Europas Reproduktion

Europas Reproduktion

 Vorworte

Was ist mit „Europa“ in der „Welt“? Was ist mit dem Für und Wider zu ein Europa? Was charakterisiert „Europa“; welches herrschende Verständnis von ein Europa soll dafür gelten?

Diese Fragen zu „Europa“, zu ein Europa werden mannigfach unterschiedlich, widersprüchlich, mit gegensätzlichem Verstehen beantwortet, was „Europa“ charakterisiere, was ein Europa sein müsse. Und doch werden, trotz mannigfacher Beantwortung, weiterhin diese Fragen gestellt.

Selbst mit den auf europäischen Verträgen gestützten Wirtschafts- und Sozialpolitiken einiger Staaten von Europa ist es auch nicht zu einem europäischen Verständnis gekommen, was ein Europa ist und sein soll, welche Problematik des Verstehens dafür bestünde. Und das, obwohl mit dem nach europäischen Regeln erstellten und beschriebenen Europäischen System Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (ESVG 2010) allen, die sich für die künftige Gestaltung Europas einsetzen — Institutionen, Unternehmen und Bürger —, die Möglichkeit gegeben sei, ihr Verständnis von ein Europa auf eine umfassende Kenntnis der jeweiligen Problematik zu stützen.

Als Ergebnis unserer Analyse des Europäischen Systems volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 2010[1]) konnten wir festhalten, dass mit diesem System, mit seiner Anwendung, keine Krisen verhindernde politische Strategien konzipiert und realisiert wurden und feststellbar wurde auch, dass damit keine Strategie für ein berechenbares Verstehen von ein Europa, zu dessen künftigen Gestaltung, konzipiert werden kann. ESVG 2010 kann als ein System von Gesamtrechnungen verstanden werden, mit dem eine statistische Beschreibung und Berechnung der Volkswirtschaften der Mitgliedstaaten und der Union ermöglicht werde. Aber eben nicht die Beschreibung und Berechnung eines Systems von ein Europa.

Die Ergebnisse unserer Analyse dieses Systems und des daraus Geschlussfolgerten – ESVG 2010 ist ein System berechenbaren Missverstehens von Europa – rief natürlich auch bei uns die Frage nach dem richtigen Verstehen von ein Europa hervor. Insbesondere die nach einer Darstellung eines berechenbaren Systems, das als ein Europa zu verstehen und zu bezeichnen wäre.

 Die Ergebnisse unserer Auseinandersetzung mit dem ESVG 2010 ermöglicht und bedingt, das Verstehen von ein Europa nicht auf das von einem System von Volkswirtschaften und deren Gesamtrechnungen zu beschränken. Für ein Verstehen von ein Europa, für ein Verstehen von Analyse und Politik zu dessen künftigen Gestaltung, ist dessen „Reproduktion“ zu erfassen und berechenbar darzustellen.

Zur Anregung und zur Vermeidung, dass die Verwendung der Worte Reproduktion, Europa hier auch einem beliebigen Verstehen überlassen bleibt, wollen wir zunächst erläutern, mit welchem Verstehen wir diese Worte verwenden.

 Die Worte Reproduktion und Europa

 Reproduktion

Das Wort Reproduktion ist Teil des Titels unserer Schrift; es ist von uns nicht definiert. Wir verwenden dieses Wort auch nicht als Begriff, sondern in der Bedeutung eines Prozesses der Aufrechterhaltung des Zusammenhangs von Leben/ Zusammenleben mit auf dessen Mittel und Bedingungen und mit diesen dafür, also der Aufrechterhaltung dieses Zusammenhangs.

Diese Bedeutung kommt zwar auch in der beschriebenen Definition Nachhaltigkeit zum Ausdruck. Aber wir verwenden dieses Wort nicht, weil es ein Verstehen von einem subjektiv Handelnden, von einer Tätigkeit (Nachhalten) eines Subjekts vermittelt. Es ist herrschendes deutsches Verständnis, dass die (falsche) Übersetzung des Wortes „sustainable“ aus dem Englischen mit „nachhalten“ richtig sei.  

Wir verwenden also das Wort Reproduktion mit dem Verstehen dieser Bedeutung eines Prozesses der Aufrechterhaltung objektiv bedingter und sich bedingender Zusammenhänge, deren Reproduktion wir für Europa erkennen und verstehen wollen. Es sind sowohl korrelative als auch kausale feststellbare Zusammenhänge von als Politik und „Ökonomie“, von als „kapitalistische Reproduktionsweise“ und Umwelt Bezeichneten, die gegenwärtig in einer solchen Art und Weise mit der Folge ihrer Auflösung reproduziert (aufrechterhalten) werden. Es ist die Art und Weise des Reproduzierens, bei der dessen Abhängigkeit von den natürlichen Reproduktionen der Mittel und Bedingungen Europas nicht beachtet wird, diese Mittel und Bedingungen und deren Reproduktion zerstört werden. Wir wollen dafür auch das Verständnis von der Reproduktion eines Systems verwenden. Eines Systems mit den Elementen Mensch und Natur und deren eine Struktur bildenden Beziehungen und Verhältnisse. Ein System, das durch des Menschen Verhalten zur Natur ein gesondert feststellbares System des Systems Natur ist.

Das Charakteristische der feststellbaren Zusammenhänge von Politik und „Ökonomie“[2] kann als „Politische Ökonomie des Kapitalismus“ bezeichnet werden.

Folge (resultierende Wirkung) des Nichtverstehens und der Nichtbeachtung dieser objektiv bedingten und sich bedingenden Zusammenhänge waren stets Krisen, Auflösungen, Vernichtungen der jeweils sich historisch entwickelten Gebilde dieser Zusammenhänge, also jeweils die der Art und Weise und der Verhältnisse des Lebens, des Zusammenlebens.

Mit welcher Bedeutung das Wort Reproduktion die Leser verstehen, bleibt ihnen zunächst überlassen. Wer aber wissen will, was als Charakteristisches des heutigen Lebens, Zusammenlebens der Menschen, ihrer Gesellschaften feststellbar ist, dass dieses Charakteristische als „gesellschaftlicher Reproduktionsprozess auf kapitalistischer Grundlage“[3] verstanden und bezeichnen werden kann, der lese das „Das Kapital“ und setze sich damit auseinander.

Wir wollen nun erklären, mit welchem Verstehen wir das Wort Europa verwenden

Europa

Mit „Europäische Union“ wird zum Beispiel ein Verstehen vermittelt, damit werde die Union Europas bezeichnet. Vermittelt wird ein Verstehen von einem bestehenden Gebilde  nämlich das von ein Europa. Die nach diesem Verständnis nicht zur Europäischen Union gehörenden Staaten (regierten Länder) wären demnach also nicht Teil Europas, sie dürften gemeinsam also nicht als zu Europa zugehörig verstanden und bezeichnet werden. Es ist Alleivertretungsanspruch des Verstehens von Europa.

Um also mit unserer Verwendung des Wortes Europa hier nicht beliebig verstanden zu werden, beliebig verstanden werden zu können, wollen wir das Wort Europa als Bezeichnung für eine Jahrtausende Jahre bekannte sichtbare Fläche der Erde verwenden, die in der Geologie als „Kontinent“ (oder „Subkontinent“) bezeichnet wird. Dieses Verstehen der Geologie-Wissenschaft von einem „Kontinent“ mit der aus der griechischen Mythologie entlehnten Bezeichnung „Europa“ müssen wir auch deshalb mit dem Wort Europa verbinden, weil in Bezug auf die Abhängigkeit von diesem Kontinent Europas Reproduktion wissenschaftlich begründet werden kann.

In dieser Bedeutung und Schreibweise verwenden wir im Weiteren das Wort Europa.

Zum Verstehen Europas Reproduktion infolge des II. Weltkrieges

Zum Verstehen des objektiv bedingten und sich bedingenden Zusammenhangs von Politik und Ökonomie in Europa gehört das seiner Entwicklung, seiner historischen und seiner notwendigen zukünftigen. Das Nichtverstehen und damit die Nichtbeachtung dieses Zusammenhangs hat eine selbstzerstörerische Entwicklung der Menschheit, ihr fin de siecle[4], zur Folge. Die zerstörerischen Auswirkungen, und nicht nur die für die Menschheit, des I. und II. Weltkrieges im 20. Jahrhundert, erfordert ein Verstehen dieses Zusammenhangs. Wie dieses Verstehen sich infolge des II. Weltkrieges in Europa entwickelt hat, war und ist eng mit der Beantwortung der Frage nach ein Europa verbunden und zu verbinden.

Erkenntnisse des ersten und vor allem des II. Weltkrieges zu deren Ursachen und zu deren Folgen für das Leben und Zusammenleben in Europa, bedingten ein herrschendes Verständnis von der Notwendigkeit eines Europas miteinander verbundener europäischer Völker. Mit diesem Verständnis kommt die Schlussfolgerung von der Ursache von Kriegen in Europa zum Ausdruck. Es fehlte bislang an einem solchen Europa. Es fehlte bislang an miteinander verbundener Völker auf dem Kontinent Europa.

Doch seit mehr als zweitausend Jahren ist immer wieder auf dem Kontinent Europa ein „Reich“, ein Macht-Bereich über viele europäische Völkern, gebildet worden. Und immer wieder zerfiel ein solches „Reich“ in miteinander konkurrierender Mächtiger europäischer Völker. Ursache dafür war also nicht ein fehlendes Verständnis von einer Notwendigkeit eines Europas.

Das Bretton-Woods-Abkommen 1944, von 44 Teilnehmerstaaten unterzeichnet, sollte der Neuordnung der Weltwirtschaft dienen und die Grundlage für eine neue Weltwährungsordnung mit festen Wechselkursen bilden. Die Teilnehmerstatten kamen mit diesem Abkommen dem Verstehen der ökonomischen Ursache von Kriegen schon näher, ohne die Ursache der Widersprüchlichkeit der Handlungsmaxime für die Umsetzung dieses Abkommens (Triffin-Dilemma) zu verstehen oder die unterschiedliche ökonomische Macht der dieses Abkommen beschließenden Staaten zu berücksichtigen, berücksichtigen zu wollen. Zur Widersprüchlichkeit der Handlungsmaxime später mehr.

Es war und ist heute noch ein Verstehen von Kriegen verursachende Probleme des  Zusammenlebens, als Probleme dessen wirtschaftliche Aufrechterhaltung. Es war und ist also kein Verstehen von Reproduktion.

 Folgen des unterschiedlichen Verstehens der „Siegermächte“ von ein Europa

Ökonomische/militärische Macht bestimmte mit der Beendigung des II. Weltkrieges (welche in Europa die bedingungslose Kapitulation Deutschlands erzwungen hatte) das Verstehen von einer Ordnung Europas und seiner Völker. Mit dieser Macht bestimmten drei der Siegermächte des II. Weltkrieges („Berlin Conference of the Three Heads of Government of the U.S.S.R., U.S.A., and U.K.“) im Potsdamer Abkommen von 1945 das Verstehen von einer solchen Ordnung für die Völker des Kontinents Europa. Es war ihr widersprüchliches Verstehen von ein Europa. Ein jeweils von ihren konkurrierenden Interessen geleitetes Verstehen.

Bereits 1948 wurde auf Anregung der USA eine kontinentale Planungskommission für Europa etabliert (OECD). Die von den „Siegermächten“ USA und UK eingesetzten Ländervertretern hatten sich zu einer liberalen, marktwirtschaftlichen und effizienten Wirtschaftsordnung zu bekennen und sollten zu einer Ausweitung des Welthandels auf multilateraler Basis beitragen.

Dieser auf Betreibendes American Committee for a United Europezur Förderung einesfreien und vereinigten Europas verpflichtenden Anregung folgend gründeten im Mai 1949 zehn nord- und westeuropäischen Staaten einen „Zehnmächtepakt“, mit der Bezeichnung „Europarat“, der es als seine Aufgabe verstand, einen Entwurf für eine Verfassung der Vereinigten Staaten von Europa mit einer liberalen, marktwirtschaftlichen und effizienten Wirtschaftsordnung zu erarbeiten.

Aber dieses Verstehen des „Europarates“ von ein Europa war nicht gleich das Verstehen aller Staaten auf dem Kontinent Europa, welche die Schaffung des Europarates und eine europäische Menschenrechtskonvention geforderten hatten[5]. Und ihr Verstehen dazu konnte auch nicht gleich sein, was für ein Europa die Vereinigten Staaten von Europa sein sollte, wodurch und wie europäische Völker verbunden sind und zu einem Europa verbunden werden könnten.

Europa als West – Ost Machtbereiche

Das ihren konkurrierenden Interessen folgende ungleiche, widersprüchliche Verstehen hatte eine Aufteilung Europas in “West” und “Ost”, in Machtbereiche (Blöcke) zur Folge, so dass für die in dem Herrschaftsbereich der jeweiligen „Siegermacht“ eingeordneten Staaten sich auch dem herrschenden Verständnis der „Siegermacht“ unterordnen mussten.

Und doch wurden alle weiteren ab Mai 1949 durchgeführten Konferenzen, gegründeten Organisationen/ Foren und geschlossene Verträge von und für Staaten Europas mit dem Attribut europäisch versehen. Sie hatten und haben aber allenfalls – und nicht nur bis 1990 – zum Ziel das Bestehenbleiben von Staaten Europas und ihre Zusammenarbeit. Trennlinien zwischen ihnen waren und blieben weiterhin dabei nicht nur ihre Landesgrenzen. Die Verfassungen der Staaten Europas dieser Blöcke waren mit gegensätzlichen herrschenden Verständnissen von Politischer Ökonomie konstituiert worden.

Die infolge der Zerstörungen durch den II. Weltkrieg zu beantwortender Frage, wie mit den Zwängen der Notwendigkeit den vorhandenen Möglichkeiten entsprochen werden kann, Mittel und Bedingungen des Lebens/ Zusammenlebens zu produzieren und zu sichern, bestimmte das gegensätzliche herrschende Verständnis in „West“ und „Ost“ davon. Bestimmte das von Politischer Ökonomie für „West“ einerseits und für „Ost“ andererseits.

Auch deshalb gab es kein gleiches europäisches Verstehen von einer europäischen Politischen Ökonomie, von der Reproduktion Europas. Gleichwohl aber gleiches dazu, den genannten Zwängen mit Staaten übergreifenden Verband von Produktions- und Sicherungspotenzialen zu entgegnen. Beispielhaft dafür waren die für Potenziale der Kohle und Stahlproduktion („Montanunion“) und für Nuklearenergie (jeweils als Europäische Gemeinschaft verstanden), die von einigen Staaten Europas gebildet und mit einer „Hohen Behörde“ ausgestattet worden waren. Ein solcher Verband entsprach dem Verständnis einer europäischen Politischen Ökonomie, aber diese (noch) nicht mit „kapitalistischen“ Charakter“. Also nicht ein Verband für einen gemeinsamen Markt und auch nicht mit dem eines „Staatenverbundes“ für ein Europa.

Als Antwort auf die Frage zu ein Europa wurde zwar die Bildung von Wirtschaftsgemeinschaften (westeuropäisch: „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG“, osteuropäisch: „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe RGW“) gleichermaßen in „West“ und „Ost“ verstanden. Es war und ist aber eben nicht ein gleiches herrschendes Verständnis davon und gleich gar nicht von einer europäischen Politischen Ökonomie.

Für die Bildung einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und auch für eine Europäische Union („Staatenverbund“) fehlte und fehlt ein solches gleiches europäisches Verständnis. Das gegensätzliches in „West“ und „Ost“ von Wirtschaft, von einem Zusammenhang von Politik und Wirtschaft bewirkte Konfrontationen zwischen den Blöcken und vertiefte mit diesen diese Teilung Europas und gefährdete dadurch immer mehr die Sicherheit der europäischen Völker und verringerte Möglichkeiten ihrer notwendigen Zusammenarbeit.

Europa als aufgelöste West – Ost Machtbereiche

 Mit der ökonomisch bedingten Herauslösung der DDR aus dem Ostblock und ihrem Eintritt in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) 1990 wurde scheinbar auch die Blockbildung der Staaten in Europa beendet.

32 europäische Staaten sowie die USA und Kanada  erklärten 1990  in Paris als Schlussdokument der KSZE-Sondergipfelkonferenz die Spaltung Europas für beendet und beschlossen eine Charta[6] für ein neues Europa, auf deren Grundlage in und für Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit geschaffen werde. Die zehn Prinzipien der Schlussakte von Helsinki (1973) werden uns in diese im Zeichen hoher Aufgaben stehende Zukunft leiten.

 Wie in dieser Charte von Paris gehörten „Menschenrechte“, „freundschaftliche Beziehungen zwischen den Teilnehmerstaaten“, „Sicherheit und Einheit“ bereits zu den Prinzipien der Schlussakte von Helsinki. Diese waren von allen anerkannt, die diese als Schlussakte verabschiedet hatten. Europa verstanden sie aber nicht deshalb als Werte-Union.

Die ökonomisch bedingte Beendigung der Blockbildung bedingte wiederum, den Ost-West-Konflikt zum Verstehen der Politischen Ökonomie zu beenden. Die in der Charta von Paris vereinbarten PrinzipenDemokratie und Rechtsstaatlichkeit“, „wirtschaftliche Freiheit“, „soziale Gerechtigkeit und Verantwortung für die Umwelt“ wurden als das Charakteristische von Politik und Wirtschaft, von deren Zusammenhang verstanden. Und scheinbar mit diesem auch das von einer europäischen Politischen Ökonomie.

Scheinbar ist in diesem Verständnis damit auch die Frage nach dem Ziel der europäischen Völker beantwortet, nach dem, was für ein Gebilde ihres miteinander Verbundenes sein soll und auch die Frage nach dem Weg (Integrationsvertrag) zu diesem Verbund. Und scheinbar kommt damit auch das gleiche verstandene Charakteristische des mit Europa, mit Europäische Gemeinschaft Bezeichneten zum Ausdruck, weshalb auch das Wort Europa (nun) als Begriff verwendet werden könnte.

Nur scheinbar ist diese Frage damit beantwortet worden. Denn es ist damit keine Antwort gegeben, warum trotz dieser Charta von Paris weiterhin Krisen (in deren Folgen auch Kriege) in Europa nicht verhindert werden konnten. Es seien bisher nicht beherrschbare, sich auf alles und alle auswirkenden Änderungen gewesen, weshalb Krisen nicht verhindert werden konnten?

Und nicht beantwortet ist, warum trotz der mit dieser Charta von Paris vereinbarten Prinzipien (bisher), und trotz der Auflösung der Machtbereiche West – Ost, kein Verbund europäischer Völker gebildet worden ist, Krisen in Europa weiterhin nicht verhindert worden sind und  werden.

Weil aber Krisen als menschengemacht, und zwar nicht als Folge dieser Prinzipien, sondern als ungelöstes Problem der Menschheitsentwicklung, erklärt werden, kommen wir um eine Auseinandersetzung mit dieser Erklärung nicht umhin. Es ist vor allem eine Auseinandersetzung mit dem dieser Erklärung zugrundeliegenden beherrschenden Verständnis, also mit dem in Europa.

Wird dieses Verständnis in unseren folgenden weiteren Ausführungen gemeint, so wird mit in kursiv geschriebenen Worten oder Sätzen darauf verwiesen, wenn nicht als Zitat kenntlich gemacht.

  Krisen

Klimaschutz, Umweltschutz

Wir nehmen zu diesen Bezeichnungen Bezug auf die veröffentlichten mannigfachen Beschreibungen derjenigen vielen, die für Artenvielfalt und den Schutz intakter Lebensräume, für gute Luft, sauberes Wasser, gesunde Böden und den schonenden Umgang mit unseren endlichen Ressourcen tätig sind. Sie begründen diese Tätigkeit mit ihrem Verständnis, dass Artenschwund, Wasser- und Luftverschmutzung, Zersiedlung der Landschaft, das Verschwinden von Hecken und die Trockenlegung von Feuchtgebieten unübersehbare zerstörerischer Auswirkungen auf das Leben/ Zusammenleben haben. Diese ihre Begründung weist auch auf einen verstandenen charakteristischen Zusammenhang von Umwelt und Leben/ Zusammenleben hin.

Seit jeher befassten sich Menschen mit dem Verstehen dieses Zusammenhangs. Von diesen seien hier beispielgebend genannt der griechische Philosophen Platon in seinem Werk „Politeia“ (Stadt und Umland), der britische Nationalökonom Thomas Malthus in seinem Essay on the Principle of Population (1798) und Alexander von Humboldt in seinem Kosmos (1859). Und auch die Bestimmung von Schutzgebieten natürlicher Entwicklungen in vielen Ländern der Erde („Nationalparks“, „Naturreservate“) sind Resultat eines Verstehens dieses charakteristischen Zusammenhangs.

Das Verstehen davon und die Tätigkeiten zum Schutz von Umwelt und Natur einerseits sowie Krisen andererseits widersprechen sich scheinbar. Doch scheinbar wird dieser Widerspruch immer wieder hergestellt, aufrechterhalten,– reproduziert. Also scheinbar Krisen reproduziert.

Reproduziert wird aber nicht dieser Widerspruch, sondern reproduziert wird das herrschende Missverstehen vom Zusammenhang von Leben/ Zusammenleben und Umwelt[7]. Dieses Missverstehen ist nicht Ursache, dass dieser Widerspruch ein ungelöstes Problem der Menschheitsentwicklung sei, sondern Folge eines darauf beruhenden anderen Widerspruchs. Denn ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Krisen und der Tätigkeiten zum Schutz der Natur besteht nicht. Diese Tätigkeiten zum Schutz sind auch Folge des Missverstehens der Ursache von Krisen: es fehlte bislang nur an solchen Tätigkeiten des Schutzes.

Es ist der Widerspruch zur Erkenntnis vom Zusammenhang der resultierten Wirkung der Tätigkeiten der Menschen des Veränderns und der resultierten Wirkung der Änderungen[8] der Natur, der als resultierende Wechselwirkungen jetzt immer mehr Natur und Leben/ Zusammenleben charakterisiert, diesen Zusammenhang des Veränderns und der Änderungen als zerstörerisch charakterisieren.

Ursache dafür ist also nicht, dass es an Tätigkeiten des Schutzes fehlte und fehlt, sondern es ist das Missverstehen der Ursache dieses Zusammenhangs des Veränderns und der Änderungen mit der Folge daraus resultierender zerstörerischer Wirkung. Es fehlte und fehlt an einem herrschenden Verständnis von diesem Zusammenhang und an daraus resultierenden Tätigkeiten gegen das die Natur zerstörende Missverstehen vom Verursachendem und zum Verursachenden.

Ungelöstes Problem der Menschheitsentwicklung

Dieses herrschende (Miss-)Verständnis bezeichnet also zwar die Folge der Umweltzerstörung durch die Menschen als Krise, aber erklärt, dass deren Ursache als ein ungelöstes Problem der Menschheitsentwicklung zu verstehen sei. Dieses Problem müsse durch eine Transformation zu einer sozial-ökologischen, gerechten, demokratischen Zukunft (Utopie) gelöst werden. Das wäre das richtige Verstehen zur Lösung dieses Problems. Doch trotz dem, es ist bisher nicht gelöst worden.

Wir verstehen und verwenden im Weiteren das Wort Krise im Kontext, dass sie Folge eines ungelösten Problem der Menschheitsentwicklung sei.

Denn dieses ungelöste Problem der Menschheitsentwicklung sei scheinbar auch als ein für Europa ungelöstes zu verstehen. Und zwar nicht nur deshalb, weil alle historischen Versuche, dieses Problem mit der Schaffung eines Europas zu lösen, gescheitert waren, sondern auch deshalb, weil doch seit dem 15.Jahrhundert (auch) in Europa bereits Methoden erarbeitet, veröffentlicht und angewendet wurden und werden für die Erfassung und Berechnung von Daten des Lebens/ Zusammenlebens und der Umwelt, um damit auch deren Zusammenhang und eine Lösung dieses Problems verstehen zu können. Trotzdem ist es ja nicht gelöst worden. Doch auch mit dem Anfang des 21. Jahrhunderts angewendeten System – „Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen 2010- ESVG 2010“ – hat sich an diesem Verständnis von einem ungelösten Problem der Menschheitsentwicklung nichts geändert.

Nichts geändert daran, obwohl das ESVG 2010 ein wesentliches Instrument sei für die Formulierung und Umsetzung der gesamten Bandbreite der politischen Maßnahmen der [Europäischen] Union . . ., ob es nun um Wirtschaft, Landwirtschaft, die Regionen, die Sozial-, die Unternehmens- oder die Umweltpolitik geht?[9] Das ESVG 2010 diene doch primär der Erfassung und Beschreibung des Wirtschaftskreislaufs und es könnte im Zusammenhang damit die Festlegung und Überwachung der [europäischen] Wirtschafts- und Sozialpolitik begründet werden!

Mit der Anwendung des ESVG 2010 konnte Politik also dem Verstehen des ungelösten Problems der Menschheitsentwicklung auch nicht näherkommen. Auch nicht wenigstens dem Verstehen des Problems der europäischen Wirtschaft und ihrer Entwicklung, dem Verstehen deren Zusammenhang mit Leben, mit Zusammenleben in Europa. Nicht dem Verstehen näherkommen der Tätigkeit des Veränderns im Zusammenhang mit den Änderungen der Natur, dem Verstehen der resultierenden Folgen deren Wechselwirkungen. Also nicht dem Verstehen Europas Reproduktion. 

