. Geld vermittelt deren Tausch, ermöglicht die Warenzirkulation. Die dafür bedingte Menge gleicher Geldeinheiten, ist also die Menge Geld als Zirkulationsmittel. Geld hat deshalb nicht (mehr) das charakteristische Merkmal einer Ware und ist von Geldware zu unterscheiden.
    Geldware ist aber nicht deshalb nur ein historischer, überholter Begriff, weil Geld (Währungen) überall als offizielles Kauf- und Zahlungsmittel eingeführt wurde. Geld in einer bestimmten Gestalt, aus bestimmten Material wird zwar nicht verkauft/gekauft, und doch: sein zeitweiliger Gebrauch wird wie eine Ware gehandelt. Und wie bei jeder andere Ware, bedeutet ihr Handel, dass diese Geldware verkauft/gekauft wird. Doch das ist herrschendes Verständnis.
    Denn Geldwaren werden getauscht. Geld zu seinem zeitweiligen Gebrauch wird getauscht gegen einen Anspruch auf mehr Geld, also gegen ein darauf lautendes Papier. Ein Tausch, der nach Ablauf des Zeitweiligen sich wie folgt wiederholt: Das auf mehr Geld lautende Papier gegen mehr Geld. Hierin unterscheidet sich der Handel mit Geldware von dem mit jeder anderen Ware. Ihr Tausch ist deshalb auch kein Verkauf/Kauf.
    Zwar ist (in der Geldwirtschaft) auch „Kredit“ Geldware. Doch für die „Kapitalreproduktion“ hat Geldware unterschiedliche Bedeutung. Mit „Kredit“ ist deshalb die Geldware zu bezeichnen, deren resultierende Wirkung ihres Handels die von „Kapital“ ist. Die als „Kredit“ zu bezeichnende Geld-ware ist also dann ein Teil des „gesellschaftlichen Gesamtkapitals“, das mit Kauf/Verkauf (mit „Pro-duktion“ und Handel) von Gütern und Leistungen um Profit erweitert reproduziert wird.
    Wird dieser Zusammenhang, werden diese Unterschiede von Geld, Geldware, „Kredit“ und „Kapital“ beachtet, wird das herrschende Verständnis von dem überwunden, dass die „Produktion“ und der Handel von auf Aber-Billion Geld lautenden Papieren Teil volkswirtschaftlicher Leistung seien, dass deren als Krise bezeichneten Auswirkungen die Realwirtschaft erreicht habe. Diese Überwindung des herrschenden Verständnisses ermöglicht das Verstehen von der nicht als Kapital fungierenden Geldware als Krisenursache und, dass diese Geldware deshalb „hinausgedrängt“ werden muss.

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