Ein Europa – ein europäisches  herrschendes Verständnis

Aus der Erkenntnis zweier Weltkriege und der Aufteilung Europas in Machtbereiuche, dass „Kleinstaaterei“ Kriege verursachen und zwar dann, wenn Wirtschaft-Konkurrenz Völkern ein nicht mehr aufrechtzuerhaltendes gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht ihrer Ländern mit ihren jeweiligen Staaten zur Folge hat, resultiert auch das bestehende herrschende Verständnis, einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker zu schaffen [und] durch diesen Zusammenschluss ihrer Wirtschaftskräfte Frieden und Freiheit zu wahren und zu festigen, europäische Integration der Völker Europas voranzutreiben.

In der erwähnten Charta von Paris, welche die Staats- und Regierungschefs der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) verabschiedeten, ist Demokratie als Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens unter Wahrung der Rechtsstaatlichkeit und der Meinungsfreiheit vereinbart, mit der die Teilung Europas überwunden werde, also dass das durch vertraglich Vereinbarte von den Vertragspartnern als (Rechts-)Normen anerkannt worden ist und als ihre Verpflichtung, es zu verwirklichen.

Feststellbar ist aber, dass auch nicht mit allen anderen europäischen Verträgen Krisen verhindert oder deren Ursachen damit beseitigt worden sind. Eher sind mit diesem Verständnis, mittels Vertrag Recht zu setzen und durchzusetzen, die Auswirkungen von Krisen größer geworden.

Feststellbar sind die resultierenden Auswirkungen des Zusammenhangs von Politik zur Verwirklichung der in Verträgen proklamierten Ziele und übernommenen Verpflichtungen, diese zu erreichen, einerseits und den damit nicht überwundenen wirtschaftlichen Ungleichgewichten der Länder in Europa andererseits, der somit aufrechtherhalten (reproduziert) wurde und wird.  

Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte der Länder und in der Folge der zwischen den Ländern in Europa vergrößerten sich mit der Vergrößerung des Kapitalverkehrs, mit dem freien Verkehr immer größerer Kapitale, der immer weniger staatliche Beschränkungen bedingte. Deshalb sollten mittels Vertrag von Staaten einerseits diese Beschränkungen aufgelöst und andererseits dieser als (ihre) europäische Wirtschaftsgemeinschaft verstanden werden.

Verhindert wurden aber mit diesen nicht Krisen immer größer werdenden wirtschaftlicher Ungleichgewichte. Die zunehmende Fragwürdigkeit der Bezeichnung europäische Wirtschaftsgemeinschaft, also worin diese Gemeinschaft bestünde, wie mit dieser ein immer engerer Zusammenschluss der europäischen Völker zu schaffen sei, erforderte ein Antwort, die mit der Verwirklichung der Prinzipien der Charta von Paris zu geben sei.

Demokratische europäische Integrationen für ein Europa

Mit Verweis auf die Charta von Paris, auf Demokratie als Grundlage aller ihrer anderen Prinzipien,  sind die nach dem II. Weltkrieg gebildeten Wirtschaftsgemeinschaften nach 1990 aufgelöst oder in völkerrechtliche Verträge fortgeführt oder wie mit dem völkerrechtlichen Vertrag von Maastricht 1993 abgelöst worden.

Integration mittels Vertrag – EUROPÄISCHEN UNION 

In diesem Vertrag von Maastricht heißt es: „Durch diesen VERTRAG ÜBER DIE EUROPÄISCHE UNION [EUV] „gründen die HOHEN VERTRAGSPARTEIEN untereinander eine EUROPÄISCHE UNION (im Folgenden Union), der die Mitgliedstaaten Zuständigkeiten zur Verwirklichung ihrer gemeinsamen Ziele übertragen. Dieser Vertrag stellt eine neue Stufe bei der Verwirklichung einer immer engeren Union der Völker Europas dar, in der die Entscheidungen möglichst offen und möglichst bürgernah getroffen werden.“ (Artikel 1 EUV Sätze 1 und 2)

Artikel 2 EUV bezeichnet die Werte, auf die sich die Union gründet und bestimmt, dass diese Werte allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam sind, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet. Es sind moralische, ethische, ideologisch abgeleitet Werte. Mit Artikel 2 EUV wird betont, dass die mit diesem Vertrag gebildete und als Union bezeichnete Gemeinschaft mehr sei als nur eine Wirtschaftsgemeinschaft.

Im Artikel 3 EUV Absätze (1), (3) und (4)  ist bestimmt, welche der gemeinsamen Ziele als abrechenbare Maßgaben verstanden werden:

  1. „Ziel der Union ist es, den Frieden, ihre Werte und das Wohlergehen ihrer Völker zu fördern“;
  2. „Die Union errichtet einen Binnenmarkt“ [um die Stärkung und die Konvergenz ihrer Volkswirtschaften herbeizuführen];
  3. „Die Union errichtet eine Wirtschafts- und Währungsunion, deren Währung der Euro ist.“

Weil aber die Europäische Union (im FGolgenden Union) kein handelndes Subjekt ist und auch nicht sein kann, wird scheinbar Hilfe zum Verstehen der Handelnden der Union im EUV unter TITEL III BESTIMMUNGEN ÜBER DIE ORGANE gegeben. Dazu ist dort eingangs zunächst erläutert, dass die Union über einen institutionellen Rahmen und 9 Organe verfügt, um die Kohärenz, Effizienz und Kontinuität ihrer Politik und ihrer Maßnahmen sicherzustellen.

In einzelnen Artikeln darunter ist u.a. bestimmt, welche von diesen Organen als Gesetzgeber und als politisch Handelnde gelten:Das Europäische Parlament wird gemeinsam mit dem Rat als Gesetzgeber tätig und übt gemeinsam mit ihm die Haushaltsbefugnisse aus. Es erfüllt Aufgaben der politischen Kontrolle und Beratungsfunktionen nach Maßgabe der Verträge,

Der Europäische Rat setzt sich zusammen aus den Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten sowie dem Präsidenten des Europäischen Rates und dem Präsidenten der Kommission und gibt der Union die für ihre Entwicklung erforderlichen Impulse und legt die allgemeinen politischen Zielvorstellungen und Prioritäten hierfür fest. Er wird nicht gesetzgeberisch tätig.

Der Rat besteht aus je einem Vertreter jedes Mitgliedstaats auf Ministerebene, der befugt ist, für die Regierung des von ihm vertretenen Mitgliedstaats verbindlich zu handeln und das Stimmrecht auszuüben. Er wird gemeinsam mit dem Europäischen Parlament als Gesetzgeber tätig und übt gemeinsam mit ihm die Haushaltsbefugnisse aus. Zu seinen Aufgaben gehört die Festlegung der Politik und die Koordinierung nach Maßgabe der Verträge.

Die Kommission fördert die allgemeinen Interessen der Union und ergreift geeignete Initiativen zu diesem Zweck. Sie sorgt für die Anwendung der Verträge sowie der von den Organen kraft der Verträge erlassenen Maßnahmen. Sie überwacht die Anwendung des Unionsrechts unter der Kontrolle des Gerichtshofs der Europäischen Union. Sie führt den Haushaltsplan aus und verwaltet die Programme. Sie übt nach Maßgabe der Verträge Koordinierungs-, Exekutiv- und Verwaltungsfunktionen aus.

 Übertragung von Zuständigkeit auf EU-Organe

Nach Artikel 1 EUV sind also die EU-Organe entsprechend ihnen übertragener Zuständigkeit tätig. Die Übertragenen sind die den Europäischen Rat bildenden Staats- oder Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten. Doch widersprüchlich ist die Bestimmung zu verstehen , dass der Rat als Gesetzgeber tätig ist, aber der Europäische Rat nicht gesetzgeberisch tätig werde. Mit EUV Artikel 5 wird scheinbar deshalb eine Erläuterung zum Verstehen von Zuständigkeiten und ihre Abgrenzung gegeben:

 Für die Abgrenzung der Zuständigkeiten der Union gilt der Grundsatz der begrenzten Einzelermächtigung. Für die Ausübung der Zuständigkeiten der Union gelten die Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit. Nach dem Grundsatz der begrenzten Einzelermächtigung wird die Union nur innerhalb der Grenzen der Zuständigkeiten tätig, die die Mitgliedstaaten ihr in den Verträgen zur Verwirklichung der darin niedergelegten Ziele übertragen haben. Alle der Union nicht in den Verträgen übertragenen Zuständigkeiten verbleiben bei den Mitgliedstaaten

Doch dabei ist zu beachten, dass einerseits es sich um übertragene Zuständigkeiten zur und für die Verwirklichung der im EUV vereinbarten gemeinsamen Ziele handelt und nicht um die der Union nach Verwirklichung dieser Ziele. Und andererseits, dass für die Ausübung der übertragenen Zuständigkeit der Grundsatz der begrenzten Einzelermächtigung gilt. Also nicht jede Übertragung von Zuständigkeit bedeutet die Berechtigung ihrer Ausübung. Ein solches differenziertes Verstehen der vereinbarten Zuständigkeit ist mit dem des Artikels 10 Absatz 1 EUV verbunden: Die Arbeitsweise der Union beruht auf der repräsentativen Demokratie.

Weil aber weder die Union ein handelndes Subjekt ist und nicht sein kann noch die Abgeordneten des Europäischen Parlaments Vertreter eines (Staats-)Volkes sind, ist mit diesem eine demokratische Kontrolle der Gesetzgebungen und politischer Handlungen der Organe der Union nicht gegeben. Jede einzelermächtigte Ausübung übertragener Zuständigkeit beruht auf der repräsentativen Demokratie der EU-Mitgliedstaaten.

Als zur einzelermächtigten Ausübung gilt die mit dem EUV übertragene Zuständigkeit des Errichtens eines Binnenmarktes, einer Wirtschafts- und Währungsunion, deren Währung der Euro ist, und zwar mit einer Arbeitsweise, die auf repräsentativer Demokratie beruht. Das Verwirklichen des Vertrages (EUV) wird als demokratischer europäischer Integrationsprozess verstanden und bezeichnet.

Das Charakteristische dieses Vertrages (EUV) unterscheidet sich also nicht von dem einer Wirtschaftsgemeinschaft. Auch nicht durch die in der Präambel des Vertrages zum Ausdruck gebrachten Entschlossenheit der Vertragsparteien, mit der Verwirklichung des vertraglich vereinbarten gemeinsamen Zieles, eine feste Grundlage für die Gestalt des zukünftigen Europas zu schaffen. Und ebenso unterschiedet er sich nicht darin, dass die Vertragsparteien sich verpflichtet haben, die in Artikel 2 EUV genannten Werte, auf die sich die Union gründe, als gemeinsame Werte aller Mitgliedstaaten anzuerkennen und mit diesen sich als Union zu verstehen.

Halten wir zunächst dazu fest, dass Gegenstand des EUV die vereinbarten Tätigkeiten des Errichtens eines Binnenmarktes, einer Wirtschafts- und Währungsunion und des Installierens einer Währung (Euro) für die Union sind.

Ein solches Verstehen wirft allerdings die Frage auf, womit und wie demokratisch die Grenzen (Begrenzungen) dieser als einzelermächtigten geltenden auszuübenden Tätigkeiten bestimmt sind und woran deren Einhaltung oder Nichteinhaltung festgestellt werden kann.

Weil für das „Errichten“, für das „Installieren“, also für das Verstehen einer Tätigkeit, allein keine Grenze des Verstehens angegeben werden kann, wird das Verstehen der Grenzen der Zuständigkeit der Union für das Errichten (Binnenmarkt, Wirtschaft- und Währungsunion) oder für das Installieren (Währung) durch ein unterschiedliches, anderes Verstehen der EU-Mitgliedsstaaten demokratisch dazu selbst begrenzt. Und zwar trotz deren demokratisch zum Ausdruck gebrachten Entschlossenheit, mit diesen Tätigkeiten eine Wirtschafts- und Währungsunion zu bilden.

Politische europäische Integration der EU-Mitgliedstaaten

Das unterschiedliche und auch gegensätzliche Verstehen von und zu den Grenzen der Zuständigkeiten der Union, der Organe der Union, veranlasste die EU-Mitgliedstaaten, um ihre Volkswirtschaften zu einigen (Präambel AEUV), die bisher geschlossenen Verträge zu ändern und diese vor allem als einen politischen Integrationsprozess der EU-Mitgliedstaaten verstehen zu wollen und zu verwirklichen.

Mit einer Verfassung, Verfassung für Europa, ein gleiches Verstehen von einer Europäischen Union zu begründen und alle auf dieser Grundlage getroffenen Entscheidungen, alle Politiken, der Organe der Union damit zu legitimieren. Die bisherige unpolitische Art und Weise der Durchsetzung /Verwirklichung der EU-Verträge sollte zu einer konstitutionellen politischen verändert werden.

Die Inkraftsetzung des von den EU-Mitgliedstaaten, Staats- und Regierungschefs der EU, erarbeitet Verfassungsvertrages scheiterte 2007, weil die Volksabstimmungen in Frankreich und in den Niederlanden ihn nicht gebilligt hatten.

Mit dem 2009 in Kraft gesetzten „Vertrag von Lissabon“ sollten einerseits Volksabstimmungen respektiert bleiben, aber andererseits das mit dem Verfassungsvertrag vereinbarte Ziel der EU-Mitgliedstaaten, ein vereintes Europa, mit diesem Vertrag erreicht werden. 

Schauen wir uns diesen Vertrag an, dessen Gegenstand scheinbar nur die Arbeitsweise (die Politik) der Union, der Organe der Union ist, mit dem dieses vereinbarte Ziel verwirklicht werden soll.

VERTRAG ÜBER DIE ARBEITSWEISE DER EUROPÄISCHEN UNION

Mit dem VERTRAG ÜBER DIE ARBEITSWEISE DER EUROPÄISCHEN UNION (AEUV) – Vertrag von Lissabon 2007/2009 (Änderungen des Vertrages über die Europäische Union und des Vertrages zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft) – sollte gleichzeitig das Charakteristische der EU-Verträge verändert werden.

In der Präambel des Vertrages von Lissabon werden keine neuen Ziele des demokratischen europäischen Integrationsprozesses genannt, sondern markante Tätigkeiten und erwartete Ergebnisse der Verwirklichung des in den EU-Verträgen Vereinbarten. Mit den vereinbarten Tätigkeiten derUnion „zu schaffen“, „beseitigen“, „anzustreben“, „zu gewährleisten“, „verringern“, „beizutragen“, „zu fördern“, „anzuschließen“, „hinzuwirken“ werde diese zu einer immer engeren Unionführen. Scheinbar charakterisieren diese Tätigkeiten die Arbeitsweise der Europäischen Union. Sie seien Ausdruck gleichen Verstehens dazu und damit auch zur Abgrenzung der Zuständigkeiten der Union.

Deshalb bestimme Artikel 1 des Vertrages (AEUV): „Dieser Vertrag regelt die Arbeitsweise der Union und legt die Bereiche, die Abgrenzung und die Einzelheiten der Ausübung ihrer Zuständigkeiten fest“. Regelungen und Festlegungen erfolgen in 358 Artikeln mit 43 Erklärungen zu Artikeln des AEU-Vertrages sowie in 15 Erklärungen von Mitgliedstaaten zum Verstehen des AEU-Vertrages und zu diesem Verstehen die in 7 Erklärungen sowie in den den Verträgen beigefügten 37 Protokollen. Diese Erklärungen und Protokolle wiederum regeln jeweils ganz spezifische Belange von Vertragsparteien und gelten jedoch „als Bestandteil der Verträge“ und zu den EUV-/AEUV-Bestimmungen als rechtlich gleichwertig (Art. 51 EUV).

Dieser AEU-Vertrag gleicht deshalb eher dem einer Verfassung für einen Staat. Doch diesen einen Staat Europäische Union gibt es nicht und die Union kann auch deshalb nicht als ein europäisches Land mit einem Staat (Union-Organe, europäisches Parlament) zu verstehen sein, weil der umfangreichste Teil des AEU-Vertrags ausführliche Regelungen und Festlegungen zu 24 verschiedene Politiken bestimme, für die die Union tätig werden könne.

Dass die Union für diese politischen Tätigkeiten von den Mitgliedstaaten jeweils eine Einzelermächtigung zur Ausübung auch jeder einzelnen dieser Tätigkeiten benötigt, entspräche zwar dem bereits im EU-Vertrag vereinbarten Grundsatz der begrenzten Einzelermächtigung.

Doch im AEU-Vertrag ist zwar dieser Grundsatz (nur) mit dessen 42. Erklärung zu Artikel 352 Absatz (1) Satz 1 erwähnt, aber die dort gegebenen Erläuterungen dazu sind nicht nur widersprüchlich zu verstehen: „Erscheint ein Tätigwerden der Union im Rahmen der in den Verträgen festgelegten Politikbereiche erforderlich, um eines der Ziele der Verträge zu verwirklichen, und sind in den Verträgen die hierfür erforderlichen Befugnisse nicht vorgesehen, so erlässt der Rat einstimmig auf Vorschlag der Kommission und nach Zustimmung des Europäischen Parlaments die geeigneten Vorschriften.“

Der Austausch der Worte Einzelermächtigung zur Ausübung von vertraglich vereinbarten Zuständigkeiten (EUV) mit dem Wort Befugnisse (AEUV) ermöglicht das Erlassen einer von der und für die Union sekundärrechtsverbindlichen Vorschrift, und zwar auch ohne eine gewährte Einzelermächtigung dazu. Denn dieser Grundsatz beträfe Zuständigkeiten, die mit den EU-Verträgen der Union übertragen wurden. Doch übertragen wurden keine Befugnisse. Selbst wenn die beiden Worte (unsinnigerweise) als Synonyme verstanden werden, fehlt es an Einzelermächtigungen zur Ausübung. Die wiederum kann ein Vertreter (Minister) der Regierung eines EU-Mitgliedstaates im Rat nicht erteilen, wenn er für seine Zustimmung zu einer vorgesehenen geeigneten Vorschrift der Union im Rat nicht auf einen entsprechenden Beschluss des Parlaments seines Mitgliedslandes darauf verweisen kann, dass er befugt für diese Zustimmung ist.

Diese Erläuterung im AEUV ermöglicht aber, nicht nur diesen Grundsatz beliebig verstehen zu können, sondern auch den AEUV als „Primärrecht“ zur Setzung von „Sekundärrecht“. Also auch alle auf dessen Grundlage erlassenen (EU-) Verordnungen, Richtlinien als sekundäre Rechtsetzungen. Ein beredtes Beispiel dafür ist die erlassene RICHTLINIE 2014/65/EU DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 15. Mai 2014 über Märkte für Finanzinstrumente auf insgesamt 196 Seiten mit eingangs 170 Absätzen (als Präambel), 96 Artikeln, darunter für 63 Begriffserklärungen, III Anhängen und 50 Verweisen auf Empfehlungen, Richtlinien, Verordnungen der Union.

Mit dieser vereinbarten Arbeitsweise der Union sind Konflikte zum Verstehen „begrenzte Einzelermächtigung“, „Subsidiaritätsprinzip“, „Verhältnismäßigkeit“, Grenze der Zuständigkeiten der Union im Kontext der in der Präambel genannten Tätigkeiten und das mit ihrer Ausführung genannte Erwartete unvermeidbar. Denn weder können diese Tätigkeiten noch kann das mit ihrer Ausführung Erwartete begrenzt, als abgrenzbar verstanden werden. Eine begründete Rechtfertigung zu einer jeweiligen Einzelermächtigung zur Ausübung einer Zuständigkeit oder einer zugestimmten Befugnis dafür ist somit nicht möglich. Schon allein deshalb nicht, weil jede ausgeführte Tätigkeit und also jede einzelermächtigte, ausgeführte Tätigkeit der Union Wirkungen zur Folge hat, die entweder als im Sinne des damit vereinbarten Erwarteten oder eben als nicht in diesem Sinne verstanden werden können.

Daran ändert auch nicht Artikel 1 Absatz 1 AEUV, in dem bestimmt ist, dass die Vertragsparteien vereinbart haben, dass mit der Arbeitsweise der Union Zuständigkeiten festgelegt wurden und festgelegt werden können. Und daran ändert auch nicht Artikel 1 Absatz 2 AEUV, mit dem die Vertragsparteien auf ihr Verstehen hinweisen, sie haben vereinbart, dass diese Verträge EUV und AEUV das Rechtssystem der Union sind.

Die Vertragsparteien folgten und folgen weiter damit der Ideologie, dass ein immer engeres Zusammenschließen, eine immer engere Union primär, aber eben auch durch sekundäre Rechtssetzungen erfolge und dass deshalb dafür immer mehr und ausführlichere sekundäre Rechtsetzungen (Regelungen und Festlegungen) erforderlich seien. Die Vertragsparteien hofften und hoffen weiter, dass mit diesen ein gemeinsames Verstehen von in den EU-Verträgen vereinbarten gemeinsamen Zielen, dass ein gemeinsames Verstehen der Tätigkeiten der Union und dazu, dass dieses zur Verwirklichung der vereinbarten Ziele erforderlich und möglich sei. Und bestimmte Bedenken dazu werden mit dem Hinweis beantwortet, dass nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit die Maßnahmen der Union inhaltlich wie formal nicht über das zur Erreichung der Ziele der Verträge erforderliche Maß hinaus gingen (Artikel 5 Absatz 4 EUV).

Nur war und ist bisher dieses Maß nicht gemeinsam verstanden worden. Auch nicht dazu, dass das erforderlich Maß das Errichten einer Wirtschafts- und Währungsunion sei, die eine „echte“ sein müsse. Geschweige denn, wozu im Verhältnis dieses Maß als erforderlich feststellbar sei, dass über dieses Maß nicht hinausgegangen wurde und wird

Politisches Integrieren der EU-Mitgliedstaaten mittels Rechtssetzungen

Mit dem Errichten einer Wirtschafts- und Währungsunion und der Übertragung von Zuständigkeiten zum Verwirklichen des Errichtens und zum Verwalten von Errichteten auf Organe der Union und auf unabhängige Institutionen der Europäischen Union ist und wird diese Union keine politische, europäische Union.

Mit allen Tätigkeiten des Verwirklichens und Verwaltens der Union, einschließlich mit sekundären Rechtsetzungen dafür, bewirkt sie zwar Politik in der und für die Europäische Union. Diese ist aber nicht gleich der jeweiligen Politiken der EU-Mitgliedsstaaten. Für die mit diesen Tätigkeiten der Union bewirkte Politik fehlt es an demokratischer Legitimation durch Beschlüsse der Parlamente der EU-Mitgliedstaaten.

Beschlüsse des „Europa Parlament“ können diese nicht ersetzen, weil deren gewählten Abgeordneten an Verfassung und Gesetzes ihres jeweiligen EU-Mitgliedsstaates gebunden sind, diesen also nicht mit ihrer Tätigkeit im Europäischen Parlament widersprechen können. Auch nicht damit und dadurch dafür befugt seien, weil die vertragschließenden europäischen Staaten (regierte Gesellschaften) sich als Gemeinschaft gleicher gesellschaftlicher Werte und darauf bezogene vereinbarte politische Ziele verstünden, deren Legitimation im Glauben, Ethik und im Recht verankert seien.

Die Proklamation, die EU-Mitgliedstaaten haben mit den EU-Verträgen eine Gemeinschaft gleicher gesellschaftlicher Werte gebildet, weshalb alle Tätigkeiten der Union, mit der Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker (feste Grundlagen für die Gestalt des zukünftigen Europas) geschaffen werde, legitimiert seien. Im Ergebnis dieser Tätigkeiten werde folgerichtig auch die bestehende unterschiedliche Wirtschaftskraft der EU-Mitgliedsländer und deren unterschiedliches Verstehen davon sowie die unterschiedliche politische Berücksichtigung dieser gemeinschaftlichen Werte in den EU-Mitgliedstaaten nivelliert und überwunden.

Doch damit bleibt weiterhin die Frage nicht beantwortet, welche Gestalt die EU haben soll, womit und wodurch die EU als eine Gemeinschaft feststellbar sein werde, deren Mitglieder sich nicht nur verstehen sollen als eine demokratisch legitimierte integrierte Gemeinschaft gemeinsamer Wirtschaft und gemeinsamer Werte, deren Grundlagen mittels vereinbarten Rechts geschaffen werde.

Denn – wie bereits gesagt – ein als Europa bezeichnetes, mit einem Staat zu verstehendem Gebilde integrierter Völker Europas, mit einer von diesem sich äußernde Politik gibt es ebenso wenig wie ein Parlament von europäischen Staatsbürgern. Weder repräsentiert die EU alle in Europa bestehenden Staaten (regierte Länder) noch bestimmt sie eine europäische Wirtschaftspolitik, eine Politik für Europa.

Die EU ist also auch nicht durch die völkerrechtlichen Verträge von Maastricht 1993 (EUV) und von Lissabon 2007/2009 (AEUV) von einer wirtschaftlichen zu einer politischen Gemeinschaft geworden, weil sie diese Verträge (im Weiteren EU-Verträge genannt) als legitime Rechtsgrundlage, mangels einer Verfassung für diese Gemeinschaft, erklärt habe.

Fassen wir nun die Ergebnisse unsere Auseinandersetzungen mit dem herrschenden Verständnis von einer politischen europäischen Integration noch einmal zusammen.

Die EU-Verträge sind als verfassungsrechtlich demokratisch legitimierte zu verstehen. Denn sie sind mit Mehrheitsbeschlüssen der Parlamente der EU-Mitgliedsländer bestätigte EU-Verträge. Für ihre Realisierung sind sie rechtliche Handlungsgrundlage und Handlungsmaxime der diese Verträge miteinander geschlossenen EU-Mitgliedsstaaten.

Die EU ist aber auch damit nicht von einer wirtschaftlichen zu einer politischen Gemeinschaft geworden, weil die EU-Mitgliedstaaten und die Union diese Verträge (im Weiteren EU-Verträge genannt) als völkerrechtliche Verträge verstehen und sie diese auch deshalb als legitime Rechtsgrundlage der Union erklären konnten.

Mit den EU-Verträgen und ihrer demokratisch rechtlichen Verwirklichung ist das Verstehen der EU-Mitgliedstaaten und das der Union von der Grenze der Zuständigkeiten der Union nicht nivelliert worden, sondern als ein unterschiedliches, gegensätzliches feststellbar. In den Auseinandersetzungen dazu geht es immer mehr um das Verstehen der Finalität eines europäischen Integrationsprozesses und damit um das Verstehen, welches Integrieren diese Finalität bedingt

Denn mit den EU-Verträgen ist nicht vereinbart, dass die Verfassungen der EU-Mitgliedsstaaten (also deren maßgebliche Rechtsgrundlage/ Primärrecht) ersetzt werden oder als mit dem europäischen Primärrecht, den EU-Verträgen, außer Kraft gesetzte zu verstehen sind. Mit den EU-Verträgen wird die EU nicht zu einer politischen Gemeinschaft verwirklicht.

Verfassungsidentität europäischer Staaten und EU-Primärrecht

Das herrschenden Verständnis[10] von der EU als eine politische Gemeinschaft ihrer Mitgliedstaaten mit gleichem Verstehen gemeinsamer Werte, auf die sich die Union gründe (EUV Artikel 2), auf deren Grundlage die Europäischen Union als eine (politische) Union verwirklicht werde, dieses Verständnis ist nicht das vom Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassungen der EU-Mitgliedstaaten. Dass ein solcher Zusammenhang für die EU nicht festgestellt werden kann, ist auch bereits am Fehlen einer europäischen Exekutive, einer europäischen Gewaltenteilung für den EU-Raum feststellbar. Für diese wäre eine rechtsprechende Gewalt zu einer Auseinandersetzung um das Verständnis von Verfassung der EU-Mitgliedsstaaten und europäisches Primärrecht erforderlich.

Die Verfassungen der EU-Mitgliedstaaten unterscheiden sich und können nicht zu einer gemeinschaftlichen Verfassung nur zusammengefasst werden. Sie unterscheiden sich, weil sie nicht die gleiche Kultur der Ordnung des Zusammenlebens ihrer Völker und nicht das gleiche Verständnis ihrer Völker von Werten haben. Ihre Ordnungen und ihr Werte-Verständnis haben sich historisch unterschiedlich gebildet.

Es waren und sind das jeweilige herrschende Verständnis davon und damit das derjenigen, welche die (Verfügungs-)Macht besitzen, über ein Territorium, über dessen Mittel und Bedingungen und der Ordnung des Zusammenlebens der Bevölkerung und über das Verstehen davon zu verfügen (Verfügungsmacht). Es ist also die Macht auch darüber zu verfügen, wie diese Macht zu sichern ist (Legislative) und gesichert wird (Exekutive) und zwar auch darüber, mit welchem Recht (Judikative) die Sicherung dieser Macht zu begründen ist.

Der Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung ist also ökonomisch bedingt. Er lässt sich nicht aus dem Demokratieprinzip ableiten, das wiederum aus diesem Zusammenhang resultiert. Solange diese ihre Macht gesichert ist, werden Machtausübende (Verfügungsmächtige) als Souveräne[11], als Souveränität Besitzende (als Hoheitsrechte Bestimmende und Ausübende) bezeichnet.

Die Verfassungen der Mitgliedstaaten der EU unterscheiden sich damit nicht nur in ihrem Charakter als maßgebliche Rechtsgrundlage. Sie begrenzen entsprechend diesem ihrem Charakter das Verstehen von mit Primärrecht gewährten Anwendungsvorrang des Unionsrechts.[12] Ein europäischer Integrationsprozess kann nicht Folge eines gleichen (Verfassungs-) Rechtsverständnisses davon sein; er lässt sich nicht aus diesem ableiten.

Urteile des Bundesverfassungsgerichts Deutschland (BVerfG) und veröffentlichte wissenschaftliche Auseinandersetzungen[13] dazu weisen auf Probleme der weiteren europäischen Integration von Staaten zu einer wirtschaftlichen und diese auch zu einer politischen Gemeinschaft hin.

Diese Urteile und Auseinandersetzungen entscheiden und beantworten aus wissenschaftlicher verfassungsrechtlicher Sicht zu Lösungen dieser Probleme mittels Rechtsetzungen, und zwar jeweils mit der Maßgabe der Einhaltung von Grenzen der Übertragung von Hoheitsrechten.

Die Einhaltung dieser Grenzen muss sein, sie ist ökonomisch bedingt, um den Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung mit solchen Übertragungen nicht ohne ökonomisch bedingte Zustimmung der Verfügungsmächtigen aufzulösen. Dieser Zusammenhang ist auch nicht mit den EU-Verträgen unbeachtlich, rechtlich unwirksam, weil mit diesen die Union auf Werte gegründet sei, denn allein für eine EU-autonome Begriffsbestimmung zu deren Verständnis dazu gibt es keine Einzelermächtigung.

Diese Grenzen sind ökonomisch bedingt und sind wie ihre Überschreitungen deshalb nicht ohne Berücksichtigung dieser ökonomischen Bedingtheit zu bestimmen und zu beurteilen. Zu diesem Beurteilen gehört deshalb auch, wann ökonomisch bedingt ist, politisch den Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung abgelöst werden muss, um seine gewaltsame Auflösung zu verhindern.

Das Bestimmen des verfassungsrechtlichen Verstehens dieser Grenzen und das Beurteilen ihrer Überschreitungen mit diesem Verstehen sind zwar formalrechtlich notwendig, aber dafür damit nicht hinreichend. Denn diese Überschreitungen von Grenzen der Übertragung von Hoheitsrechten können auch schleichend erfolgen, ohne dass diese Überschreitungen formal als rechtwidrig festgestellt werden könnten. Erst recht dann nicht, wenn sie Folge demokratisch beschlossener Übertragungen von Hoheitsrechten sind.

So zum Beispiel die Übertragung besonderer Aufgaben im Zusammenhang mit der Aufsicht über Kreditinstitute und sonstige Finanzinstitute mit Ausnahme von Versicherungsunternehmen auf die Europäischen Zentralbank gemäß Art. 127 Abs. 6 AEUV. Dass mit dieser Übertragung Grenzen der Übertragung von Hoheitsrechten schleichend überschritten wurden, das könne – so das herrschendes Verständnis – nicht als Fehler verstanden werden, weil deren Reichweite bei der Ratifizierung von Art. 127 Abs. 6 AEUV nicht vorhersehbar gewesen sei und die daher ein Zustimmungsgesetz erforderlich gemacht hätte.

Welche Probleme beim Erklären (des Verstehens) dieser Grenzen entstehen, wenn zwar auf das Verfassungsrechtliche und dessen Zusammenhang zur ökonomischen Bedingung von Souveränität hingewiesen wird, also die Gewährleistung demokratischer Wahrnehmung von Hoheitsrechten berücksichtigt wird, aber die Übertragung von Hoheitsrechten und die Bestimmung ihrer Grenzen nur als demokratische Rechtssetzung verstanden wird, kommt beispielsweise prägnant im Folgendem zum Ausdruck.

Das Bundesverfassungsgericht Deutschland (BVerfG) erklärt zwar einerseits: Die Überprüfung der Wahrung der der „Verfassungsidentität“ bei Übertragungen von Verfügungsmacht kann deshalb nicht nur darauf beschränkt werden, ob das (künftige) Budgetrecht durch evidente Überschreitungen äußerster Grenzen entleert wird und ob für eine Abgabe weiterer Kernkompetenzen an die Europäische Union noch viel Spielraum für die Wahrung des Budgetrechts bestünde. [14] 

Aber andererseits erklärt das BVerfG dazu auch, dass diese Übertragung von Hoheitsrechten nicht dem Widerstreit unterschiedlicher Interessen verwehrt sei. Denn das Bundesverfassungsgericht kann sich bei der Feststellung einer verbotenen Entäußerung der Haushaltsautonomie nicht mit eigener Sachkompetenz an die Stelle des Gesetzgebers setzen. Es hat seine Prüfung hinsichtlich des Umfangs der Gewährleistungsübernahme auf evidente Überschreitungen äußerster Grenzen zu beschränken.[15]

Doch weder sind die äußersten Grenzen bestimmt noch wird mit dem Attribut „evident“ erklärt und begründet, wann und worin sie als überschritten zu verstehen sind, woran entschieden werden muss, für welche Übertragung eines Hoheitsrechts eine dafür begrenzte Einzelermächtigung zu erteilen ist. Im Jahr 2011 stellte sich diese Frage dem BVerfG wohl noch nicht.

Das BVerfG sah sich aber dazu im Jahr 2020 veranlasst, nicht mehr seine Prüfung hinsichtlich des Umfangs der Gewährleistungsübernahme bei Überschreitungen äußerster Grenzen auf das beliebig zu verstehende Attribut evident zu beschränken und diese Grenzen nicht mehr als fluide Grenzen zu verstehen. In seinem Urteil vom 05.Mai 2020 (2 BvR 859/15) setzte es sich mit dem Urteil des Europäische Gerichtshofs (EUGH) vom 11. Dezember 2018 (C-493/17, EU:C:2018:1000) auseinander und bestimmte, dass die Deutsche Bundesbank dieses Urteil des EUGH nicht anwenden darf. Mit diesem Urteil widersprach das BVerfG scheinbar dem mit den EU-Verträgen vereinbarten Primärrecht des EUGH „auf das letzte Wort“ zum Verstehen allen europäischen Primärrechts.

Schlussfolgerungen

Aus unserer ersten Analyse dieser Auseinandersetzung BVerfG – EUGH zum Zusammenhang von Unionsrecht (europäisches Primärrecht) und Verfassungsidentität resultierten die nachstehenden Schlussfolgerungen, in die wir die entsprechenden Ausführungen im Urteil des BVerfG vom 05. Mai 2020 einbezogen haben (fett hervorgehoben):

  1. Das in den EU-Verträgen (Präambeln) genannte Ziel, mit diesen einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker zu schaffen [und] durch diesen Zusammenschluss ihrer Wirtschaftskräfte Frieden und Freiheit zu wahren und zu festigen, europäische Integration der Völker Europas voranzutreiben, resultiert aus der Schlussfolgerung (der Erkenntnis), a) dass „Kleinstaaterei“ Kriege verursachen dann, wenn  b) die Konkurrenz deren Wirtschaften ein nicht mehr aufrechtzuerhaltendes gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht von Staaten zur Folge hat.
  2. Mit diesen EU-Verträgen verpflichteten sich europäische Staaten, eingedenk dieser Erkenntnis, feste Grundlagen des zukünftigen Europas zu schaffen (Präambel EU-Vertrag)
  3. Doch mit den EU-Verträgen ist keine Auflösung, Abschaffung oder Überwindung der Hoheit der Vertragsparteien, der „Kleinstaaterei“, vereinbart. Nicht vereinbart ist, welche Gestalt das engere Zusammengeschlossene haben soll, worin es sich vom bisher Zusammengeschlossenen erkennbar unterscheidbar sein soll, und womit Wirtschaftskräfte zusammengeschlossen werden sollen. Eine solche Vereinbarung zur Auflösung, Abschaffung oder Überwindung von „Kleinstaaterei“ entspräche auch nicht dem gemeinsamen Verstehen der Vertragsparteien zur Finalität der europäischen Integration, dass den EU-Verträgen ein gemeinsames gleiches Verstehen von dieser Finalität zugrunde liege.
  4. Die Auseinandersetzung um die Kompetenz des Verstehens des Unionsrechts endet deshalb dann nicht mit einem EUGH-Urteil, mit dessen „letzten Wort“, wenn die Auswirkungen, Folgen seiner Anwendung, den Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung eines EU-Mitgliedstaates beeinträchtigen, ihn schleichend auflösen.
  5. Das BVerfG-Urteil vom 5.Mai 2020 war mit Blick auf die mit EUGH-Urteil sanktionierte Folge seiner Anwendung als eine Beeinträchtigung der Verfassungsidentität des Grundgesetzes zu begründen. Zu begründen war das Urteil mit einer als ökonomisch zu verstehender Beeinträchtigung und nicht damit, dass diese Beeinträchtigung unmittelbar einleuchtend, keines Beweises bedürfend sei.
  6. „Das letzte Wort“ haben die EU-Vertragspartner, das mit dem der rechtsprechenden Gewalt ihrer Verfassungen zum Ausdruck kommt.

Wir müssen später in unserer weiteren Untersuchung zu Europas Reproduktion aber noch einmal auf diese Auseinandersetzung des BVerfG mit dem EUGH zurückkommen, und zwar im Zusammenhang des Verstehens von einem europäischen wirtschaftlichen Integrationsprozess.

Einen europäischen wirtschaftlichen Integrationsprozess nur als Akt demokratisch, rechtlichen Handelns zu einer politischen Gemeinschaft zu verstehen, ohne für dieses Handeln den objektiv ökonomisch bedingten Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis und Verfassung zugrunde zu legen, hat nicht nur schwindende Akzeptanz dieses Prozesses zur Folge, sondern hinterlässt Fragen, wie die folgende, die im Interesse des Verstehens und der Bewahrung des mit Freiheit und Demokratie bezeichneten Systems (politische Gemeinschaft) aber beantwortet werden muss:

Politisch und den Verfassungen der EU-Mitgliedsstaaten entsprechend sei also in jedem Fall das, was deren Parlamente demokratisch beschließen, sei in jedem Fall auch die Aufhebung oder schleichende Auflösung von Verfassungen, Primärrecht durch sekundäre Rechtsetzungen der politischen Gemeinschaft EU, sei also Ausdruck von Freiheit und Demokratie, auch dann, wenn infolge dadurch das verfassungsgebundene Hoheitsrecht, das Budgetrecht, durch evidente Überschreitungen äußerster Grenzen entleert wird?[16]

Eine Antwort darauf muss im Kontext der in den EU-Verträgen zu vereinbarender Finalität des Integrationsprogramms gegeben werden, was wiederum zu prüfen bedingt, ob diese zu vereinbarende Finalität ein Verstehen Europas Reproduktion ermöglicht, ob dieses Verstehen einer vereinbarten Finalität zugrunde liegt.

Europas Reproduktion kann jedenfalls nicht als eine Rechtsfolge, als eine Folge rechtlichen Handelns, verstanden werden, wenngleich das Verstehen der Reproduktion des Rechts in Europa dazugehört. Es ist eine Reproduktion des Rechts zu einem Recht, welches das Verstehen von der ökonomischen Integration der Länder Europas, deren Reproduktion, bedingt.

 Wirtschaftliche europäische Integrationen der EU-Mitgliedsländer.

Mit dieser Überschrift ist die Frage aufgeworfen, ob mit diesem Prozess, „den Binnenmarkt zu verwirklichen beziehungsweise dessen Funktionieren zu gewährleisten“, ein wirtschaftliches Integrieren der EU-Mitgliedsländer oder ein Funktionieren deren Wirtschaften mittels mit EU-Harmonisierungsmaßnahmen (sekundären Rechtsetzungen) angeglichener Rechts- und Verwaltungsvorschriften zu verstehen sind.

Denn mit diesem Verstehen, dass mit der Errichtung einer Wirtschafts- und Währungsunion die Grundlage für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker geschaffen werde, Europäische Integration sei Begriff für diesen Zusammenschluss („1. Erwägungsgrund der Präambel des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV)“, ist diese Frage nicht beantwortet.

Zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage holt jetzt uns ein, dass wir uns bisher nicht direkt mit diesem Verstehen von „Integration“ selbst und mit der Verwendung dieses Wortes in den EU-Verträgen auseinandergesetzt haben. Denn mit den Attributen demokratisch, politisch oder wirtschaftlich wird das Verstehen des Wortes Integration selbst nicht bestimmt, sondern lediglich das von der Eigenschaft von „Integration“.

Jedenfalls aber ist ein Verstehen von europäischer Integration als ein mit den genannten Eigenschaften erfolgendes Integrieren europäischer Völker, als ein „Zusammenschließen europäischer Völker zu einer Einheit“, nicht mit einem Verstehen verbunden, dass mit den EU-Verträgen ein Zusammengeschlossenes europäischer Völker als Finalität ihres europäischen Integrierens vereinbart worden ist. Es fehlt an einem gemeinsamen Verstehen von der Gestalt eines Zusammengeschlossenen europäischer Völker. Ein solches Verstehen ist deshalb auch nicht das von der „Arbeitsweise der Europäischen Union“ (AEUV) und kann auch nicht mit dieser Arbeitsweise begründet werden.

Das mit den EU-Verträgen vereinbarte Funktionieren einer Wirtschafts- und Währungsunion vermittelt ein Verstehen, dass  Märkte, Wirtschaften und Währungen europäischer Völker, hier der EU-Mitgliedsländer, integriert seien, eine Einheit bildeten. Denn nur zu etwas Bestehendem kann etwas zu dessen Funktionieren vereinbart werden.

Bisher konnte auch nicht eine solche Einheit durch die vereinbarte Verwirklichung einer Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) der EU-Mitgliedsländer festgestellt werden. Selbst in dem Bericht der Präsidenten der fünf EU-Organe vom 22.06.2015 heißt es u.a.: “Europas Wirtschafts- und Währungsunion bietet momentan das Bild eines Hauses, an dem jahrzehntelang gebaut wurde, das aber nur teilweise fertiggestellt ist.“

Und weiter: Es sei deshalb die Wirtschafts- und Währungsunion zu dem zu machen, was sie eigentlich sein sollte: ein Ort des Wohlstands, der auf einem ausgewogenen Wirtschaftswachstum und stabilen Preisen beruht, sowie auf einer wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaft, die auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt angelegt ist.

Bemerkenswert in diesem Bericht ist insbesondere eine beschreibende Definition sowohl zum Zustand der EU als auch zur Finalität europäischer Integration, die (spätestens bis 2025) in der nachstehenden Reihenfolge verwirklicht werde, und zwar mit einer echten Wirtschaftsunion, einer Finanzunion mit einer vollendeten Bankenunion und Kapitalmarktunion, einer Fiskalunion und schließlich damit auch mit einer Politischen Union. Nach langen Jahren der Krise müssen die Staaten und die EU-Institutionen den Bürgerinnen und Bürgern und den Märkten [damit] beweisen, dass das Euro-Währungsgebiet nicht nur überleben, sondern aufblühen wird. Diese längerfristige Vision erfordert ambitionierte, kurzfristigen Maßnahmen: Sie müssen das europäische Haus jetzt stabilisieren und auf mittlere Sicht die Grundlagen für eine solide Architektur schaffen.

Der mit dieser Beschreibung und als Krise bezeichnete Zustand der EU (2015) war begründet mit zu dieser Zeit 18 Millionen Arbeitslosen in der EU und steigender Staatsverschuldungen vieler EU-Mitgliedsländer. Es war als ein ökonomisch bedingter Folge-Zustand des Verstehens von einer mit den EU-Verträgen zu verwirklichenden wirtschaftlichen Integration feststellbar.

Aber vor allem bemerkenswert in diesem Bericht ist, dass die Finalität europäischer Integration, der Zusammenschluss der europäischen Völker, als durch eine Reihenfolge von Integrationsprozessen verstanden wird, die mit einer echten Wirtschaftsunion (WWU) beginnen müsse. Also nicht mit vertraglich vereinbarten Rechtsetzungen dafür, denn mit diesen ist der als Krise bezeichnete Stand der EU nicht verhindert worden.

Bemerkenswert in diesem Bericht ist also einerseits, dass die WWU, trotz EU-Verträge, trotz eines Stabilitäts- und Wachstumspakts[17] der EU-Mitgliedsstaaten und trotz Vergrößerung der Geldmenge (Public Sector Purchase Programme – PSPP) nicht so verwirklicht worden ist, wie sie (echt) sein sollte und andererseits, dass darin die Ursache dieser Krise zu erkennen sei. Weil nun aber in diesem Bericht Geldpolitik nicht als Bestandteil der Wirtschaftsunion verstanden wird, wie sie sein sollte, obwohl mit immer größeren Mengen an Geld und insbesondere Wertpapieren versucht wurde, diese Krise zu überwinden – nein, nicht zu verhindern – ist nicht die Frage nach der Eigenschaft der Wirtschaftsunion, echt, zu beantworten, sondern zunächst die nach dem herrschenden Verständnis von Wirtschaft, nach dem herrschenden Verständnis von wirtschaftlicher Integration.

Wie dringend die Beantwortung dieser Frage ist, wird aus einer folgenden Darstellung der Entwicklung der WWU der 19 Euro-Mitgliedstaaten von 2010 bis 2020 deutlich:

Die konsolidierte Bilanzsumme Eurosystem vergrößerte sich um fast das 3,5-fache auf 6.979.000.000.000 Euro (= + 4.976.790.000.000 Euro gegenüber 2010), darunter der Banknotenumlauf im Eurosystem um das 1,71-fache auf 1.434.500.000.000 Euro (= + 1.231.100.000.000 Euro gegenüber 2010), während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euro-Zone in dieser Zeit lediglich um das 1,19-fache auf 11.360.000.000.000 Euro gesteigert wurde (= + 1.816.171.000.000 Euro gegenüber 2010).

Das herrschende Verständnis von einer Wirtschafts- und Währungsunion, von ihrer Bildung als ein europäischer wirtschaftlicher Integrationsschritt, sie sei Teil und Notwendigkeit für eine europäische politische Integration der EU-Mitgliedsstaaten, weshalb bereits eine politische Integration durch die EU-Verträge und durch die gesetzten sekundären europäischen Rechte festgestellt werden könne, weshalb diese wirtschaftliche Integration auch die Eigenschaft habe, politisch zu sein, als wirtschaftspolitische Integration zu verstehen sei, das ist nicht durch diese EU-Verträge begründet. Diese Verträge begründen auch keine Integration der Politik der EU-Mitgliedstaaten.

Wirtschaftspolitisches Integrieren der EU-Mitgliedsstaaten?

Das herrschende Verständnis, dass mit der (vertraglich vereinbarten) Bildung eines Binnenmarktes für wirtschaftliche Freiheit ohne Länder- und Zollgrenzen und dessen Funktionieren mittels Rechtssetzungen die EU-Mitgliedsländer wirtschaftlich und die EU-Mitgliedstaaten politisch integriert, wirtschaftspolitisch integriert werden, resultiert aus der Nichtbeachtung/ Nichtberücksichtigung des Zusammenhangs von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung. Dieser Zusammenhang und seine Folgen werden auch nicht durch demokratische Rechtssetzungen und Vertragsschließungen unbeachtlich und dessen Nichtbeachtung/Nichtberücksichtigung auch nicht folgenlos. Die Nichtbeachtung/Nichtberücksichtigung dieses Zusammenhangs erscheint aber und wirkt nun mit der Setzung sekundären europäischen Rechts, welches als legitime Grundlage die demokratisch beschlossenen EU-Verträge der EU-Mitgliedstaaten hätten.

Diese Nichtbeachtung/Nichtberücksichtigung ist aber nicht als ein Fehler dieser sekundären europäischen Rechtssetzungen zu verstehen oder, dass diese nicht mit den EU-Verträgen legitimiert seien.

Denn es könne doch geurteilt werden, dass es auch kein vorher feststellbarer Fehler sei, dass die Parlamente der EU-Mitgliedsländer die Zustimmung zu den EU-Verträgen demokratisch beschlossen haben und zwar ohne Beachtung und ohne Berücksichtigung der ihnen zur Verfügung standenen Kenntnisse von der höchst ungleichen Wirtschaftskraft und von den höchst verschiedenen Verfassungen der EU-Mitgliedstaaten, und damit auch von den höchst verschiedenen wirtschaftlichen, steuerlichen, personalen, kommunikativen, sozialen und kulturellen Rechten der EU-Mitgliedstaaten.

 Fehler demokratisch beschlossenen Integrierens?

Konnten sie tatsächlich nicht die Folgen ihres demokratisch Beschlossenen erkennen und verstehen? Ihnen standen doch zumindest zum Beispiel die Erfahrungen und verfassungsrechtlichen Kenntnisse[18] über die Erfordernisse und Folgen des Staatsvertrages Bundesrepublik Deutschland (BRD) – Deutsche Demokratische Republik (DDR) zur Bildung eines „Binnenmarktes“ [19] vom 18.05.1990 zur Verfügung. Eine rechtliche Grundlage für diesen Vertrag waren die DDR „Verordnung zur Umwandlung von volkseigenen Kombinaten, Betrieben und Einrichtungen in Kapitalgesellschaften vom 1. März 1990“ und das von der Volkskammer der DDR beschlossene „Gesetz über die Gründung und Tätigkeit privater Unternehmen und über Unternehmensbeteiligungen vom 7. März 1990“.  Das dafür zugrundliegende Verständnis, dass damit Volkseigentum zu Kapital privater Gesellschaften umgewandelt werden könne, eine wirtschaftspolitische Umwandlung erfolgen könne, missachtete die Erkenntnis Politischer Ökonomie.

Sachkompetenz für die Zustimmung zu diesem Vertrag hatten auch deshalb nur der Verhandlungsführer der Regierung der BRD und das Parlament der BRD. Die Verwirklichung dieses „Binnenmarktes“ mit gleicher Währung Deutsche Mark (DB) erfolgte mit den Regularien, Normen und Gesetzen der BRD; auch Mangels Kenntnisse des Parlaments der DDR davon.

Das Parlament der DDR stimmte am 21.06.1990 diesem Staatsvertrag zu. Vor allem mit dem Interesse, die „DM“ (Deutsche Mark Währung der BRD) ab 01.07.1990 als Zahlungsmittel der DDR zu erhalten. Die Folge, dass mit diesem Staatsvertrag vom 18.05.1990 die DDR praktisch zum 01.07.1990 der BRD beitrat, wurde deshalb auch in den Hintergrund seines Verstehens gedrängt und auch das Verstehen aller  Folgen des Beitritts auf dieser Grundlage. Dafür entsprach das Parlament der DDR dem in diesem Staatsvertrag zum Ausdruck kommenden herrschenden Rechtsverständnis der BRD.

Das Parlament der DDR beschloss am 17.06.1990 in diesem Rechtsverständnis, um auf eine DDR-verfassungsrechtliche Zustimmung zu diesem Staatsvertrag verweisen zu können, die Verfassung der DDR mit neuen Verfassungsgrundsätzen zu ändern und zu ergänzen.[20] Was darin als Änderung und Ergänzung zum DDR-Verfassungsrecht erklärt wurde, das war ein Ersetzen der Identität der Verfassung der DDR (Verfassungsidentität), die mit Volksentscheid 1968 angenommen worden war. Die Verfügungsmacht über Grund und Boden der DDR wurde verfassungsrechtlich der Bundesrepublik Deutschland übertragen. Eine Folge davon wurde auch, dass noch 30 Jahre später die Wiedervereinigung immer noch nicht als zu einer Einheit Deutschlands gewordene Vereinigung verstanden wird.[21]

Also verfassungsrechtlich demokratisch beschlossen wurde die mit diesem Staatsvertrag vom 18.05.1990 vereinbarte Veränderung von Verfügungsmacht, des herrschenden Verständnisses von Politischer Ökonomie dazu und damit die Aufhebung (Vernichtung) des die DDR charakterisierenden Zusammenhangs von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung: also die Auflösung der DDR. Die DDR-Volkskammer stimmte am 31.08 1990 dem „Einigungsvertrag“ zu, dass mit diesem die DDR (3. Oktober 1990) zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD beitritt. Es war kein politisches Integrieren der DDR, kein Zusammenschließen von BRD und DDR zu einer politischen Einheit Deutschland.

Kommen wir nun aber wieder zu den EU-Verträgen zurück, die, ohne Beachtung der Erfahrungen aus der Verwirklichung des „Binnenmarkts Deutschland“ zum 01.07.1990 und deren Folgen, demokratisch beschlossene Zustimmungen erhielten. Die Nichtbeachtung (des Zusammenhangs von Verfügungsmacht -herrschendes Verständnis – Verfassung) die dieser Erfahrungen der Verwirklichung eines „Binnenmarkts Deutschlands“ ab 1990 wäre allerdings auch dann als kein vorher nicht feststellbarer Fehler der Verwirklichung eines europäischen Binnenmarktes zu beurteilen, weil einerseits für die Berücksichtigung dieser Erfahrungen den Parlamenten der EU-Mitgliedstaaten die dazu notwendige Sachkompetenz nicht fehlte, sondern weil andererseits mit den EU-Verträgen diese Sachkompetenz dem EUGH zugeordnet (als zuordenbar beschlossen) worden war.

Doch eine solche Zuordnung dem EUGH kann nur die Kompetenz betreffen, befugt zu sein, ein Urteil zu einer streitigen Sache zu fällen, aber nicht die, befugt zu sein, streitige Sachen mit EU-autonomen Begriffsbestimmungen zu beurteilen. Mit dieser Zuordnung ist ebenso nicht gleich die Kompetenz miteingeschlossen, die Fähigkeit zur Beurteilung der zu berücksichtigenden Erfahrungen zu besitzen. Ein Zuordnen dieser Fähigkeit, also dass sich das EUGH mit eigener Sachkompetenz an die Stelle des (Primär-)Gesetzgebers setzen kann, war demnach bereits auch vor Zustimmungsbeschluss der Parlamente zu den EU-Verträgen ein feststellbarer Fehler.

europäischer Binnenmarkt

Errichtet wurde bereits 1957 ein Binnenmarkt für die Länder, deren Staaten einen EG-Vertrag („Römische Verträge“) vereinbarten, mit dem diesen Ländern vier Grundfreiheiten (Freier Warenverkehr, Personenfreizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit, Freier Kapital- und Zahlungsverkehr) gewährt worden waren. Weil aber zu dieser Zeit und für die unmittelbar darauffolgenden Jahre stets die Frage zu beantworten war, wie mit den Zwängen der Notwendigkeit den vorhandenen Möglichkeiten entsprochen werden kann, Mittel und Bedingungen des Lebens/ Zusammenlebens zu produzieren und zu sichern, verständigten sich die Mitgliedstaaten 1958 darauf, mit politischen Maßnahmen Grundbedürfnisse (Nahrung, Rohstoffe, Energie) zu sichern.

Dass diese politischen Maßnahmen als einzelne produktbezogene Marktorganisationen (Agrarmarkt, Kohle und Stahl (Montanunion) und Euratom) bezeichnet worden sind (und werden), entspricht der Ideologie von Staat einerseits und Wirtschaft andererseits, dass für die Unterscheidung dieser politischen Maßnahmen Interventionismus einerseits und Dirigismus andererseits zutreffende Begriffe seien. Wir kommen später noch einmal darauf zurück, was mit diesen Worten zutreffend zu begreifen ist.

Ab 1993 dann als europäischer Binnenmarkt der EU-Mitgliedsländer genannt, der einen Raum ohne Binnengrenzen umfasse, in dem der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital gemäß den Bestimmungen der Verträge gewährleistet ist. Er umfasse ein System, das den Wettbewerb vor Verfälschungen schützt.

Die Union umfasse eine Zollunion, die sich auf den gesamten Warenaustausch erstreckt. Sie verfügt über einen gemeinsamen Zolltarif („Außenzoll“) gegenüber dritten Ländern und gehört dem „Europäischen Wirtschaftsraum“ der Länder an, die keine EU-Mitgliedsländer sind.

Die Union ist Wirtschaftsunion mit der Währung Euro. Im AEUV Artikel 38 ist ausdrücklich erwähnt, dass der Binnenmarkt auch die Landwirtschaft, die Fischerei und den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen umfasse.

Der Europäische Binnenmarkt umfasst die Mitgliedsländer der EU sowie die Länder Island, Norwegen und Liechtenstein, die mit der EU den Europäischen Wirtschaftsraum bilden, und die Schweiz. Der Binnenmarkt sei Beleg einer gelungenen wirtschaftlichen Integration der EU-Mitgliedsstaaten. Einige davon haben auch die gleiche Währung, den Euro.

Scheinbar ist mit dem in der AEUV-Präambel genannten Beweggrund, „durch gemeinsames Handeln den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt ihrer Staaten [EU-Mitgliedstaaten] zu sichern“, mit dem AEUV auch ein solches gemeinsame Handeln als EU-Primärrecht vereinbart, und zwar für eine Wirtschafts- und Währungsunion. („AEUV DRITTER TEIL Wirtschafts- und Währungsunion“) einen Europäischen Binnenmarkt zu errichten und dessen Funktionieren zu gewährleisten.Die Bestimmungen des Artikels 114 AEUV mit den in dessen 10 Absätzen genannten Harmonisierungsmaßnahmen für die Angleichung der Rechtsvorschriften der EU-Mitgliedsstaaten sollen als vereinbarte Handlungsmaßgaben für die Errichtung und für das Funktionieren des Binnenmarkts gelten.

Doch die Hoffnung, dass durch Angleichung der Rechtsvorschriften (für den) Binnenmarkt die unterschiedliche Wirtschaftskraft der EU-Mitgliedsländer und deren unterschiedliches Verstehen und unterschiedliche politische Berücksichtigung ihres herrschenden Verständnisses von gemeinschaftlichen Werten nivelliert, überwunden werde, hat sich nicht erfüllt und kann auch nicht durch Angleichung der Rechtsvorschriften erreicht werden.

Denn die Wirtschaften der EU-Mitgliedsländer konkurrieren auch im Binnenmarkt miteinander, jeweils mit staatlicher Unterstützung, damit sie in einem redlichen Wettbewerb (Präambel AEUV) die beste wirtschaftliche Leistungsfähigkeit („Leistungsbilanz“) ihres Landes erwirtschaften. Aber, obwohl bereits der EG-Vertrag in klaren Tatbeständen  für das Erreichen und Gewährleisten von Stabilität und Schuldentragfähigkeit als rechtsverbindliche Entscheidungsgrundlage geregelt hatte (Art. 109j Abs. 1 i.V.m. Art. 104c sowie dem Protokoll über die Konvergenzkriterien nach Art. 109j EGV und dem Protokoll über das Verfahren bei einem übermäßigen Defizit), schlossen 2012 einige EU-Mitgliedstaaten noch einen VERTRAG ZUR EINRICHTUNG DES EUROPÄISCHEN STABILITÄTSMECHANISMUS ESM und dazu noch einen FISKALVERTRAG ÜBER DIE STABILITÄT, KOORDINIERUNG UND STEUERUNG IN DER WIRTSCHAFTS- UNWÄHRUNGSUNION sowie einem AGREEMENT OF 19. NOVEMBER 2014 ON NET FINANCIAL ASSETS (ANFA-ABKOMMEN) , um  Wirtschaftswachstum, wirtschaftspolitische Koordinierung und die Schuldentragfähigkeit (Schuldenabbau, Schuldenvermeidung) der Mitgliedsländer zu fördern. Diese Verträge waren völkerrechtliche zwischenstaatliche Übereinkünfte, keine Bestandteile des EU-Vertrages.

Die EU-Verträge und andere Verträge von EU-Mitgliedstaaten zur Gewährleistung eines freien Verkehrs von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital sind durch Parlamentsbeschlüsse der beteiligten EU-Mitgliedstaaten demokratisch legitimiert und scheinbar damit auch alle Politik dafür und dazu.

Die EU-Verträge wurden und werden von der EU-Kommission und dem Europäische Gerichtshof (EUGH) als primärrechtliche Maßgaben für die notwendigen EU-Gesetzgebungen (als EU-Sekundärrecht) zur Errichtung und zum Funktionieren des Binnenmarkts verstanden. Es ist nicht das gleiche und gemeinsame Verständnis der diese EU-Verträge geschlossenen EU-Mitgliedsstaaten davon. Denn trotz deren proklamierten festen Willens zur Verwirklichung des Binnenmarkts und deren Bekundung, dafür gleiche Wertgrundlagen zu haben, treten zwischen ihren Verständnissen von Binnenmarkt, von diesen Wertgrundlagen einerseits und ihren verschiedenen grundrechtlich bestimmten Werten andererseits häufig Widersprüche auf und damit Widersprüche zu Proklamationen zum Verstandenen dieser EU-Verträge. Es sind Widersprüche, die auch im Verstehen zum EU-Sekundärrecht und zu dessen Durchsetzung zum Ausdruck kommen.

Ursache dafür waren die Folgen widersprüchlichen herrschenden Verständnissen der EU-Mitgliedsstaaten von einer Bildung des Binnenmarkts als eine Integration der Wirtschaften der EU-Mitgliedsländer. Sie sei eine vertraglich vereinbarte wirtschaftspolitische europäische Integration und deshalb Primärrecht für jegliche Wirtschaftspolitik der Union und der EU-Mitgliedstaaten. Es sind vor allem die Auswirkungen nicht überwundener Unterschiede der gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichte der EU-Mitgliedsländer, die kein gleiches herrschendes Verständnis von einer Wirtschaftspolitik der Union ermöglichen.

Halten wir also dazu fest, die Bildung eines Binnenmarktes von Europa wird zwar als eine wirtschaftspolitische europäische Integration der EU-Mitgliedsländer verstanden. Doch verwirklicht wurde bisher damit nicht der Zusammenschluss der Wirtschaften der EU-Mitgliedsländer, also deren Integration in oder mit einen Binnenmarkt, geschweige denn eine wirtschaftspolitische europäische Integration aller Länder Europas.

Der Europäische Binnenmarkt ist kein Markt gegenüber dem der EU-Mitgliedsländer. Er ist Bezeichnung für Märkte europäischer Länder, insbesondere der der EU-Mitgliedsländer. Er soll mit immer mehr EU-sekundären Rechtssetzungen verwirklicht werden und wird als rechtlich verwirklicht erklärt. Mit diesen sekundären Rechtssetzungen soll und werde die Verschiedenheit dieser Märkte, insbesondere der der EU-Mitgliedsländer, die Verschiedenheit deren rechtlichen und handelsüblichen Regularien, Normen und Gesetzen dazu, mit ihren verschiedenen Zusammenhängen zu allen Rechts- und Sachmaterien ihrer Staaten, aufgehoben werden; die Märkte der EU-Mitgliedsländer werden zu einem europäischen Binnenmarkt des freien Kapitalverkehrs und freien Handels integriert.

Die Aufhebung der Verschiedenheit europäischer Märkte, insbesondere der der EU-Mitgliedsländer, erfolgt schleichend durch vielerlei Setzungen europäischen Sekundärrechts. Es erfolgt damit zwar keine Deregulierungen deren Märkte, aber es erfolgen schleichende Veränderungen von Verfügungsmacht, von herrschenden Verständnissen der EU-Mitgliedsstaaten, mit denen die Identität deren Verfassungen in Frage gestellt wird und bereits in Frage gestellt worden ist. Und es erfolgt deshalb auch keine Integration zu einer wirtschaftspolitischen Einheit, keine Aufhebung europäischen Primärrechts, dessen Grundlagen die Verfassungen der EU-Mitgliedsstaaten sind.

Für die demokratisch zu beschließender Zustimmung der EU-Verträge ist eine Frage zu dieser Aufhebung nicht gestellt worden. Das Deutsche Bundesverfassungsgericht (BVerfG) beantwortete diese mit dem Hinweis: „Eine Änderung des Grundgesetzes, durch welche die in Art. 1 und Art. 20 GG niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig (Art. 79 Abs. 3 GG). Mit der sogenannten Ewigkeitsgarantie wird die Verfügung über die Identität der freiheitlichen Verfassungsordnung auch dem verfassungsändernden Gesetzgeber aus der Hand genommen. Die verfassungsgebende Gewalt hat den Vertretern und Organen des Volkes kein Mandat erteilt, die nach Art. 79 Abs. 3 GG grundlegenden Verfassungsprinzipien zu verändern.“[22]

Dass die EU-Verträge ungeeignet waren und sind für eine Integration von Staaten zu einer Union, zur EU, dass die demokratisch beschlossene „Verwirklichung des Binnenmarkts“ für die EU-Mitgliedsländer dadurch Probleme zur Wahrung deren historisch entwickelten unterschiedlichen Ordnungen des Zusammenhangs von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung führte, ist deshalb also keine Folge des europäischen Sekundärrechts, keine Folge von durch das EUGH gefällten Urteilen.

Der Grund für den BREXIT (01.01.2021) war und ist die Verschiedenheit des Verstehens, hier  zwischen Großbritannien und der Union, von Freiheit des Kapitalverkehrs, von Freiheit des Handels. Denn mit dem Aufheben von Verschiedenheit wird nur gleichgemacht, führt dann Wettbewerb, auch nach gleichen Regeln, nicht zum Vorteil aller Wettbewerber der EU-Mitgliedsländer. Die gleiche Folge hat Deregulierung.  

Aus unseren Auseinandersetzungen zu Europäischer Binnenmarkt ist ableitbar, dass es um das Verstehen von Wirtschaft im Verständnis von Politischer Ökonomie geht und darunter um das Verstehen von Wirtschaft, um Wirtschaft einerseits und Ökonomie andererseits, diese differenzierend zu verstehen. Es geht dabei also nicht um das Verstehen von einer „EU“, nicht um das Verstehen der Verwirklichung eines Binnenmarktes dafür, sondern um das Verstehen einer europäischen Politischen Ökonomie für Europas Reproduktion.  Ob dieses Verstehen als das von einer Wirtschaftsunion bezeichnet werden kann, das sei zunächst dahingestellt.

Was wir bisher zum herrschenden Verständnis von demokratischen, politischen und wirtschaftlichen europäischen Integrationen  festhalten konnten, hat nicht einmal zum Verstehen europäischer Wirtschaft für Europas Reproduktion beigetragen.

Wirtschaft Wirtschaftsunion

Viele Wissenschaftler verstanden und verstehen, wie die Autoren des ESVG 2010, Wirtschaft als einen sich wiederholenden Ablauf des Wirtschaftens, für den das Wort Wirtschaftskreislauf eine zutreffende Bezeichnung sei. „Die Volkswirtschaft eines Landes ist ein System, in dem Institutionen und Menschen Waren, Dienst­leistungen und Zahlungsmittel (z. B. Geld) austau­schen und übertragen, um Waren und Dienstleis­tungen zu produzieren und zu konsumieren.“ (ESVG 2010 2.01) Mit dieser Definition wird das charakteristische Merkmal – Kauf/ Verkauf (Handel) von Ware – zum Ausdruck gebracht und als Wirtschaft bezeichnet. Also nicht das charakteristische Merkmal von als Ökonomie zu Bezeichnenden.

Mit dem Wort Ökonomie würde lediglich das planvolle Wirtschaften innerhalb eines institutionalisierten Personenverbands, meist des Haushalts bezeichnet. Ursprünglich wurde mit „Ökonomie“ vornehmlich die Agrarwirtschaft und der Landwirt als „Ökonom“  verstanden. Es ist das  Verstandene eines Zusammenhangs, von einer Abhängigkeit der Agrarwirtschaft vom Boden.

Dieser verstandene Zusammenhang ist  tausende Jahre alte Erkenntnis davon, dass die Gesamtheit aller Tätigkeiten zum Erlangen und Sichern der Mittel und Bedingungen der Lebensreproduktion von dem Boden abhängen, auf und mit dem sie es können. Wir werden im Weiteren, wenn es um diesen Zusammenhang, um die Abhängigkeit aller dieser Tätigkeiten vom Boden, geht, dafür das Wort Ökonomie verwenden.

Scheinbar berücksichtigt das herrschende Verständnis diese Erkenntnis: Wirtschaft (in oben genannter Definition) ist die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, welche einer planvollen Befriedigung der Bedürfnisse diene. Mit diesem Verständnis  werde François Quesnay Erkenntnis nicht nur gefolgt, der in seinem „Tableau Économique“ (1758) und differenzierter in „Formule Arithmétique du Tableau Économique“ (1766) den bedingten Zusammenhang von Produktion, Verteilung und Verbrauch dargestellt, was er deshalb als Wirtschaftskreislauf verstanden habe. Dieses Verstehen sei weiterentwickelt worden. So das herrschende Verständnis 

Untersuchen wir also, wofür Wirtschaft, wofür dieses weiterentwickelte Verstehen Quesnays, zur Beantwortung der gestellten Frage, wozu dieses Verstehen für das Verstehens von Reproduktion, Europa und seiner Krisen dient und dienen kann. Dazu müssen wir uns mit dem Verstehen des „Tableau Économique“ von Quesnay auseinandersetzen.

In Quesnays „Tableau Économique“ ist der für eine (Vegetations-) Periode feststellbare Zusammenhang der Tätigkeiten des Produzierens, Verkaufens, Kaufens und des Verbrauchens von Mitteln des Lebens dargestellt. Also jeweils für ein Kalenderjahr, allerdings ohne Berücksichtigung der natürlichen Abhängigkeit dieser Tätigkeiten vom Boden, von den Bedingungen seiner Erhaltung und Veränderung und dessen natürlichen Änderung. Und ohne Berücksichtigung der Mittel und Bedingungen für diese Tätigkeiten. Mit dem „Tableau“ kommt das Verstehen eines bedingten Zusammenhanges dieser Tätigkeiten zum Ausdruck und dass dieser Zusammenhang ihre periodische Wiederholung bedingt.

Im „Tableau“ sind drei Klassen aufgeführt, die mit bestimmten Gütern [23] ausgestattet seien (avances annuelles [jährlicher Vorschuss Anlagecapital]) und mit ihren Tätigkeiten damit den Wirtschaftsprozess einer Periode (ein Kalenderjahr) beginnen. Eine davon sei die Produktive Klasse (Urerzeugung: Bauern und Bergarbeiter) und die andere die Sterile Klasse (Manufakturisten und Gewerbetreibende). Die dritte Klasse sei die der Bodenbesitzer (propriétaire), welche ihren Boden den beiden anderen Klassen für ihre Tätigkeiten zur Verfügung stelle. Die Ergebnisse deren Tätigkeiten (Kauf, Produktion, Verkauf) mit ihren zu Beginn des Wirtschaftsprozesses ausgestatteten Gütern ersetze mit diesem Wirtschaftsprozess die dadurch verbrauchten Güter, also auch das durch dessen Gebrauch zu Ersetzende der Bodenbesitzer. Im „Tableau“ wird dieses Ersetzen als Güterzu- und -abflüsse zu einem bestimmten in Geld ausgedrückten Wert[24] dargestellt.

Was hier als ausgestattete Güter bezeichnet ist, sind Ergebnisse der Tätigkeiten (Kauf, Produktion, Verkauf) des Vorjahres und nicht Ergebnisse deren Verteilung. Diese Ergebnisse sind Bedingung für die der Produktion von Gütern des jeweils folgenden Jahres. Ohne aus und mit den Mitteln des Bodens produzierten Rohstoffe (Energie, Wasser, Erze, Mineralien, Pflanzen, Saatgut, Tiere) keine Produktion von Lebensmitteln und Lebensbedingungen. Sie werden für die Produktion von Gütern teils gebraucht, teils verbraucht. Sie sind Produktionsmittel. Die Produktion damit ist wiederum Voraussetzung für Verkauf und Kauf produzierter Güter zwecks ihrer Konsumtion, ob als Lebensmittel oder als Produktionsmittel zur Produktion neuer oder andere Güter. Im „Tableau“ werden scheinbar deren in Geld ausgerückten Werte reproduziert.

Quesnays „Tableau“ stellt somit das mit Wirtschaft bezeichnete Charakteristische dar. Erstens die Abhängigkeit aller als Wirtschaft bezeichneten Tätigkeiten von dem Boden, auf dem und mit dem diese Tätigkeiten erfolgen und dass diese für die Bevölkerung wiederholt erfolgen müssen, deren Leben mit diesem Boden verbunden ist. Zweitens, dass Mittel und Bedingung dieses Bodens Voraussetzung allen Reichtums der darüber Verfügenden sind. Aber drittens wird mit diesem „Tableau“ nur ein Zusammenhang gleichwichtiger Tätigkeiten mit diesen Mitteln und Bedingungen als gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht mit identischem Anfangs- und Endzustand dargestellt. Und wie ein Kreis ohne Anfang und Ende ist, so erscheint mit dieser Darstellung Wirtschaft als ein unendlicher sich gleich wiederholender Prozess, der deshalb als Wirtschaftskreislauf bezeichnet werden könne.

Noch eine Bemerkung zu REVENUE im „Tableau“, welche als „Grundrente“ verstanden wird. Die Zahlung einer „Grundrente“ an die Klasse der Bodenbesitzer als Zufluss, sei gemäß diesem „Tableau“ erforderlich, um ein Gleichgewicht aller in einer Periode erfolgten Zu- und Abflüsse darstellen zu können und damit auch mit den Zu- und Abflüssen des Geldes der Klasse der Bodenbesitzer, mit dem diese sich am  Wirtschaftsprozess einer Periode beteiligen. Weil also im „Tableau“ die Zu- und Abflüsse der Klasse der Bodenbesitzer nicht (wie bei den anderen Klassen) mit in Geld ausgedrückten Werten von Güterzu– und abflüssen dargestellt werden könne, ist dafür ein jeweils in Geld ausgedrückter Wert dargestellt, der als Zufluss (Zahlung) einer „Grundrente“ zu verstehen sei.

Wenn aber sich mit dieser Darstellung Quesnays nicht nur ein Verstehen von Wirtschaft offenbart, sondern diese auch ein Schlussfolgern ermögliche, wie dieser Prozess aufrechterhalten und als gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht berechnet werden kann, so sollte doch damit auch die (theoretische) Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheidungen zur Vermeidung und Überwindung von Krisen, zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung eines gesamtwirtschaftliches Gleichgewichts gegeben sein.

Doch weil solche getroffenen Entscheidungen auf einer solchen Grundlage nicht feststellbar sind, erhebt sich die Frage:  Worin unterscheidet sich das herrschende Verständnis von Wirtschaft, das zum Beispiel auch das Verstehen der Autoren des ESVG 2010 beherrschte[25], von dem Verständnis Quesnays? Welches Weiterentwickeltes kommt im herrschenden Verständnis von Wirtschaft zum Ausdruck, das die Agrarwirtschaft nicht als Teil Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung versteht, das die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts nicht als gesamtökonomisches Gleichgewicht, dessen Wiederherstellung und Aufrechterhaltung nicht als Aufgabe (Politische Ökonomie) der demokratisch gewählten Abgeordneten und deren Beauftragten (Staat) versteht, sondern dass für diese Aufgabe zu Unterscheidendes wichtig sei, nämlich sie entweder als Dirigismus oder als Interventionismus zu beurteilen?

Für die Beurteilung dieser Aufgabe ist die Erkenntnis zugrunde zu legen, und nicht nur der Quesnays, dass die Sicherung der Mittel und Bedingungen des Lebens/ Zusammenlebens von Verfügungsmacht über die Mittel und Bedingungen dessen Bodens abhängt, Leben/Zusammenleben abhängt von dessen Boden.

Diese Erkenntnis kam und kommt zwar, wenn auch verbrämt, auch in dem herrschenden Verständnis von agrarpolitischer Marktordnung zum Ausdruck, damit mit dieser Einzelinteressen und das Interesse der Gesellschaft miteinander harmonieren, der Agrarmarkt kein „Sorgenkind“ der Gemeinschaft bleibt.[26]

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU beruhe auch deshalb auf dem Grundgedanken, dass ein freier Binnenmarkt mit Agrarprodukten ohne dirigistische Eingriffe mit Rücksicht auf die Einkommenssituation der Landwirte nicht realisierbar sei.[13]  weil der Binnenmarkt  mit seinen Agrarprodukten wie kein anderer Markt das menschliche Grundbedürfnis an Nahrung decken müsse.

Dafür bedürfe es – soweit auch herrschendes Verständnis – der Anwendung wirtschaftspolitischer Instrumente, mit denen der Staat die Möglichkeit habe, das Marktgeschehen nach seinen Staatszielen auszurichten. Das heißt zum Beispiel, dass der Staat einen Garantiepreis festlegt, zu dem die Landwirtschaftsbetriebe ihre Produkte sicher verkaufen können. Produkte, die sie zu diesem Preis nicht absetzen können, werden von staatlichen Stellen aufgekauft. Oder bestimmt die Produkte-Erzeugungsmengen, um unterschiedliche Erzeugungsbedingungen naturbedingter Standorte und unterschiedlicher urbanisierte Regionen auszugleichen.

Dabei seien aber die als Dirigismus (planwirtschaftlich organisierte Wirtschaftsordnung) und Interventionismus (marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsordnung) bezeichneten Methoden der Anwendung zu unterscheiden. Denn im Gegensatz zum Dirigismus greife der Staat beim Interventionismus nur punktuell in den Wirtschaftsablauf durch Ordnungs-, Finanz-, Konjunktur- oder Strukturpolitik ein.

Der EUGH hat zu diesem Verstehen von zu Unterscheidendem lediglich mit einer Definition zu Ordnung eines Marktes beigetragen. Diese Ordnung bestünde „aus einer Gesamtheit von Einrichtungen und Vorschriften, mit deren Hilfe die zuständigen Behörden versuchen, den Markt zu kontrollieren und zu lenken.“ (EuGH Rs. 90/63 und 91/63)

Diese Gesamtheit sei mit den entsprechenden Bestimmungen des AEUV europäisches Marktordnungsrecht, auf dessen Grundlage als europäische gemeinsame Agrarpolitik eine gemeinsame Organisation der Agrarmärkte geschaffen werde (AEUV Artikel 39, 40 bis 44), mit der die Möglichkeit gegeben ist, punktuell in entsprechende Wirtschaftsabläufe eingreifen zu können. Im Sinne dieses Rechts seien die Erzeugnisse, die den gemeinsamen Marktorganisationen unterliegen, Marktordnungswaren (in der Landwirtschaft direkt produzierten Erzeugnisse (zum Beispiel Getreide) sowie die hiermit im Zusammenhang stehende erste Verarbeitungsstufe (zum Beispiel Mehl).

Die besondere Bedeutung der Agrarpolitik findet auch im Haushalt der EU ihren Niederschlag. So sind als Ausgaben für die Agrarpolitik (für das punktuelle Eingreifen in den Wirtschaftsablauf) im Jahr 2021 insgesamt 31 % des Haushaltsplans der EU geplant.

Zum herrschenden Verständnis von als Wirtschaft, Wirtschaftskreislauf bezeichneten Waren-Handel, von als Wirtschaftspolitik bezeichnete Marktorganisation nebst Interventionismus für den freien Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital (freien Waren-Handel) gehört deshalb auch das von dem den Waren-Handel Bedingenden: Geld/ Währung, Währungsunion.

Feststellbar ist, dass mit diesem herrschenden Verständnis von Wirtschaft, Wirtschaftskreislauf keine wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen wurden und werden, mit denen Wirtschaftskreislauf, ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht wiederhergestellt, aufrechterhalten, Krisen überwunden wurden, vermieden werden konnten. Auch nicht nachgewiesen ist, dass mit Wirtschaftspolitik auf der Grundlage moderner makroökonomischer Kreislaufanalysen Krisen weder vermieden noch überwunden worden sind. Dazu half und hilft auch nicht die Überfrachtung dieser Analysen mit einem Multiplikator Prozess, um ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht oder -Ungleichgewicht sich vorstellen zu können, was ja aber nicht hieß, dieses Vorgestellte auch verstehen zu können.

Denn dieses herrschende Verständnis kommt in Veröffentlichungen zu Wirtschaftspolitik in einem beliebigen und nicht konsistenten Verstehen zum Ausdruck. Die Tätigkeit der Europäischen Union und der der Mitgliedstaaten umfasse die Einführung einer Wirtschaftspolitik, welche die Einhaltung folgender richtungsweisender Grundsätze voraussetze: stabile Preise, gesunde öffentliche Finanzen und monetäre Rahmenbedingungen sowie eine dauerhaft finanzierbare Zahlungsbilanz.[27] Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum.

Diese Kriterien und wohl auch das ihres Zusammenhangs Verstandene wären Voraussetzung  für die Einführung und Durchführung einer europäischen Wirtschaftspolitik. Doch dieser Zusammenhang wird als „Magisches Viereck der Wirtschaftspolitik“, dargestellt und so genannt – bezeichneter Weise! Denn es gibt eine Menge Meister der Magie, die immer wieder die Illusion verbreiten, dass mit einer europäischen Wirtschaftspolitik nach den genannten richtungsweisenden Grundsätzen diese realisiert werden (könnte). Es sei doch herrschendes Verständnis und damit auch das von der Beherrschung dieser Magie mit Geld, wofür auch eine Währungsunion benötigt werde.

Europäische Geldpolitik, Euro-Währungspolitik

Zur Überwindung des bestehenden (insbesondere ab 2009) als Krise bezeichneten Zustands der EU, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung bedeuteten die Gefahr der Illiquidität (Zahlungsunfähigkeit) und damit die des Verlusts der Währung Euro, entschied die Europäischen Zentralbank zur Abwehr dieser Gefahr mit Beschlüssen vom 19. November 2014 (EZB/2014/45) und vom 5. November 2015 (Beschluss [EU] 2015/2101) über ein Programm zum Ankauf von Wertpapieren des öffentlichen Sektors (Public Sector Asset Purchase Programme). Das PSPP sollte eine weitere Lockerung der monetären und finanziellen Bedingungen – einschließlich der Finanzierungsbedingungen für die Wirtschaft und Privathaushalte – bewirken, dadurch Konsum und Investitionen fördern und die Inflationsrate in der Eurozone auf knapp unter 2 % anheben.

Diese Ankäufe sollten bis Ende September 2016 und in jedem Fall so lange erfolgen, bis der EZB-Rat eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung erkennt, die im Einklang steht mit dem Ziel, mittelfristig Inflationsraten von unter, aber nahe 2 % zu erreichen. Dass das PSP-Programm die Förderung von Konsum und Investitionen bewirken, Wirtschaft unterstützen werde, ist Folge missverstandenen Zusammenhangs von Währung/ Geld und Wirtschaft. Am 12. September 2019 beschloss der EZB-Rat die Wiederaufnahme der Anleihekäufe (weiterer Ankauf gedeckter Schuldverschreibungen) ab dem 1. November 2019. Der EZB-Rat konnte weder die erhoffte Wirkung des PSP-Programms noch eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung dadurch erkennen.

Die Deutsche Bundesbank schlussfolgerte in ihrem Geschäftsbericht 2020:Angesichts der gestiegenen Verschuldung im privaten und öffentlichen Sektor . . . müsse das Finanzsystem ausreichend robust aufgestellt sein (Deutsche Bundesbank Geschäftsbericht 2020). Entsprechende Fehlanreize und systemische Risiken seien zu begrenzen, war eine Schlussfolgerung daraus und mit dieser das Verständnis von der Notwendigkeit von Finanzmarktreformen, wozu im vergangenen Jahrzehnt die „G20-Staaten“ Beschlüsse gefasst haben. Die Union erließ bereits dazu die Richtlinie 2014/65/EU vom 15.05.2014 (Finanzmarktrichtlinie 2014) für geregelte, ungeregelt Märkte, für Handelsplätze von Wertpapierfirmen.

Mit dieser Finanzmarktreformen („Too big to fail“- Reformen) sollte erreicht werden, die Realwirtschaft sowie die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler vor Risiken aus der Schieflage systemrelevanter Banken besser zu schützen. Systemrelevante Banken müssten nun höhere Anforderungen an das Eigenkapital erfüllen; außerdem werden sie intensiver beaufsichtigt. So soll die Widerstandsfähigkeit dieser Banken gestärkt und die Wahrscheinlichkeit einer Schieflage reduziert werden.

Hier können wir uns dazu noch einmal an das BVerfG-Urteil vom 5.Mai 2020 erinnern. Das BVerfG weist darin auf eine mit dem PSP-Programm erfolgte Ausweitung der Geldmenge und damit auf eine geldpolitische Lockerung (vgl. EZB, Pressemitteilung vom 22. Januar 2015) um günstige Liquiditätsbedingungen und um eine umfangreiche geldpolitische Akkommodierung [die Erhöhung der Staatsausgaben bei gleichzeitiger Erhöhung der Geldmenge] aufrechtzuerhalten.

Das BVerfG anerkennt einen Zusammenhang zu ökonomischen feststellbaren Wirkungen des PSPP. Das PSPP habe erhebliche wirtschaftspolitische Auswirkungen, auf den Bankensektor, auf die fiskalpolitischen Rahmenbedingungen in den Mitgliedstaaten, auf das Risiko von Immobilien- und Aktienblasen sowie [auf] ökonomische und soziale Auswirkungen auf nahezu alle Bürgerinnen und Bürger, die etwa als Aktionäre, Mieter, Eigentümer von Immobilien, Sparer und Versicherungsnehmer, [die] jedenfalls mittelbar betroffen sind undberührt darüber hinaus die in Art. 126 AEUV und im SKS-Vertrag sowie dem zur Konkretisierung dieser Normen erlassenen Sekundärrecht geregelten Politikbereiche.

Dieser Verweis des BVerfG auf diese Auswirkungen entsprach der seit 2008 feststellbaren fortwährenden Krise im Euro-Raum, die wiederum allerdings nicht der Begründung der ESZB entsprach, mit ihrer Währungspolitik zu einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht des Euro-Raumes beigetragen zu haben. Der Beitrag des ESZB in dieser Zeit entsprach zwar nicht den feststellbaren Staatsverschuldungen von Euro-Ländern, aber es war einer zur Erfüllung der Aufgabe des ESZB: die Sicherung der Währung Euro.

Es geht also auch in der Auseinandersetzung mit dem EUGH-Urteil vom 11.12.2018 um das Verstehen der Auswirkungen von Entscheidungen zu Veränderungen der Geldmenge, die in diesem EUGH-Urteil als Entscheidungen einer unabhängigen Währungs– und/ oder Geldpolitik des ESZB verstanden und bezeichnet werden. Mit den EU-Verträgen ist die Europäische Zentralbank (EZB) beauftragt, die Währung Euro stabil als Zahlungsmittel zu bewahren (Art. 128, Art. 133 AEUV) und dafür auch befugt, die Ausgabe von Euro-Banknoten innerhalb der Union zu genehmigen.

Das BVerfG urteilte (05.05.2020) dazu, dass diese ESZB-Entscheidungen aber nur dann als primärrechtlich zu respektieren seien, wenn mit diesen die bestehende Verfassungsidentität gewahrt bleibt. Deshalb geht es nur scheinbar in dieser Auseinandersetzung darum, wer die Kompetenz besitzt, „das letzte Wort“ zum Verstehen des Primärrechts zu haben und nur scheinbar darum, ob die Auswirkungen dieser ESZB-Entscheidungen auf die Verfassungsidentität verhältnismäßig seien.

Geldmenge ist Kategorie und abhängige Größe Politischer Ökonomie, die der Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung (eines als Staatsgebiet bezeichneten Territoriums) bedingt und ihn charakterisiert. Wenn Geldmenge schon zur beurteilen ist, dann also daran, ob dieser Zusammenhang sie bedingt, ob mit ihr dieser Zusammenhang aufrechterhält/ reproduziert.

Welche Geldmenge bedingt nun die europäische Wirtschaftsunion und insbesondere die europäische Währungsunion? Welche Geldpolitik bedingt diese Geldmenge?

Die Geldmenge und damit die hoheitlichen Tätigkeiten des ESZB, auch als Geld- und Währungspolitik genannte, zu Ausweitung, geldpolitische Lockerung können deshalb nicht nur bezüglich ihrer genannten Auswirkungen mit beliebig zu verstehenden Kriterien wie Legitimer Zweck, Geeignetheit, Erforderlichkeit, Angemessenheit beurteilt werden. Denn mit diesen Kriterien kann nicht die Geldmenge bestimmt werden, die eine europäische Wirtschafts- und Währungsunion bedingte. Die Auswirkungen von Bestimmungen zu Geldmenge können deshalb auch nicht mit dem Attribut beurteilt werden, dass diese Auswirkungen verhältnismäßig oder nicht verhältnismäßig seien.

Es bleibt bei der zu beantwortende Frage, wie Geldwertstabilität (Stabilität der allgemeinen Anerkenntnis von Geld als allgemeines Tauschwertäquivalent) und wie der Erhalt der (eigenen) Währung mit welcher Geldmenge gesichert werden kann.

Hierzu kommen wir zunächst noch einmal auf das erwähnte Abkommen von Bretton Woods, zu seinem System, zurück.

Mit diesem System sollten Wechselkurse zwischen Währungen stabilisiert werden, damit Zahlungsschwierigkeiten von Staaten nicht zu Kriegen führen. Mittels Währungswechselkursen innerhalb vereinbarter Bandbreiten nebst Ziehungsrechten (Währungsfonds IWF) sollten deren Zahlungsbilanzen ausgeglichen werden (Aufrechterhaltung der Parität gegenüber dem US-Dollar), auch um Währungs-Abwertungswettläufe zwischen Nationen zu verhindern. Mit der Währung US-Dollar als Ankerwährung sollte weltweit das Vertrauen an der (Wert-) Stabilität der im Handel verwendeten Währungen und deren Wechselkurswert zum US-Dollar gewährleistet werden. Die US-Notenbank (Zentralbank-System der USA FED) mit mehr als zwei Drittel der damaligen Welt-Goldbestände ermöglichte einen jederzeitige Umtausch von 35 US-Dollar je Feinunze Gold durch die Notenbanken der teilnehmenden Staaten.

Die Anzahl ausgegebener gleicher Einheiten US-Dollar-Banknoten war also mit dieser US-Goldmenge gedeckt. Die Geldmenge US-Dollar war mit dieser ES-Goldmenge bestimmt. Damit kam zwar (wieder) das Verständnis zum Ausdruck, dass Geldwertstabilität, das Vertrauen darauf, von einer ökonomisch bedingten Geldmenge abhängigen Eigenschaft vermittelt werden müsse, was aber hier mit dem Vertrauen auf eine nicht ausweitbaren US-Goldmenge begründet wurde. Dass dieses Vertrauen auf Dauer nicht aufrechterhalten wurde, aber nicht deshalb Kriege mit dem Bretton Woods System nicht verhindert werden konnten, ist eine die Erfindung dieses Bretton Woods Systems rechtfertigende Erzählung.

Das Bretton Woods Abkommen wurde nach 25 Jahren und damit auch das Verständnis von der Banknoten-Deckung für Geldwertstabilität, von einer Begrenzung der Geldmenge damit aufgegeben. Und im Jahre 2010 wurde auch wieder nach einem neuen Welt-Währungssystem gerufen. Die Wechselkurse zwischen Währungen wurden nicht stabilisiert. Mit dem Bretton Woods System wurde die Frage nach Geldmenge, Geldwertstabilität nicht beantwortet.

Die Beantwortung dieser Frage ist aber Voraussetzung für die Beurteilung von Geld- und Währungspolitik, auch um deren Auswirkungen zu verstehen. In der Auseinandersetzung des BVerfG mit dem EUGH war also nicht die Frage zum Verstehen primärrechtlicher Auswirkungen von Geldmengen-Ausweitungen zu beantworten, sondern zur Geldwertstabilität, zur Begrenzung der Geldmenge.

Mit den EU-Verträgen ist die Europäische Zentralbank (EZB) beauftragt, die Währung Euro stabil als Zahlungsmittel zu bewahren (Art. 128, Art. 133 AEUV) und dafür auch befugt, die Ausgabe von Euro-Banknoten innerhalb der Union zu genehmigen, und zwar mit dem vorrangigen Ziel, die Preisstabilität (Artikel 127 AEUV) zu gewährleisten.

Ob mit den auf die EZB übertragenen Befugnissen die Euro-Geldwertstabilität gesichert werden kann, das sollte uns die Methodik der Gründung und die der (geldpolitischen) Tätigkeit des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) und der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Sicherung der Geldwertstabilität der Währung Euro erschließen lassen. Wir nehmen zum Vergleich dazu die ausführliche, kritische Analyse zur Entwicklung und zum geldmengenorientierten Verstehen der deutschen Geldpolitik, der Kontrolle monetärer Expansionen bei Erhaltung der Geldwertstabilität, insbesondere der der DM (Deutsche Mark) durch die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank, mit der, rückblickend seit 1957, erfolgreich das Vertrauen auf deren Geldwertstabilität erhalten wurde[28].

Wir können uns deshalb darauf beschränken, uns mit den in dieser Sonderveröffentlichung (im Weiteren SoV) genannten Probleme und Grenzen der Wirksamkeit des geldmengenorientierten Verstehens von Geldpolitik, von Geldwertstabilität auseinanderzusetzen, um vor allem die Wirksamkeit der Währung Euro (Währungspolitik) als Teil eines europäischen Reproduktionsprozesses verstehen zu können. Und wir wollen dabei berücksichtigen, dass der Euro nicht als neue Währung eines europäischen Landes eingeführt wurde, sondern gleichzeitig in 12 EU-Mitgliedsländer („am 1. Januar 1999 als Buchgeld und drei Jahre später am 1. Januar 2002 als Bargeld“). Eine hervorragende organisatorische Leistung der Vorbereitung und Durchführung, die vor allem von den nationalen Zentralbanken (NZB) geleistet wurde. Das geldmengenorientierte Verstehen von Geldpolitik, von Geldwertstabilität der Deutschen Bundesbankwar Begründung genug für das Verstehen, dass nur eine Bank für die Währung Euro insgesamt geld- und währungspolitisch tätig sein müsse, dass nur durch die beteiligten nationalen Zetralbanken die Vorbereitung und Einführung der Euro-Währungsunion erfolgen kann.

Europäische Zentralbank – Europas Zentralbank?

Artikel 3 Abs. 4 des EUV „Die Union errichtet eine Wirtschafts- und Währungsunion, deren Währung der Euro ist“, folgt den Bestimmungen des Vertrages zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft in der Fassung vom 02.10.1997:

Artikel 116 „Die zweite Stufe für die Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion beginnt am 1. Januar 1994“;

Artikel 117 Abs. 1 „Zu Beginn der zweiten Stufe wird ein Europäisches Währungsinstitut (im Folgenden als „EWI“ bezeichnet) errichtet und nimmt seine Tätigkeit auf . . . ;

Artikel 117 Abs. 3 „Das EWI legt bis zum 31. Dezember 1996 in regulatorischer, organisatorischer und logistischer Hinsicht den Rahmen fest, den das ESZB zur Erfüllung seiner Aufgaben in der dritten Stufe benötigt. Dieser wird der EZB zum Zeitpunkt ihrer Errichtung zur Beschlussfassung unterbreitet“.

Doch bereits Artikel 8 bestimmt „Nach den in diesem Vertrag vorgesehenen Verfahren werden ein Europäisches System der Zentralbanken (im folgenden als „ESZB“ bezeichnet) und eine Europäische Zentralbank (im folgenden als „EZB“ bezeichnet) geschaffen, die nach Maßgabe der Befugnisse handeln, die ihnen in diesem Vertrag und der beigefügten Satzung des ESZB und der EZB (im folgenden als „Satzung des ESZB“ bezeichnet) zugewiesen werden.“

Das ESZB umfasst die EZB und die nationalen Zentralbanken aller EU-Mitgliedstaaten – unabhängig davon, ob sie den Euro eingeführt haben oder nicht.

Das Kapital der Europäischen Zentralbank (EZB) stammt von den nationalen Zentralbanken aller EU-Mitgliedstaaten. Es belief sich 1998 auf 5 Mrd ECU, 1999 5 Mrd Euro

Die Anteile der einzelnen Zentralbanken an diesem Kapital wurden anhand eines Schlüssels berechnet. Dieser spiegelte den Anteil des jeweiligen Landes an der Gesamtbevölkerung sowie am Bruttoinlandsprodukt der EU wider. Oder der der 12 EU-Mitgliedsländer.

 Der Beschluss EZB/2001/15 vom 6. Dezember 2001 über die Ausgabe von Euro-Banknoten(1) legt die Verteilung des Euro-Banknotenumlaufs an die NZBen entsprechend ihrem eingezahlten Anteil am Kapital der EZB fest. In Artikel 4 und dem Anhang zu jenem Beschluss werden der EZB 8 % des Gesamtwerts des Euro-Banknotenumlaufs zugeteilt. Die EZB hat entsprechend dem Wert der von ihr ausgegebenen Euro-Banknoten gegenüber den NZBen Intra-Eurosystem-Forderungen im Verhältnis zu deren Anteilen im Kapitalzeichnungsschlüssel.


Mit der Einführung der Währung Euro mussten die ihn einführenden EU-Mitgliedsländer ihre geldpolitische Souveränität aufgeben. [Diese Länder also, aber nicht deren nationalen Notenbanken]Sie ging zu diesem Zeitpunkt von den jeweiligen nationalen Notenbanken (im Weiteren nationale Zentralbanken) auf das dann errichtete Europäische System der Zentralbanken (ESZB) über.

Jede Einführung einer neuen Währung als Zahlungsmittel für ein Land beginnt mit der Ausgabe – Tausch der vorhandenen Bargeldmenge dessen alte Währung [„Banknoten“ (und Münzen)] – neuer Banknoten (und Münzen) mit dem Zeichen der neuen Währung. Deren Menge (gleicher Geldeinheiten) wird aber nicht gegen die gleiche Menge (gleicher Geldeinheiten) alter Währung getauscht. Der Tausch neue Währung gegen alte Währung zu ihren unterschiedlichen Mengen Bargeld (Bargeldmengen)entspricht dem jeweils herrschenden Verständnis von einer zu begrenzenden (begrenzten) Geldmenge. Mit diesem Tausch ist wieder die Basis der Geldmenge für deren Entwicklung neu bestimmt.

Das herrschende Verständnis von der Begrenzung der Geldmenge bestimmte auch das Verstehen des Tauschs der Währung Euro gegen unterschiedliche Währungen der EU-Mitgliedsländer, die den Euro einführten. Wir können die in der SoV dokumentierten Erkenntnisse zu Geldmenge und Geldpolitik der Einführung und Entwicklung der Währung Euro in 12 Ländern Europas („am 1. Januar 1999 als Buchgeld und drei Jahre später am 1. Januar 2002 als Bargeld“) und noch besser ab 2010 in 19 Ländern Europas nutzen, um eine Währungsunion als Teil Europas Reproduktion verstehen zu können.

Mit dem Übergang zur dritten Stufe des „Vertrages über die Europäische Union“, mit der zur Vervollständigung des Europäischen Binnenmarktes die Gemeinschaft in einem zeitlich festgelegten, dreistufigen Prozess spätestens Anfang 1999 zu einer Wirtschafts- und Währungsunion ausgebaut werden sollte, verlören dann diejenigen Länder, die sich in einem auf ökonomischen Kriterien basierenden Prüfungsverfahren für den Eintritt in die dritte Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion qualifiziert haben, ihre geldpolitische Souveränität. [Diese Länder, also deren Staaten verlieren sie, aber nicht die nationalen Notenbanken der Länder] Sie gehe zu diesem Zeitpunkt von den jeweiligen nationalen Notenbanken auf das dann errichtete Europäische System der Zentralbanken (ESZB) über. Dessen integrale Bestandteile sind eine Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Zentralbanken der Teilnehmerländer.“

 Der Beschluss EZB/2001/15 vom 6. Dezember 2001 über die Ausgabe von Euro-Banknoten(1) legt die Verteilung des Euro-Banknotenumlaufs an die NZBen entsprechend ihrem eingezahlten Anteil am Kapital der EZB fest. In Artikel 4 und dem Anhang zu jenem Beschluss werden der EZB 8 % des Gesamtwerts des Euro-Banknotenumlaufs zugeteilt. Die EZB hat entsprechend dem Wert der von ihr ausgegebenen Euro-Banknoten gegenüber den NZBen Intra-Eurosystem-Forderungen im Verhältnis zu deren Anteilen im Kapitalzeichnungsschlüssel.

Die Geldmenge und damit die hoheitlichen Tätigkeiten dazu sind – als Währung – bezüglich ihres Verhältnisses zu den Geldmengen zu beurteilen, die andere Staatsgebiete, deren Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung, bedingen.

Die hoheitlichen geld- und währungspolitischen Tätigkeiten des ESZB, die Geldmenge zu genehmigen einerseits und die Stabilität der Währung Euro zu bewahren andererseits, erscheinen als zwei voneinander zu unterscheidende Aufgaben der EZB.

Sie unterstütze zwar damit die Wirtschaft, aber zur Erfüllung ihrer Aufgaben sei sie von dieser unabhängig. Die WWU könne deshalb als eine durch eine Währungsunion unterstützte Wirtschaftsunion zu verstehen sein.

Die Summe der jeweiligen Geldmengen der 12 EU-Mitgliedsländer ihrer Währungen entsprach aber nicht der Geldmenge, welche deren Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bedingte. Denn die unterschiedlichen Wechselkurse ihrer Währungen und Zahlungsbilanzen zum Zeitpunkt der Vorbereitung der Einführung der Währung Euro charakterisierten diese ihre Gemeinschaft (EWG) nicht als eine einer gemeinsamen Wirtschaft.

Die EWG-Mitgliedsländer vereinbarten deshalb, dass sie Fortschritte bei der Konvergenz [beim sich einander Nähern] im Wirtschafts- und Währungsbereich, insbesondere hinsichtlich der Preisstabilität und gesunder öffentlicher Finanzen, sowie bei der Umsetzung der gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften über den Binnenmarkt erreichen wollen (EG-Vertrag Art. 116 (ex-Art. 109e). Eine positive Bewertung der erreichten Fortschritte sollte jeweils Voraussetzung des EU-Mitglieds sein, die Währung Euro einführen zu können.

Dazu äußerte sich die Deutschen Bundesbank in einer Stellungnahme wie folgt:

„Die dauerhaften Erfolgschancen der Währungsunion hingen nicht allein von der Erfüllung der im Vertrag genannten Konvergenzbedingungen ab, sondern vor allem auch von einer befriedigenden realwirtschaftlichen Entwicklung in allen Teilen der Union. Damit verlören jedoch die im Vordergrund der Konvergenzprüfung stehenden Kriterien nicht an Bedeutung. Ganz im Gegenteil, je weniger die Kriterien erfüllt seien und als dauerhaft gewahrt gelten könnten, desto größer seien auch die Risiken für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung in der Währungsunion, und desto weniger seien die an die Währungsunion gestellten Erwartungen erfüllbar.“ (BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 31. März 1998 – 2 BvR 1877/97 -, Rn. 1-101,).

In den EU-Verträgen sind keine Erwartungen an die Währungsunion vereinbart. Aus den in der SoV dokumentierten Erkenntnissen der Deutschen Bundesbank zu Geldmenge und Geldpolitik kann aber deren Zweifel abgeleitet werden, dass mit dieser Währungsunion die Aufgabe des Erhalts der Geldwertstabilität erfüllbar sein könnte.

Denn mit dem herrschenden Verständnis, dass einerseits eine Beurteilung der dauerhaften Stabilität der Währungsunion aufgrund der rechtlichen und wirtschaftlichen Konvergenz der Teilnehmerstaaten erfolge und zwar anhand der vereinbarten Konvergenzkriterien

Preisstabilität, ersichtlich aus einer Inflationsrate,

Einhaltung der normalen Bandbreiten des Wechselkursmechanismus des Europäischen Währungssystems, die im Niveau der langfristigen Zinssätze zum Ausdruck kommt,

– Verhältnis des öffentlichen Schuldenstands zum Bruttoinlandsprodukt, nicht mehr als 60%,

–   Verhältnis des geplanten oder tatsächlichen öffentlichen Defizits zum  

     Bruttoinlandsprodukt, nicht mehr als 3%,

–   tragbare Finanzlage der öffentlichen Hand, ersichtlich aus einer    öffentlichen Haushaltslage ohne übermäßiges Defizit,

aber dass andererseits dieser Rechtsmaßstab freilich Einschätzungs-, Bewertungs- und Prognoseräume eröffne, konnte und kann dieser Zweifel nicht ausgeräumt werden.

Mit diesem Rechtsmaßstab wurde zwar, allerdings ohne Anspruch auf Gewissheit, dass diese Konvergenzkriterien erfüllt werden, die Entscheidung zur Teilnahme der 12 EU-Mitgliedsländer an der Währungsunion (Euro) getroffen, aber nicht mit diesem Rechtsmaßstab, dass die Euro-Geldmenge, die gegen die Geldmengen alter Währungen dieser EU-Mitgliedsländer getauscht worden sind, der Geldmenge entspricht, die der EWG als eine Wirtschaftsgemeinschaft bedingen würde.

Bestimmender Maßstab für die Bestimmung der Geldmenge der neuen Währung Euro waren die Währungswechselkurse, die mit Stand der Vorbereitung („3.Stufe“) der Einführung der Währung Euro zwischen den EU-Mitgliedsländer bestanden.  Analog dem Bretton Woods Systems wurden Anteile deren nationalen Währungen in eine Leitwährung (ECU-Währungskorb) eingebracht und mit dem Wert des jeweiligen Anteils dieser somit als ECU-Wert der jeweiligen nationalen Währung bestimmt. Für die Bestimmung des jeweiligen Anteil-Wertes wurde insbesondere zur Berücksichtigung unterschiedlicher wirtschaftlicher Bedeutung ihr jeweiliger nationale Anteil am EU-Sozialprodukt verwendet. Mit dem Beginn der dritten Stufe wurden also die untereinander geltenden Wechselkurse der Währungen der teilnehmenden Mitgliedstaaten durch unwiderruflich festgelegte Umrechnungskurse, zu denen diese Währungen durch den ECU ersetzt wurden, zu einer eigenständigen ECU-Währung.Die europäische Währung wird zur eigenständigen Währung mit einem festen Umrechnungskurs (1:1 Euro zu ECU) gegenüber den Währungen der beteiligten Mitgliedstaaten, zu dem sie diese ersetzen wird.“ (EUROPÄISCHES WÄHRUNGSINSTITUT DER ÜBERGANG ZUR EINHEITLICHEN WÄHRUNG November 1995).

Mit der Ersetzung der nationalen Währung erfolgte nicht die Ersetzung der Geldmenge (Menge gleicher Geldeinheiten) alter Währung mit der neuen Währung Euro des ihn einführenden EU-Mitgliedslandes. Es erfolgte deren Tausch (alter nationaler ECU-Währung gegen neue Währung Euro) entsprechend dem Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts und ihrer Bevölkerung an deren Summen aller EU-Mitgliedsländer, mit dem die Euro Geldmenge (Menge gleicher Geldeinheiten) des einführenden EU-Mitgliedslandes als unwiderruflicher Maßstab bestimmt wurde.

Mit der Einführung der Währung Euro wurde deren Geldmenge also rechnerisch für jedes dieser EU-Mitgliedsländer bestimmt und als Geldmenge der Wirtschaftsunion verstanden, welche aus den Wirtschaften dieser EU-Mitgliedsländer nebst Währungsunion damit gebildet worden sei und die gleichzeitig damit als Währung Euro für den EU-Binnenmarkt und anderer Märkte gelte.

Die mit der Einführung des Euro bestimmte Euro-Geldmenge ist also nicht eine, die ein Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis -Verfassung der den Euro einführenden EU-Mitgliedsländer bedingte. Sie erfolgte mit der Bildung eines Europäischen Zentralbankensystems (ESZB), bestehend aus den nationalen Zentralbanken (NZB) der EU-Mitgliedsländer, die den Euro als Währung eingeführt haben und einer Europäischen Zentralbank (EZB) für die EU. Sie entsprach der Summe, der der jeweiligen für die EU-Mitgliedsländer errechneten, von deren Zentralbanken emittierten Geldmengen, und zwar des in ihrer jeweiligen Währung ausgedrückten Anteils ihres Bruttoinlandsprodukts und ihrer Bevölkerung an deren Summen aller Mitgliedstaaten.

Mit der Bestimmung (beschreibende Definition), dass als wirtschaftliche Transaktionen der Handel mit Waren, Dienstleistungen, Vermögensübertragungen, Kapital, Devisen und Restposten zu verstehen sind, ist als Handelnder des Landes dessen Zentralbank als Monopolist des Handels mit Devisen und der Bestimmung der Geldmenge des Landes, dessen Währung, der Sicherung ihres Erhaltens. Zahlungsbilanz ist die Bilanz aus der Tätigkeit der Zentralbank eines Landes.

Die Sicherung des Erhalts oder der Verlust der eigenen Währung, also dass sie im Land nicht oder doch durch eine andere Währung (eines anderen Landes) verdrängt wird, ist Folge ökonomischen Ungleichgewichts der Länder, wodurch der Handel mit Devisen (Kauf/ Verkauf von Währungen), deren Wechselkurs, vom ökonomisch stärkeren Land bestimmt ist. Resultierende Folge ist, dass die Geldmenge der Länder ökonomischen Ungleichgewichten sich vergrößert und in den Ländern mit ökonomischen Gleichgewicht Geldmenge aus der Zirkulation ausscheidet, selbst, dessen Gebrauchswert, Handelsobjekt wird.

Die Waren-Handelsbilanz (Leistungsbilanz) eines Landes drückt aus, dass die in dieser Bilanz als Exporte ausgewiesene Waren Mehrprodukte, jeweils des bilanzierenden Landes, sind. Der Saldo dessen Bilanz weist aus, dass das im Handel verbundene Land ein ökonomisches Ungleichgewicht (gesamtwirtschaftliche Ungleichgewicht) produzierenden Mehrprodukts oder gar einen Mangel an Ware hat.

Für das Verstehen der Zahlungsbilanzen der EU-Mitgliedsländer für das Verstehen einer Zahlungsbilanz der Union ist das der Methodik der Gründung und der (geldpolitischen) Tätigkeit des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) und der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Sicherung der Geldwertstabilität der Währung Euro Voraussetzung. Eine ausführliche, kritische Analyse zur Entwicklung und zum geldmengenorientierten Verstehen der deutschen Geldpolitik, insbesondere der Deutschen Bundesbank mit der DM (Deutsche Mark), mit der erfolgreich seit 1957 Geldwertstabilität der DM erhalten wurde.[29]

Wir können deshalb uns nun mit den in dieser Sonderveröffentlichung (im Weiteren SoV) genannten Probleme und Grenzen der Wirksamkeit der Geldpolitik auseinandersetzen, um vor allem die zur Währung Euro (Währungspolitik) als Teil eines europäischen Reproduktionsprozesses verstehen zu können.


Weil mit jeder Einführung einer neuen Währung deren Bargeldumlaufmenge [„Banknoten und Münzen“ in Weiteren mit diesem Verständnis: Geldmenge] mit der Ausgabe einer bestimmten begrenzten Menge an Banknoten und Münzen mit dem Zeichen der neuen Währung beginnt und damit die Basis der Geldmenge für deren Entwicklung gelegt ist, können die in der SoV dokumentierten Erkenntnisse zu Geldmenge und Geldpolitik zur Beurteilung deren Entwicklung ab Einführung der Währung Euro in 12 Ländern Europas („am 1. Januar 1999 als Buchgeld und drei Jahre später am 1. Januar 2002 als Bargeld“) und noch besser ab 2010 in 19 Ländern Europas genutzt werden.

Mit dem Übergang zur dritten Stufe („Vertrages über die Europäische Union“, nach diesem Vertrag soll zur Vervollständigung des Europäischen Binnenmarktes die Gemeinschaft in einem zeitlich festgelegten, dreistufigen Prozeß zu einer Wirtschafts- und Währungsunion ausgebaut werden.)  – nach dem Vertragswerk spätestens Anfang 1999 – werden diejenigen Länder, die sich in einem auf ökonomischen Kriterien basierenden Prüfungsverfahren für den Eintritt in die dritte Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion qualifizieren, ihre geldpolitische Souveränität verlieren. [Die Länder also deren Staaten verlieren sie, aber nicht die nationalen Notenbanken der Länder] geht zu diesem Zeitpunkt von den jeweiligen nationalen Notenbanken auf das dann errichtete Europäische System der Zentralbanken (ESZB) über. Dessen integrale Bestandteile sind eine Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Zentralbanken der Teilnehmerländer.“ Das Kapital der Europäischen Zentralbank (EZB) stammt von den nationalen Zentralbanken aller EU-Mitgliedstaaten. Es belief sich anfangs auf 5 Mrd. ECU = Euro

Die Anteile der einzelnen Zentralbanken an diesem Kapital wurden anhand eines Schlüssels berechnet. Dieser spiegelte den Anteil des jeweiligen Landes an der Gesamtbevölkerung sowie am Bruttoinlandsprodukt der EU wider.

Die Geldmenge und damit die hoheitlichen Tätigkeiten dazu sind – als Währung – bezüglich ihres Verhältnisses zu den Geldmengen zu beurteilen, die andere Staatsgebiete, deren Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung, bedingen.

Die hoheitlichen geld- und währungspolitischenTätigkeiten des ESZB, die Geldmenge zu genehmigen einerseits und die Stabilität der Währung Euro zu bewahren andererseits, erscheinen als zwei voneinander zu unterscheidende Aufgaben der EZB.

Sie unterstütze zwar damit die Wirtschaft, aber zur Erfüllung ihrer Aufgaben sei sie von dieser unabhängig. Die WWU könne deshalb als eine durch eine Währungsunion unterstützte Wirtschaftsunion zu verstehen sein.

Mit der Einführung des Euro als Zahlungsmittel für 12 EU-Mitgliedsländer wurde die Geldmenge ihrer Währungen in Euro rechnerisch für jedes dieser EU-Mitgliedsländer bestimmt. Die Summe dieser Geldmengen wird als Geldmenge der Wirtschaftsunion verstanden, welche aus den Wirtschaften dieser EU-Mitgliedsländer damit nebst Währungsunion gebildet worden sei und die gleichzeitig damit als Währung Euro für den EU-Binnenmarkt und anderer Märkte gelte.

Die mit der Einführung des Euro bestimmte Euro-Geldmenge ist also nicht eine, die ein Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis -Verfassung der den Euro einführenden EU-Mitgliedsländer bedingte. Sie erfolgte mit der Bildung eines Europäischen Zentralbankensystems (ESZB), bestehend aus den nationalen Zentralbanken (NZB) der EU-Mitgliedsländer, die den Euro als Währung eingeführt haben und einer Europäischen Zentralbank (EZB) für die EU. Sie entsprach der Summe der der jeweiligen für die EU-Mitgliedsländer errechneten, von deren Zentralbanken emittierten Geldmengen (zuvor in Ecu-Wechselkurse umgerechnete), und zwar des in ihrer jeweiligen Währung ausgedrückten Anteils ihres Bruttoinlandsprodukts und ihrer Bevölkerung an deren Summen aller Mitgliedstaaten.

Die EZB hatte zwischen März 2015 und Ende 2018 rund 2,6 Billionen Euro in Staatsanleihen und andere Wertpapiere gesteckt – den allergrößten Teil über das Programm PSPP (Public Sector Purchase Programme), auf das sich das Urteil bezieht. Zum 1. November 2019 wurden die umstrittenen Käufe neu aufgelegt, zunächst in vergleichsweisem geringem Umfang von 20 Milliarden Euro im Monat.

Die Auseinandersetzung des BVerfG (mit dessen Urteil vom 05.05.2020) mit dem EUGH (zu dessen Urteil vom 11.12.2018) offenbart unterschiedliches, gar gegensätzliches Verständnis eines von mit den gleichen Worten Geld, Währung, Wirtschaft zum Ausdruck gebrachten Zusammenhangs.

Scheinbar ist die Genehmigung der Geldmenge einerseits und die Bewahrung der Stabilität der Währung Euro andererseits zwei voneinander zu unterscheidende Aufgaben der EZB, mit denen sie zwar die Wirtschaft unterstütze, aber zur Erfüllung ihrer Aufgaben von dieser unabhängig sei. Scheinbar deshalb sei die WWU als eine durch eine Währungsunion unterstützte Wirtschaftsunion zu verstehen.

Die Auseinandersetzung des BVerfG (in dessen Urteil vom 05.05.2020) mit dem EUGH (zu dessen Urteil vom 11.12.2018) weist auf die Notwendigkeit hin, den Zusammenhang von Geld, Währung, Wirtschaft nicht als unmittelbar einleuchtend, keines Beweises bedürfend zu verstehen, sondern als einen mit Daten zu den mit „Geld“, Währung“, Wirtschaft“ Begriffenen feststellbaren berechenbaren Zusammenhang. Eine Voraussetzung dafür ist das Verstehen des im ESZB-Bilanzsystems formulierten herrschenden Verständnisses. Hier sei nur, als Beispiel, auf den damit zum Ausdruck gebrachten Zusammenhang (Grenzen) hingewiesen.

Die Auseinandersetzung des BVerfG (indessen Urteil vom 05.05.2020) mit dem EUGH (zu dessen Urteil vom 11.12.2018) offenbart also auch ein unterschiedliches, gar gegensätzliches Verständnis eines von mit den gleichen Worten „Geld“, „Währung“, „Wirtschaft“ zum Ausdruck gebrachten Zusammenhangs dieser Kenngrößen Politischer Ökonomie

Reproduktion – Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

Feststellbar ist, dass trotz dieses herrschenden Verständnisses von einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht und Wirtschaftskreislauf, keine wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen wurden und werden, mit denen dieses Gleichgewicht, dieser Kreislauf, wieder hergestellt, aufrechterhalten, Krisen überwunden wurden, vermieden werden können. Denn dieses herrschende Verständnis kommt in Veröffentlichungen zu Wirtschaftspolitik in einem beliebigen und nicht konsistenten Verstehen zum Ausdruck. Die Tätigkeit der Europäischen Union und der der Mitgliedstaaten umfasse die Einführung einer Wirtschaftspolitik, welche die Einhaltung folgender richtungsweisender Grundsätze voraussetze: stabile Preise, gesunde öffentliche Finanzen und monetäre Rahmenbedingungen sowie eine dauerhaft finanzierbare Zahlungsbilanz.[28] Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum, diese Kriterien und ihr Zusammenhang wären Voraussetzung  für die Einführung und Durchführung einer europäischen Wirtschaftspolitik. Sie werden als „Magisches Viereck der Wirtschaftspolitik“, dargestellt und so genannt – bezeichneter Weise! Denn es gibt eine Menge Meister der Magie, die immer wieder die Illusion verbreiten, dass mit einer europäischen Wirtschaftspolitik nach den genannten richtungsweisenden Grundsätzen diese realisiert werden (können). Es sei doch herrschendes Verständnis.

Das damit zum Ausdruck kommende herrschende Verständnis von Wirtschaftspolitik lässt die Frage unbeantwortet, ob und was mit und in diesem Verständnis Weiterentwickeltes von Quesnays Verständnis seines Tableau Èconomique berücksichtigt ist. Es seien mindestens drei wichtige Elemente der modernen makroökonomischen Kreislaufanalyse, die sich direkt oder indirekt auf das Tableau Économique zurückführen lassen und es weiterentwickelt haben. So sei das Konzept des Einkommensmultiplikators, das erstmals im Zig-Zag-Schema von 1758 enthalten war, anfangs der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts durch Richard Kahn (1931) und John Maynard Keynes (1936) in die makroökonomische Analyse eingeführt worden, wo es seither einen festen Platz einnimmt. Zwischen Quesnay und Keynes bestünde grundsätzlich eine enge Verbindung, da beide das wirtschaftliche Aktivitätsniveau durch die effektive Nachfrage bestimmt sehen.

Was im „Tableau“ zur Darstellung eines Gleichgewichts aller Zu- und Abflüsse von in Geld ausgedrückten Werten der dafür ausgewählten Klassen notwendig war, wurde später zum herrschenden Verständnis von einem (anzustrebenden) gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht zirkulierender in Geld ausgedrückter Werte – zirkulierendem Geldes. Das sei mit dem „Tableau“ nachgewiesen und deshalb sei diese Darstellung als Wirtschaftskreislauf zu verstehen.

Nicht nachgewiesen ist aber, dass mit Wirtschaftspolitik auf der Grundlage moderner makroökonomischer Kreislaufanalysen weder Krisen vermieden noch damit Krisen überwunden worden sind. Dazu half und hilft auch nicht die Überfrachtung dieser Analysen mit einem Multiplikatorprozess, um ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht oder -Ungleichgewicht sich vorstellen zu können, was ja nicht heißt, dieses Vorgestellte auch verstehen zu können. Deshalb ist auch herrschendes Verständnis, dass in beiden Versionen des Tableau Économique von Quesnay [nur] die Vorstellung eines makroökonomischen Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewichts zum Ausdruck komme.

Doch weil diese Vorstellung von einem solchen Gleichgewicht weder eine weiterentwickelte ist noch verstanden wird und auch nicht als charakteristisches von Wirtschaft feststellbar ist, wird auf Weiterentwicklungen des „Tableaus“ verschiedener Ökonomen wie Léon Walras (1874), Karl Marx (1885), Wassily Leontief (194) oder Piero Sraffa (1960) sowie auf die mit dieser Vorstellung gebildete Grundlage der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verwiesen

Eine Weiterentwicklung wird Karl Marx mit dem Hinweis auf sein Werk „Das Kapital“ zugesprochen. Doch Karl Marx behandelt im „Das Kapital“ weder Vorstellungen noch war Gegenstand seiner Untersuchungen ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht. Im „Das Kapital“ setzt er sich mit dem Verstehen der kapitalistischen Reproduktion auseinander und verwendet dabei z. B. das Wort Kreislaufprozess für den Prozess der „Metamorphosen“ von Ware und Geld. Mit der „Tabelle des Reproduktionsprozesses“ („Das Kapital“ Bd. II) stellt er dar, wie mit dem Verstehen der kapitalistischen Reproduktion das Tableau Économique von Quesnay gebildet sein könnte, und zwar wie Quesnay „ohne Geldzirkulation“ und zwar, wie Quesnay, nur „bei gleichbleibender Stufenleiter der Reproduktion“[30].  Dazu also später noch.

Auch Wassily Leontief behandelte nicht Vorstellungen und ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht war nicht Gegenstand seiner Untersuchungen. Die Idee Quesnays war für ihm ein Versuch wert, auf der Grundlage verfügbarer statistischer Materialien ein Tableau Économique der Vereinigten Staaten zu erstellen. Also auch dazu später noch. Übrigens: Leontief untersuchte im Auftrag der Vereinten Nationen mit Anwendung seines entwickelten Verfahrens mögliche Entwicklungsstrategien der Weltwirtschaft. Für seine wissenschaftliche Leistung erhielt er den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

„Die Wirtschaftswissenschaft“ nach Leontief hat keine Entwicklungsstrategie der Wirtschaft Europas zustande gebracht. Auch kein Tableau Économique Europas. Obwohl zur Verfügung stehende wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur ein solches Tableau und nicht nur das für Europa ermöglichen würden.

Klassifizierter Kenngrößen zur Darstellung und Daten zur Berechnung von den Zusammenhängen, mit denen ein europäischer Reproduktion erkannt und verstanden werden kann. 

Wir müssen zum Verstehen der europäischen Reproduktion, der “gesellschaftlichen Reproduktion auf kapitalistischer Grundlage“, den Teil ihres Prozesses verstehen, dessen Merkmal ihn als kapitalistische Ökonomie charakterisieren. Es ist das Verstehen der Kenngrößen kapitalistischer Ökonomie, mit denen deren Zusammenhänge dargestellt und mit ihren erfassten Daten die Resultierenden der Zusammenhänge berechnet werden können.

Hiermit beenden wir die Veröffentlichung unserer Gedanken zu Europas Reproduktion in dieser Website. Diese bisherigen unsererGedanken sind Grundlage für unsere weiteres Ringen um das Verstehen Europas Reproduktion. Die erhebliche Komplexität der dazu weiteren Auseinandersetzung als wissenschaftliche Arbeit erfordert vielerlei Beiträge wissenschaftlicher Erkenntnisse von Politischer Ökonomie und ihrer Zusammenhänge. Willkommen sind alle, die mit ihrer Registrierung hier sich mit Beiträgen an dieser Arbeit beteiligen wollen. Sie werden Mitautoren der als Buch veröffentlichten Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Arbeit.

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[1] Peter Blickensdörfer (2019): ESVG 201 Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen Ein System berechenbaren Missverstehens von Europa, Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV) Baden-Baden

[2] Friedrich Engels Vorwort „Das Kapital“ Buch II DIETZ VERLAG BERLIN 1958

[3]„Wir, die Staats- und Regierungschefs der Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, sind in einer Zeit tiefgreifenden Wandels und historischer Erwartungen in Paris zusammengetreten. Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, daß sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden. Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit. Durch den Mut von Männern und Frauen, die Willensstärke der Völker und die Kraft der Ideen der Schlußakte von Helsinki bricht in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit an.“

[4] Frank Deppe Fin de Siegle Am Übergang ins 21. Jahrhundert

[5] Vom 7. bis 10. Mai 1948 tagte der Europakongress als Manifestation der europäischen Einigungsbewegung in Den Haag. Etwa 700 Politiker aus fast allen europäischen Ländern forderten auf dem Kongress die politische Einheit Europas. Es wurden die Schaffung des Europarates und eine europäische Menschenrechtskonvention gefordert, die als Grundlagen einer künftigen Gemeinschaft dienen sollten

[6] „Wir, die Staats- und Regierungschefs der Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, sind in einer Zeit tiefgreifenden Wandels und historischer Erwartungen in Paris zusammengetreten. Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, daß sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden. Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit.“

[7] Umwelt, die Welt um den Menschen? Wozu dieses Wortekonstrukt und die konstruierte Abgrenzung zu Natur? Das Wort Natur verwenden wir im Weiteren in der Bedeutung, dass der Mensch dazugehört und dass sowohl der Mensch als auch Natur nicht ohne ihren Zusammenhang zu verstehen sind.

[8] Zur Unterscheidung von Verändern und Änderung s.a. Peter Blickensdörfer (2015): Denken wider das herrschende Verständnis Seite 662 ff, Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV)

[9] Europäische Kommission Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen — ESVG 2010 Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union Vorwort

[10] Die Qualität des in Medien, in Veröffentlichungen, in politischen Äußerungen zum Ausdruck kommende herrschende Verständnisse dazu entspricht nicht der des vom Deutschen Bundesverfassungsgericht (BVerfG) geäußerten herrschenden Verständnisses

[11]  „Souverän ist, wer die Macht hat, eine Verfassung in Kraft zu setzen.“ Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland Josef Isensee und Paul Hübner, C.F. Müller Juristischer Verlag Heidelberg 1992

[12]  „Verfassungsidentität“, die den Zusammenhang von „Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung“ charaktewrisierende, s.a. BVerfG 2 BvR 2735/ 14 Tz 47: „Die weitaus überwiegende Zahl der Verfassungs- und Obergerichte der anderen Mitgliedstaaten teilt für ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich die Auffassung des Bundesverfassungsgerichts, dass der (Anwendungs-)Vorrang des Unionsrechts nicht unbegrenzt gilt, sondern dass ihm durch das nationale (Verfassungs-)Recht Grenzen gezogen werden.“ 

[13]   Dieter Grimm Europa ja – aber welches? Zur Verfassung der europäischen Demokratie, Verlag C.H.Beck oHG, München 2016.

[14] Bundesverfassungsgericht – Urteil vom 7. September 2011 – 2 BvR 987/10

[15] ebenda

[16]  S.a. http://www.erkenntniswiderspruch.de/Diskussionen/Diskussion zu Erkenntnis-Kritik „ESM“ und „Schuldenbremse“ – Auflösung von „Kleinstaaterei“(?)]

[17]an eine Neufassung des Stabilitäts- und Wachstumspakts selbst, denkt ohnehin niemand. Zum einen wegen der damit verbundenen Symbolik. Zum anderen müssten grundlegende Änderungen an dem Vertragswerk von allen EU-Staaten einstimmig angenommen werden – eine hohe Hürde. (Oktober 2021)

[18] „ENTSCHLOSSEN, die Stärkung und die Konvergenz ihrer Volkswirtschaften herbeizuführen und eine Wirtschafts- und Währungsunion zu errichten, die im Einklang mit diesem Vertrag eine einheitliche, stabile Währung einschließt, . . . IN DEM FESTEN WILLEN, im Rahmen der Verwirklichung des Binnenmarkts sowie der Stärkung des Zusammenhalts und des Umweltschutzes den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt ihrer Völker zu fördern und Politiken zu verfolgen, die gewährleisten, daß Fortschritte bei der wirtschaftlichen Integration mit parallelen Fortschritten auf anderen Gebieten einhergehen, . . . „

[19]  Zur Überleitung von Rechtsverhältnissen, die unter planwirtschaftlichen Bedingungen entstanden sind, in die Marktwirtschaft (hier: Altschulden der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR) BVerfG 1 BvR 48/94

[20] Staatsvertrag BRD-DDR zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom 18.05.1990 (BGBL II S. 537 „Der Staatsvertrag erklärt die soziale Marktwirtschaft zum Wirtschaftssystem der Deutschen Demokratischen Republik“. Ein Vertrag geschlossen bevor dafür die Verfassung der DDR gerändert wurde. Der Einigungsvertrag (Beitrittsvertrag) vom 31.08.1990 veränderte nicht die Bestimmungen des Vertrages vom 18. Mai 1990, mit dem die wirtschaftliche und soziale Einheit hergestellt war, es fehlte allerdings die politische/staatliche Einheit, für deren Vollzug der Einigungsvertrag geschlossen worden war.

[21] Verfassungsgrundsätze vom 17.Juni 1990, mit denen die Privatisierung des volkseigenen Vermögens angeordnet wurde. „. . . in der Erwartung einer baldigen Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands wird für eine Übergangszeit die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik um folgende Verfassungsgrundsätze ergänzt. Entgegenstehende Verfassungsgrundsätze besitzen keine Rechtsgültigkeit mehr“. „Artikel 1. Freiheitliche Grundordnung (2) . . . Bestimmungen in Rechtsvorschriften, die den einzelnen oder Organe der staatlichen Gewalt auf die sozialistische Staats- und Rechtsordnung, auf das Prinzip des demokratischen Zentralismus, auf die sozialistische Gesetzlichkeit, das sozialistische Rechtsbewußtsein oder die Anschauungen einzelner Bevölkerungsgruppen oder Parteien verpflichten, sind aufgehoben. Artikel 2. Eigentum. Privateigentum einschließlich des Erwerbs von Eigentum und eigentumsgleichen Rechten an Grund und Boden sowie an Produktionsmitteln wird gewährleistet.“

[22] Im Zuge der Wiedervereinigung einigten sich beide deutschen Staaten in einer gemeinsamen Erklärung vom 15. Juni 1990 über das Verfahren zur Regelung der offenen Vermögensfragen. Am 29. September 1990 verabschiedete die Volkskammer der DDR das sogenannte Vermögensgesetz. In ihm wurden die Ansprüche enteigneter oder durch staatliche Verwaltung in ihrer Verfügungsbefugnis beschränkter Eigentümer geregelt. Nach dem Vermögensgesetz galt – getreu der Vorgabe aus Bonn – prinzipiell der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“. Der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“ einer der großen Fehler bei der Verwirklichung der Einheit Deutschlands . Mehr als zwei Millionen Anträge auf Rückübertragung (MDR:DE 05.01.2021); also zur Enteignung von (der) DDR-Bevölkerung.

[23] BVerfG, 2 BvE 2/08 vom 30.6.2009, Absatz-Nr. (1 – 421)

[24] Güter, eine Bezeichnung für etwas als subjektiv „gut“ Beurteiltes? Es geht aber um Dienstleistungen, Gegenstände und sonstige Leistungen, deren Charakteristisches hier als „Ware“ zu verstehen ist. Zu den sonstigen Leistungen gehört die Verschaffung einer bestimmten zeitweiligen Verfügungsmacht über ein anderen sein Eigentum (z.B. Boden).

[25] Güterarten und deren Mengen sind nicht aggregierbar und deshalb sind deren Zu- und Abflüsse im „Tableau“ auch nicht dargestellt. Dargestellt ist der vollständige Tausch (mit einer Menge dafür notwendigem als Zirkulationsmittel funktionierenden Geld von 37,5 für 40 Verkäufe/Käufe von Ware mit einer Preissumme von 1.500) des in Geld ausgedrückten Wertes der Ergebnisse der Tätigkeiten der produktiven und sterilen Klasse und der Zurverfügungstellung des Bodens durch die dritte Klasse.

[25] Peter Blickensdörfer (2019): ESVG 2010 Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen Ein System berechenbaren Missverstehens von Europa, Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV) Baden-Baden

[26] Der Weg zum Europäischen Binnenmarkt: Karl-Werner Hansmann, SzU, Band 43, Wiesbaden 1990

[27] Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union Titel VIII – Die Wirtschafts- und Währungspolitik (Art. 119 – 144) Art. 119 (ex-Artikel 4 EGV)

[28] Karl Marx zum Verstehen der Bedeutung: „Die einfache Reproduktion auf gleichbleibender Stufenleiter erscheint insoweit als eine Abstraktion, als einerseits auf kapitalistischer Basis Abwesenheit aller Akkumulation oder Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter eine befremdliche Annahme ist, andererseits die Verhältnisse, worin produziert wird, nicht absolut gleichbleiben (und dies ist vorausgesetzt) in verschiedenen Jahren . . .  soweit Akkumulation stattfindet, bildet die einfache Reproduktion stets einen Teil derselben, kann also für sich betrachtet werden, und ist ein realer Faktor der Akkumulation.“ „Das Kapital“, Bd II S. 398, DIETZ VERLAG BERLIN 1958

[29] „Die Geldpolitik der Bundesbank“ Sonderveröffentlichung Selbstverlag der Deutschen Bundesbank ISBN 3-927951-77-3 abgeschlossen im Oktober 1995

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Zu „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum

Die immer zahlreicher werdenden Forderungen nach einem „Wirtschaftswachstum“, das „nachhaltig“, natürliche Ressourcen und Umwelt schonend sein müsse, mit dem Not, Armut und Mißstände beseitigt werden, diese Forderungen sind leicht verständlich und gewinnen immer mehr Akzeptanz. Akzeptanz deshalb, weil der Zustand des „Wirtschaftens“ offensichtlich immer mehr in Verbindung mit den Auswirkungen erscheinen, die diese Forderungen begründen.

Deshalb könnte beim flüchtigen Lesen des Beitrages „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum der Eindruck entstehen, mit ihm wird letztlich nichts anderes ausgesagt, eben nur mit anderen Worten. In diesem Beitrag geht es aber nicht um Bedingungen, Auflagen oder Voraussetzungen für ein „Wirtschaftswachstum“ mit großer Akzeptanz. Ebenso wenig um eine Auseinandersetzung zu „Wachstum“ oder „Nicht-Wachstum“ der „Wirtschaft“.

Reproduktionswachstum ist  Bezeichnung für das charakteristische Merkmal der Tätigkeiten der Menschheit, mit denen sie  die Mittel und Bedingungen der Lebensreproduktion reproduzieren und, zur Aufhebung des gegenwärtigen Zustandes des „Wirtschaftens“, immer mehr reproduzieren müssen. Es ist für die Sicherung der Lebensreproduktion ein notwendiges Verändern des Zustandes des „Wirtschaftens“ vom „Wirtschaftswachstum“ zum Reproduktionswachstum, in dem wiederum das „Produzieren“ und Reproduzieren eines Mehrprodukts zur Bewältigung von Auswirkungen gewaltiger Naturänderungen immer mehr Bedeutung erhalten muss.

Auch diese Erkenntnis von der Notwendigkeit eines Reproduktionswachstums ist nicht neu.  Das Gebundensein der Lebensreproduktion an einen bestimmten Teil der Erde hat schon immer Menschen diese Notwendigkeit nicht nur erkennen lassen, sondern sie haben auch danach gehandelt und auch heute handeln Menschen danach.

Mit jeder Überwindung dieses Gebundenseins war und ist aber immer ihre Hoffnung, ihr Glaube verbunden, damit „frei“ zu sein, „frei“ zu werden, also auch vom Reproduktionswachstum  entbunden zu sein.

Der immer größer werdende Gegensatz zwischen diesem Zustand des „Wirtschaftens“ und  dem der Erde zwingt jetzt die Menschheit zur Entscheidung, entweder mit dieser Hoffnung, mit diesem  Glaube historisch unterzugehen oder ihren, mit dieser Hoffnung, mit diesem Glaube manifestierten Erkenntnis-Widerspruch zu überwinden. Letzteres ist Voraussetzung für ein Verändern dieses Zustandes, für ein Revoltieren der „kapitalistischen Produktionsweise“, das diesen Zustand aufhebt.

Mit dem Beitrag „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum wird also auch nicht „Wirtschaftswachstum“ neu definiert. Reproduktionswachstum umfasst mehr als was unter „Wirtschaft“ und ihr „Wachstum“ verstanden wird (s.a. Der Erkenntnis-Widerspruch, Kapitel Reproduktion & Evolution)

Eine Definition:
Mit der Bezeichnung Reproduktionswachstum kommt das Verständnis von der Veränderung der Reproduktion zum Ausdruck. Reproduktionswachstum ist Bezeichnung für die resultierende Wirkung des Veränderns der Lebensreproduktion der Menschen auf die Reproduktion ihres Zusammenlebens, auf die Reproduktion ihrer „Gesellschaft“.

Es ist die resultierende Wirkung der Tätigkeit der Menschen, mit der sie ihre Lebensreproduktion, und damit die Reproduktion der Mittel und Bedingungen dafür, verändern. Zu dieser Tätigkeit gehört die, welche als „Politik“ verstanden und bezeichnet wird. Es ist die Tätigkeit, mit der die Reproduktion der „Gesellschaft“, also das Reproduzieren des Lebens ihrer Mitglieder gesichert wird (werden kann). „Politik“ ist die Tätigkeit, mit der die resultierende Wirkung des Reproduzierens beherrscht wird (werden kann). Es ist „Politik“ des Reproduktionswachstums.

Das Verändern des Bestehenden zu einem Reproduktionswachstum bedingt also auch eine „Politik“ dafür, ein Verändern der gegenwärtigen „Politik“. Dieses Verändern bedingt das Verständnis vom „Reproduktionsprozess“ der „Gesellschaft“ und damit die Überwindung des Widerspruchs zu den Erkenntnissen der „klassischen Ökonomie“ . Es sind die Erkenntnisse von den kausalen Zusammenhängen der „einfachen“ und „erweiterten“ Reproduktion der „kapitalistischen Produktionsweise“, also in welchen kausalen Zusammenhängen sie sich ändert.

Daraus und in diesem Verständnis von der Bezeichnung Reproduktionswachstum ist die Frage nach dem Verständnis von „Reproduktionsprozess“ zu beantworten.

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Zu „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum

Die immer zahlreicher werdenden Forderungen nach einem „Wirtschaftswachstum“, das „nachhaltig“, natürliche Ressourcen und Umwelt schonend sein müsse, mit dem Not, Armut und Mißstände beseitigt werden, diese Forderungen sind leicht verständlich und gewinnen immer mehr Akzeptanz. Akzeptanz deshalb, weil der Zustand des „Wirtschaftens“ offensichtlich immer mehr in Verbindung mit den Auswirkungen erscheinen, die diese Forderungen begründen.

Deshalb könnte beim flüchtigen Lesen des Beitrages „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum der Eindruck entstehen, mit ihm wird letztlich nichts anderes ausgesagt, eben nur mit anderen Worten. In diesem Beitrag geht es aber nicht um Bedingungen, Auflagen oder Voraussetzungen für ein „Wirtschaftswachstum“ mit großer Akzeptanz. Ebenso wenig um eine Auseinandersetzung zu „Wachstum“ oder „Nicht-Wachstum“ der „Wirtschaft“.

Reproduktionswachstum ist  Bezeichnung für das charakteristische Merkmal der Tätigkeiten der Menschheit, mit denen sie  die Mittel und Bedingungen der Lebensreproduktion reproduzieren und, zur Aufhebung des gegenwärtigen Zustandes des „Wirtschaftens“, immer mehr reproduzieren müssen. Es ist für die Sicherung der Lebensreproduktion ein notwendiges Verändern des Zustandes des „Wirtschaftens“ vom „Wirtschaftswachstum“ zum Reproduktionswachstum, in dem wiederum das „Produzieren“ und Reproduzieren eines Mehrprodukts zur Bewältigung von Auswirkungen gewaltiger Naturänderungen immer mehr Bedeutung erhalten muss.

Auch diese Erkenntnis von der Notwendigkeit eines Reproduktionswachstums ist nicht neu.  Das Gebundensein der Lebensreproduktion an einen bestimmten Teil der Erde hat schon immer Menschen diese Notwendigkeit nicht nur erkennen lassen, sondern sie haben auch danach gehandelt und auch heute handeln Menschen danach.

 Mit jeder Überwindung dieses Gebundenseins war und ist aber immer ihre Hoffnung, ihr Glaube verbunden, damit „frei“ zu sein, „frei“ zu werden, also auch vom Reproduktionswachstum  entbunden zu sein.

Der immer größer werdende Gegensatz zwischen diesem Zustand des „Wirtschaftens“ und  dem der Erde zwingt jetzt die Menschheit zur Entscheidung, entweder mit dieser Hoffnung, mit diesem  Glaube historisch unterzugehen oder ihren, mit dieser Hoffnung, mit diesem Glaube manifestierten Erkenntnis-Widerspruch zu überwinden. Letzteres ist Voraussetzung für ein Verändern dieses Zustandes, für ein Revoltieren der „kapitalistischen Produktionsweise“, das diesen Zustand aufhebt.

Mit dem Beitrag „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum wird also auch nicht „Wirtschaftswachstum“ neu definiert. Reproduktionswachstum umfasst mehr als was unter „Wirtschaft“ und ihr „Wachstum“ verstanden wird (s.a. Der Erkenntnis-Widerspruch, Kapitel Reproduktion & Evolution)

Eine Definition:
Mit der Bezeichnung Reproduktionswachstum kommt das Verständnis von der Veränderung der Reproduktion zum Ausdruck. Reproduktionswachstum ist Bezeichnung für die resultierende Wirkung des Veränderns der Lebensreproduktion der Menschen auf die Reproduktion ihres Zusammenlebens, auf die Reproduktion ihrer „Gesellschaft“.

Es ist die resultierende Wirkung der Tätigkeit der Menschen, mit der sie ihre Lebensreproduktion, und damit die Reproduktion der Mittel und Bedingungen dafür, verändern. Zu dieser Tätigkeit gehört die, welche als „Politik“ verstanden und bezeichnet wird. Es ist die Tätigkeit, mit der die Reproduktion der „Gesellschaft“, also das Reproduzieren des Lebens ihrer Mitglieder gesichert wird (werden kann). „Politik“ ist die Tätigkeit, mit der die resultierende Wirkung des Reproduzierens beherrscht wird (werden kann). Es ist „Politik“ des Reproduktionswachstums.

Das Verändern des Bestehenden zu einem Reproduktionswachstum bedingt also auch eine „Politik“ dafür, ein Verändern der gegenwärtigen „Politik“. Dieses Verändern bedingt das Verständnis vom „Reproduktionsprozess“ der „Gesellschaft“ und damit die Überwindung des Widerspruchs zu den Erkenntnissen der „klassischen Ökonomie“ . Es sind die Erkenntnisse von den kausalen Zusammenhängen der „einfachen“ und „erweiterten“ Reproduktion der „kapitalistischen Produktionsweise“, also in welchen kausalen Zusammenhängen sie sich ändert.

Daraus und in diesem Verständnis von der Bezeichnung Reproduktionswachstum ist die Frage nach dem Verständnis von „Reproduktionsprozess“ zu beantworten.

zu begreifen:  europäische Integration sei Begriff für diesen Zusammenschlusses. („1. Erwägungsgrund der Präambel des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV)“).

Mit dem Verstehen von „Integration“ als „Eingliederung in ein (großes) Ganzes“, als „Zusammenschluss zu einer Einheit“ konnten wir nicht feststellen, dass mit den EU-Verträgen eine solche „Integration“ europäischer Völker zu einer Einheit, diese als Finalität, vereinbart worden ist. Setzen wir uns deshalb nun mit dem Verstehen  von „europäische wirtschaftliche Integration“, der „Bildung eines Binnenmarkts der EU-Mitgliedsländer“ auseinander.

Die Bildung des „Binnenmarkts“ sei ökonomisch vorteilhaft. Verwirklicht wurde bisher aber nicht der Zusammenschluss der Wirtschaften der EU-Mitgliedsländer, deren Integration in oder als einen „Binnenmarkt“, geschweige denn eine Integration  aller Wirtschaften Europas.

Im EU-Sekundärrecht kommt das Verständnis von einem „Binnenmarkt“, von einem für freien Handel der Wirtschaften der EU-Mitgliedsländer ohne Zölle und Ländergrenzen zum Ausdruck und zur Wirkung. Mit ihm sollen die Wirtschaften der EU-Mitgliedsländer von der Wirtschafts-Konkurrenz der nicht dazugehörigen Länder geschützt werden. Als Ziel dieser EU-Verträge wird also nicht die Bildung eines („Binnen-) Marktes ohne Zölle und Ländergrenzen sowie mit einer Währung für alle Länder Europas verstanden.

In diesem  herrschenden Verständnis von einem „Binnenmarkt“ ist scheinbar der logische Schluss enthalten, seine Bildung, dieser europäische wirtschaftliche Integrationsschritt, sei Teil und Notwendigkeit für eine europäische politische Integration der EU-Mitgliedsstaaten. Eine politische Integration sei deshalb bereits durch diese EU-Verträge und der bereits gesetzten sekundären europäischen Rechte feststellbar.

Doch ein Verstehen, dass diese Integration die Eigenschaft habe politisch zu sein, ist nicht durch diese EU-Verträge begründet. Diese Verträge begründen auch keine Integration der Politik der EU-Mitgliedstaaten.

Dieser scheinbare logische Schluss aus dem herrschenden  Verständnis von einem „Binnenmarkt“, dieser sei Teil und Notwendigkeit einer politischen Integration, resultiert aus der Nichtbeachtung und Nichtberücksichtigung des Zusammenhangs von Verfügungsmacht –  herrschendes Verständnis -Verfassung. Dieser Zusammenhang und seine Folgen werden auch nicht durch demokratische Rechtssetzungen unbeachtlich. Die Nichtbeachtung und Nichtberücksichtigung dieses Zusammenhangs erscheint und wirkt nun als Folge der Setzung sekundären europäischen Rechts, welches scheinbar als legitime Grundlage die demokratisch beschlossenen EU-Verträge der EU-Mitgliedstaaten sind.

Diese Nichtbeachtung und Nichtberücksichtigung ist nicht als ein Fehler dieser sekundären Rechtssetzung, nicht als ein Fehler der Interpretation der EU-Verträge, zu verstehen. Die EU-Verträge legitimieren diese sekundäre Rechtsetzung und auch, dass ausschließlich der EUGH diese nach Maßgaben der EU-Verträge beurteilen soll, wie er also nach diesen Maßgaben das Verstehen dieser Verträge interpretiert: „Verwirklichung des Binnenmarkts!“.

Es ist kein vorher nicht feststellbarer Fehler, dass die Parlamente der EU-Mitgliedsländer die Zustimmung zu den EU-Verträge demokratisch beschlossen haben und zwar ohne Beachtung und ohne Berücksichtigung der ihnen zur Verfügung standenen Kenntnisse von der höchst ungleichen Wirtschaftskraft und von den höchst verschiedenen Verfassungen der EU-Mitgliedstaaten, von den damit auch höchst verschiedenen wirtschaftlichen, steuerlichen, personalen, kommunikativen, sozialen und kulturellen Rechten der EU-Mitgliedstaaten. Denn es standen ihnen zumindest zum Beispiel die Erfahrungen und verfassungsrechtlichen  Kenntnisse[17] über die Erfordernisse und Folgen des Staatsvertrages Bundesrepublik Deutschland (BRD) – Deutsche Demokratische Republik (DDR) zur Bildung eines „Binnenmarktes“ [18] vom 18.05.1990 zur Verfügung.  Freilich, Sachkompetenz für die Zustimmung zu diesem Vertrag hatten nur der Verhandlungsführer der Regierung der BRD und das Parlament der BRD. Die Verwirklichung dieses „Binnenmarktes“ erfolgte mit den Regularien, Normen und Gesetzen der BRD; auch Mangels Kenntnisse des Parlaments der DDR davon.

Das Parlament der DDR stimmte am 21.06.1990 diesem Staatsvertrag zu. Vor allem mit dem Interesse, die „DM“ (Deutsche Mark Währung der BRD) ab 01.07.1990 als Zahlungsmittel der DDR zu erhalten. Die Folge, dass mit diesem Staatsvertrag vom 18.05.1990 die DDR praktisch zum 01.07.1990 der BRD beitrat, wurde in den Hintergrund seines Verstehens gedrängt, auch das Verstehen seiner Folgen. Dafür entsprach das Parlament der DDR dem in diesem Staatsvertrag zum Ausdruck kommenden herrschenden Rechtsverständnis der BRD. Das Parlament der DDR beschloss am 17.06.1990 in diesem Rechtsverständnis, um auf eine DDR-verfassungsrechtliche Zustimmung zu diesem Staatsvertrag verweisen zu können, die Verfassung der DDR mit neuen Verfassungsgrundsätzen zu ergänzen.[19]  Was darin als Ergänzungen zum DDR-Verfassungsrecht erklärt wurde, das war ein Ersetzen der Identität der Verfassung der DDR (Verfassungsidentität). Eine Folge davon wurde auch, dass noch 30 Jahre später die Wiederevereinigung immer noch nicht als zu einer Einheit Deutschalnds gewordene sei.[20]

Also verfassungsrechtlich demokratisch beschlossen wurde die mit diesem Staatsvertrag vom 18.05.1990 vereinbarte Veränderung von Verfügungsmacht und damit die Aufhebung (Vernichtung) des die DDR charakterisierenden Zusammenhangs von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung: also die Auflösung der DDR.

Kommen wir nun aber wieder zu den EU-Verträgen zurück, die, ohne Beachtung der Erfahrungen aus der Verwirklichung des „Binnenmarkts Deutschland“ zum 01.07.1990 und deren Folgen, demokratisch beschlossene Zustimmungen erhielten. Die Nichtbeachtung (des Zusammenhangs von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung) dieser Erfahrung der Verwirklichung eines „Binnenmarkts Deutschland“ 199o wäre allerdings auch dann kein vorher nicht feststellbarer Fehler der Verwirklichung eines europäischen Binnenmarktes, weil einerseits für die Berücksichtigung dieser Erfahrungen den Parlamenten der EU-Mitgliedstaaten die dazu notwendige Sachkompetenz nicht fehlte, sondern diese Sachkompetenz andererseits mit den EU-Verträgen dem EUGH als zuordenbar beschlossen worden war. Doch eine solche Zuordnung dem EUGH kann nur die Kompetenz betreffen, befugt zu sein, ein Urteil zu einer streitigen Sache zu fällen. Denn mit dieser ist nicht gleich die Kompetenz miteingeschlossen, die Fähigkeit zur Beurteilung der Sache zu besitzen. Ein Zuordnen dieser Fähigkeit, dass sich das EUGH mit eigener Sachkompetenz an die Stelle des (Primär-)Gesetzgebers setzen kann, war bereits auch vor Zustimmungsbeschluss der Parlamente zu den EU-Verträgen ein feststellbarer Fehler.

Ob ein ideologisch begründetes Zuordnen einer Fähigkeit, über ein Vereinbartes oder auch über ein demokratisch beschlossenes Verstehen urteilen zu können, was die Vereinbarenden oder Beschließenden verstanden haben, als einen Fehler zu verstehen und zu bezeichnen ist, nehmen wir nicht mit in unsere weiteren Untersuchungen über das Verstehen des Zusammenhangs Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung, welches mit den EU-Verträgen und den Folgen ihrer Verwirklichung festgestellt werden kann.

Der „Binnenmarkt“ ist kein Markt außerhalb der EU-Mitgliedsländer. Er soll mit sekundären Rechtssetzungen verwirklicht werden und wird damit verwirklicht. Mit diesen sekundären Rechtssetzungen soll und wird die Verschiedenheit der („Binnen“-)Märkte der EU-Mitgliedsländer, die Verschiedenheit deren rechtlichen und handelsüblichen Regularien, Normen und Gesetzen dazu mit ihren verschiedenen Zusammenhängen zu allen Rechts- und Sachmaterien ihrer Staaten, aufgehoben werden; die Märkte der EU-Mitgliedsländer sollen sich als europäischer „Binnenmarkt“ des freien Kapitalverkehrs und freien Handels verwirklicht werden.

Die Aufhebung dieser Verschiedenheit der („Binnen“-)Märkte der EU-Mitgliedsländer erfolgt schleichend durch vielerlei Setzungen europäischen Sekundärrechts. Es erfolgt damit zwar keine Deregulierungen deren Märkte, aber schleichende Veränderungen von Verfügungsmacht, von herrschenden Verständnissen der EU-Mitgliedsstaaten, mit denen die Identität deren Verfassungen in Frage gestellt wird und bereits in Frage gestellt worden ist.

Für die demokratisch zu beschließender Zustimmung der EU-Verträge ist diese Frage nicht gestellt worden und seit ihrer Inkraftsetzung als europäisches Primärrecht bisher auch nur mit dem Hinweis (vom Deutschen BVerfG) beantwortet worden: „Eine Änderung des Grundgesetzes, durch welche die in Art. 1 und Art. 20 GG niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig (Art. 79 Abs. 3 GG). Mit der sogenannten Ewigkeitsgarantie wird die Verfügung über die Identität der freiheitlichen Verfassungsordnung auch dem verfassungsändernden Gesetzgeber aus der Hand genommen. Die verfassungsgebende Gewalt hat den Vertretern und Organen des Volkes kein Mandat erteilt, die nach Art. 79 Abs. 3 GG grundlegenden Verfassungsprinzipien zu verändern.“[21]

Dass diese EU-Verträge ungeeignet waren und sind für eine Integration von Staaten zu einer Union, zur EU, dass die demokratisch beschlossene Verwirklichung des „Binnenmarkts“ für die EU-Mitgliedsländer dadurch Probleme zur Wahrung deren historisch entwickelten unterschiedlichen Ordnungen des Zusammenhangs von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung führte, ist also keine Folge des europäischen Sekundärrechts, keine Folge von durch das EUGH gefällten Urteilen.

Der Grund für den BREXIT (01.01.2021) war und ist die Verschiedenheit des Verstehens zwischen Großbritannien und den EU-Ländern von Freiheit des Kapitalverkehrs, von Freiheit des Handels. Denn mit dem Aufheben von Verschiedenheit wird nur gleichgemacht, führt dann Wettbewerb, auch  nach gleichen Regeln, nicht zum Vorteil aller Wettbewerber der EU-Mitgliedstaaten. Die gleiche Folge hat Deregulierung.

Aus unseren Auseinandersetzungen zu Europäischer Binnenmarkt ist ableitbar, dass es um das Verstehen von Wirtschaft im Verständnis von Politischer Ökonomie geht und darunter um das Verstehen von Wirtschaft, um Wirtschaft einerseits und Ökonomie andererseits, diese differenzierend zu verstehen. Es geht dabei also nicht um das Verstehen von einer „EU“, nicht um das Verstehen der Verwirklichung eines Binnenmarktes dafür, sondern um das Verstehen einer europäischen Politischen Ökonomie für Europas Reproduktion.  Ob dieses Verstehen als das von einer Wirtschaftsunion bezeichnet werden kann, das sei zunächst dahingestellt.

Was wir bisher zum herrschenden Verständnis von demokratischen, politischen und wirtschaftlichen europäischen Integrationen festhalten konnten, hat nicht einmal zum Verstehen europäischer Wirtschaft für Europas Reproduktion beigetragen.

WirtschaftWirtschaftsunion

Viele Wissenschaftler verstanden und verstehen, wie die Autoren des ESVG 2010, Wirtschaft als einen sich wiederholenden Ablauf des Wirtschaftens, weshalb für sie das Wort Wirtschaftskreislauf eine zutreffende Bezeichnung sei. „Die Volkswirtschafteines Landes ist ein System, in dem Institutionen und Menschen Waren, Dienst­leistungen und Zahlungsmittel (z. B. Geld) austau­schen und übertragen, um Waren und Dienstleis­tungen zu produzieren und zu konsumieren.“ (ESVG 2010 2.01) Mit dieser Definition wird das charakteristische Merkmal – Kauf/ Verkauf (Handel) von Ware – zum Ausdruck gebracht und als Wirtschaft bezeichnet. Also nicht das charakteristische Merkmal von als Ökonomie zu Bezeichnenden.

Mit dem Wort Ökonomie würde lediglich das planvolle Wirtschaften innerhalb eines institutionalisierten Personenverbands, meist des Haushalts bezeichnet. Ursprünglich wurde mit „Ökonomie“ vornehmlich die Agrarwirtschaft und der Landwirt als „Ökonom“  verstanden. Es sei das Verstandene eines Zusammenhangs, von einer Abhängigkeit der Agrarwirtschaft vom Boden.

Dieser verstandene Zusammenhang ist tausende Jahre alte Erkenntnis davon, dass die Gesamtheit aller Tätigkeiten zum Erlangen und Sichern der Mittel und Bedingungen der Lebensreproduktion von dem Boden abhängen, auf und mit dem sie es können. Wir werden im Weiteren, wenn es um diesen Zusammenhang, um die Abhängigkeit aller dieser Tätigkeiten vom Boden, geht, dafür das Wort Ökonomie verwenden.

Scheinbar berücksichtigt das herrschende Verständnis diese Erkenntnis: Wirtschaft (in oben genannter Definitio) ist die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, welche einer planvollen Befriedigung der Bedürfnisse diene. Mit diesem Verständnis werde François Quesnay Erkenntnis nicht nur gefolgt, der in seinem „Tableau Économique“ (1758) und differenzierter in „Formule Arithmétique du Tableau Économique“ (1766) den bedingten Zusammenhang von Produktion, Verteilung und Verbrauch dargestellt, was er deshalb als Wirtschaftskreislauf verstanden habe. Dieses Verstehen sei weiterentwickelt worden. So das herrschende Verständnis.

Untersuchen wir also, wofür Wirtschaft, wofür dieses weiterentwickelte Verstehen Quesnays, zur Beantwortung der gestellten Frage, wozu dieses Verstehen für das Verstehen von Reproduktion, von Europa und seiner Krisen dient und dienen kann. Dazu müssen wir uns mit dem Verstehen des „Tableau Économique“ von Quesnay auseinandersetzen.

In Quesnays „Tableau Économique“ ist der für eine (Vegetations-) Periode feststellbare Zusammenhang der Tätigkeiten des Produzierens, Verkaufens, Kaufens und des Verbrauchens von Mitteln des Lebens dargestellt. Also jeweils für ein Kalenderjahr, allerdings ohne Berücksichtigung der natürlichen Abhängigkeit dieser Tätigkeiten vom Boden, von den Bedingungen seiner Erhaltung und Veränderung und dessen natürlichen Änderung. Und ohne Berücksichtigung der Mittel und Bedingungen für diese Tätigkeiten. Mit dem „Tableau“ kommt das Verstehen eines bedingten Zusammenhanges dieser Tätigkeiten zum Ausdruck und dass dieser Zusammenhang ihre periodische Wiederholung bedingt.

Im „Tableau“ sind drei Klassen aufgeführt, die mit bestimmten Gütern[1] ausgestattet seien (avances annuelles [jährlicher Vorschuss Anlagecapital]) und mit ihren Tätigkeiten damit den Wirtschaftsprozess einer Periode (ein Kalenderjahr) beginnen. Eine davon sei die Produktive Klasse (Urerzeugung: Bauern und Bergarbeiter) und die andere die Sterile Klasse (Manufakturisten und Gewerbetreibende). Die dritte Klasse sei die der Bodenbesitzer (propriétaire), welcheihren Boden den beiden anderen Klassen für ihre Tätigkeiten zur Verfügung stelle. Die Ergebnisse deren Tätigkeiten (Kauf, Produktion, Verkauf) mit ihren zu Beginn des Wirtschaftsprozesses ausgestatteten Gütern ersetze mit diesem Wirtschaftsprozess die dadurch verbrauchten Güter, also auch das durch dessen Gebrauch zu Ersetzende der Bodenbesitzer. Im „Tableau“ wird dieses Ersetzen als Güterzu- und -abflüsse zu einem bestimmten in Geld ausgedrückten Wert[2] dargestellt.

Was hier als ausgestattete Güter bezeichnet ist, sind Ergebnisse der Tätigkeiten (Kauf, Produktion, Verkauf) des Vorjahres und nicht Ergebnisse deren Verteilung. Diese Ergebnisse sind Bedingung für die der Produktion von Gütern des jeweils folgenden Jahres. Ohne aus und mit den Mitteln des Bodens produzierten Rohstoffe (Energie, Wasser, Erze, Mineralien, Pflanzen, Saatgut, Tiere) keine Produktion von Lebensmitteln und Lebensbedingungen. Sie werden für die Produktion von Gütern teils gebraucht, teils verbraucht. Sie sind Produktionsmittel. Die Produktion damit ist wiederum Voraussetzung für Verkauf und Kauf produzierter Güter zwecks ihrer Konsumtion, ob als Lebensmittel oder als Produktionsmittel zur Produktion neuer oder andere Güter. Im „Tableau“ werden scheinbar deren in Geld ausgerückten Werte reproduziert.

Quesnays „Tableau“ stellt somit das mit Wirtschaft bezeichnete Charakteristische dar. Erstens die Abhängigkeit aller als Wirtschaft bezeichneten Tätigkeiten von dem Boden, auf dem und mit dem diese Tätigkeiten erfolgen und dass diese für die Bevölkerung wiederholt erfolgen müssen, deren Leben mit diesem Boden verbunden ist. Zweitens, dass Mittel und Bedingung dieses Bodens Voraussetzung allen Reichtums der darüber Verfügenden sind. Aber drittens wird mit diesem „Tableau“ nur ein Zusammenhang gleichwichtiger Tätigkeiten mit diesen Mitteln und Bedingungen als gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht mit identischem Anfangs- und Endzustand dargestellt. Und wie ein Kreis ohne Anfang und Ende ist, so erscheint mit dieser Darstellung Wirtschaft als ein unendlicher sich gleich wiederholender Prozess, der deshalb als Wirtschaftskreislauf bezeichnet werden könne.

Noch eine Bemerkung zu REVENUE im „Tableau“, welche als „Grundrente“ verstanden wird. Die Zahlung einer „Grundrente“ an die Klasse der Bodenbesitzer als Zufluss, sei gemäß diesem „Tableau“ erforderlich, um ein Gleichgewicht aller in einer Periode erfolgten Zu- und Abflüsse darstellen zu können und damit auch mit den Zu- und Abflüssen des Geldes der Klasse der Bodenbesitzer, mit dem diese sich am Wirtschaftsprozess einer Periode beteiligen. Weil also im „Tableau“ die Zu- und Abflüsse der Klasse der Bodenbesitzer nicht (wie bei den anderen Klassen) mit in Geld ausgedrückten Werten von Güterzu– und –abflüssen dargestellt werden könne, ist dafür ein jeweils in Geld ausgedrückter Wert dargestellt, der als Zufluss (Zahlung) einer „Grundrente“ zu verstehen sei.

Wenn aber sich mit dieser Darstellung Quesnays nicht nur ein Verstehen von Wirtschaft offenbart, sondern diese auch ein Schlussfolgern ermögliche, wie dieser Prozess aufrechterhalten und als gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht berechnet werden kann, so sollte doch damit auch die (theoretische) Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheidungen zur Vermeidung und Überwindung von Krisen, zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts gegeben sein.

Doch weil solche getroffenen Entscheidungen auf einer solchen Grundlage nicht feststellbar sind, erhebt sich die Frage:  Worin unterscheidet sich das herrschende Verständnis von Wirtschaft, das zum Beispiel auch das Verstehen der Autoren des ESVG 2010 beherrschte[3], von dem Verständnis Quesnays? Welches Weiterentwickeltes kommt im herrschenden Verständnis von Wirtschaft zum Ausdruck, das die Agrarwirtschaft nicht als Teil Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung versteht, das die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts nicht als gesamtökonomisches Gleichgewicht, diese nicht als Aufgabe (Politische Ökonomie) der demokratisch gewählten Abgeordneten und deren Beauftragten (Staat) versteht, aber dazu als zu Unterscheidendes erklärt, dass diese Aufgabe entweder als Dirigismus oder als Interventionismus zu beurteilen sei?

Für die Beurteilung dieser Aufgabe ist die Erkenntnis zugrunde zu legen, und nicht nur der Quesnays, dass die Sicherung der Mittel und Bedingungen des Lebens/ Zusammenlebens von Verfügungsmacht über die Mittel und Bedingungen dessen Bodens abhängt, Leben/Zusammenleben abhängt von dessen Boden.

Diese Erkenntnis kam und kommt zwar, wenn auch verbrämt, auch in dem herrschenden Verständnis von agrarpolitischer Marktordnung zum Ausdruck, damit mit dieser Einzelinteressen und das Interesse der Gesellschaft miteinander harmonieren, der Agrarmarkt kein „Sorgenkind“ der Gemeinschaft bleibt.[4]

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU beruhe auch deshalb auf dem Grundgedanken, dass ein freier Binnenmarkt mit Agrarprodukten ohne dirigistische Eingriffe mit Rücksicht auf die Einkommenssituation der Landwirte nicht realisierbar sei,[13]  weil der Binnenmarkt  mit seinen Agrarprodukten wie kein anderer Markt das menschliche Grundbedürfnis an Nahrung decken müsse.

Dafür bedürfe es – soweit auch herrschendes Verständnis – der Anwendung wirtschaftspolitischer Instrumente, mit denen der Staat die Möglichkeit habe, das Marktgeschehen nach seinen Staatszielen auszurichten, in den Wirtschaftsablauf einzugreifen.  Das heißt zum Beispiel, dass der Staat einen Garantiepreis festlegt, zu dem die Landwirtschaftsbetriebe ihre Produkte sicher verkaufen können. Produkte, die sie zu diesem Preis nicht absetzen können, werden von staatlichen Stellen aufgekauft. Oder bestimmt die Produkte-Erzeugungsmengen, um unterschiedliche Erzeugungsbedingungen naturbedingter Standorte und unterschiedlicher urbanisierte Regionen auszugleichen.

Dabei seien aber die als Dirigismus (planwirtschaftlich organisierte Wirtschaftsordnung) einerseits und Interventionismus (marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsordnung) andererseits bezeichneten Methoden der Anwendung zu unterscheiden. Denn im Gegensatz zum Dirigismus greife der Staat beim Interventionismus nur punktuell in den Wirtschaftsablauf durch Ordnungs-Finanz-Konjunktur- oder Strukturpolitik ein.

EUGH hat zu diesem Verstehen von zu Unterscheidendem lediglich mit einer Definition zu Ordnung eines Marktes beigetragen. Diese Ordnung bestünde „aus einer Gesamtheit von Einrichtungen und Vorschriften, mit deren Hilfe die zuständigen Behörden versuchen, den Markt zu kontrollieren und zu lenken.“ (EuGH Rs. 90/63 und 91/63)

Diese Gesamtheit sei mit den entsprechenden Bestimmungen des AEUV europäisches Marktordnungsrecht, auf dessen Grundlage als europäische gemeinsame Agrarpolitik eine gemeinsame Organisation der Agrarmärkte geschaffen werde (AEUV Artikel 39, 40 bis 44), mit der die Möglichkeit gegeben ist, punktuell in entsprechende Wirtschaftsabläufe eingreifen zu können. Im Sinne dieses Rechts seien die Erzeugnisse, die den gemeinsamen Marktorganisationen unterliegen, Marktordnungswaren (in der Landwirtschaft direkt produzierten Erzeugnisse (zum Beispiel Getreide) sowie die hiermit im Zusammenhang stehende erste Verarbeitungsstufe (zum Beispiel Mehl).

Die besondere Bedeutung der Agrarpolitik findet auch im Haushalt der EU ihren Niederschlag. So sind als Ausgaben für die Agrarpolitik (für das punktuelle Eingreifen in den Wirtschaftsablauf) im Jahr 2021 insgesamt 31 % des Haushaltsplans der EU geplant.

Zum herrschenden Verständnis von als Wirtschaft, Wirtschaftskreislauf bezeichneten Waren-Handel von als Wirtschaftspolitik bezeichnete Marktorganisation nebst Interventionismus für den freien Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital (freien Waren-Handel) gehört deshalb auch das von dem den Waren-Handel Bedingenden: Geld/ Währung, Währungsunion.

Feststellbar ist, dass mit diesem herrschenden Verständnis von Wirtschaft, Wirtschaftskreislauf keine wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen wurden und werden, mit denen Wirtschaftskreislauf, ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht wiederhergestellt, aufrechterhalten, Krisen überwunden wurden, vermieden werden konnten. Auch nicht nachgewiesen ist, dass mit Wirtschaftspolitik auf der Grundlage moderner makroökonomischer Kreislaufanalysen Krisen weder vermieden noch überwunden worden sind. Dazu half und hilft auch nicht die Überfrachtung dieser Analysen mit einem Multiplikator Prozess, um ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht oder -Ungleichgewicht sich vorstellen zu können, was ja aber nicht hieß, dieses Vorgestellte auch verstehen zu können.

Denn dieses herrschende Verständnis kommt in Veröffentlichungen zu Wirtschaftspolitik in einem beliebigen und nicht konsistenten Verstehen zum Ausdruck. Die Tätigkeit der Europäischen Union und der der Mitgliedstaaten umfasse die Einführung einer Wirtschaftspolitik, welche die Einhaltung folgender richtungsweisender Grundsätze voraussetze: stabile Preise, gesunde öffentliche Finanzen und monetäre Rahmenbedingungen sowie eine dauerhaft finanzierbare Zahlungsbilanz.[5] Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum, diese Kriterien und ihr Zusammenhang wären Voraussetzung  für die Einführung und Durchführung einer europäischen Wirtschaftspolitik. Sie werden als „Magisches Viereck der Wirtschaftspolitik“, dargestellt und so genannt – bezeichneter Weise! Denn es gibt eine Menge Meister der Magie, die immer wieder die Illusion verbreiten, dass mit einer europäischen Wirtschaftspolitik nach den genannten richtungsweisenden Grundsätzen diese realisiert werden (könnte). Es sei doch herrschendes Verständnis und damit auch das von der Beherrschung dieser Magie mit Geld.

9. Europäische Geldpolitik, Euro-Währungspolitik

Zur Überwindung des bestehenden (insbesondere ab 2009) als Krise bezeichneten Zustands der EU, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung bedeuteten die Gefahr der Illiquidität (Zahlungsunfähigkeit) und damit die des Verlusts der Währung Euro, entschied die Europäischen Zentralbank zur Abwehr dieser Gefahr des Verlusts der Währung Euro mit Beschlüssen vom 19. November 2014 (EZB/2014/45) und vom 5. November 2015 (Beschluss [EU] 2015/2101) über ein Programm zum Ankauf von Wertpapieren des öffentlichen Sektors (Public Sector Asset Purchase Programme). Das PSPP sollte eine weitere Lockerung der monetären und finanziellen Bedingungen – einschließlich der Finanzierungsbedingungen für die Wirtschaft und Privathaushalte – bewirken, dadurch Konsum und Investitionen fördern und die Inflationsrate in der Eurozone auf knapp unter 2 % anheben.

Diese Ankäufe sollten bis Ende September 2016 und in jedem Fall so lange erfolgen, bis der EZB-Rat eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung erkennt, die im Einklang steht mit dem Ziel, mittelfristig Inflationsraten von unter, aber nahe 2 % zu erreichen. Dass das PSP-Programm (PSPP) die Förderung von Konsum und Investitionen bewirken, Wirtschaft unterstützen werde, dieses Verständnis ist Folge missverstandenen Zusammenhangs von Währung/ Geld und Wirtschaft. Am 12. September 2019 beschloss der EZB-Rat die Wiederaufnahme der Anleihekäufe (weiterer Ankauf gedeckter Schuldverschreibungen) ab dem 1. November 2019. Der EZB-Rat konnte weder die erhoffte Wirkung des PSP-Programms noch eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung dadurch erkennen.

Die Deutsche Bundesbank schlussfolgerte in ihrem Geschäftsbericht 2020: Angesichts der gestiegenen Verschuldung im privaten und öffentlichen Sektor . . . müsse das Finanzsystem ausreichend robust aufgestellt sein. Entsprechende Fehlanreize und systemische Risiken seien zu begrenzen und bestätigten ihr Verständnis von der Notwendigkeit von Finanzmarktreformen, wozu ja im vergangenen Jahrzehnt die „G20-Staaten“ Beschlüsse gefasst haben. Die Union habe auch bereits dazu die Richtlinie 2014/65/EU vom 15.05.2014 (Finanzmarktrichtlinie 2014) für geregelte, ungeregelt Märkte, für Handelsplätze von Wertpapierfirmen erlassen.

Mit dieser Finanzmarktreformen („Too big to fail“- Reformen) sollte erreicht werden, die Realwirtschaft sowie die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler vor Risiken aus der Schieflage systemrelevanter Banken besser zu schützen. Systemrelevante Banken müssten nun höhere Anforderungen an das Eigenkapital erfüllen; außerdem werden sie intensiver beaufsichtigt. So soll die Widerstandsfähigkeit dieser Banken gestärkt und die Wahrscheinlichkeit einer Schieflage reduziert werden.

Hier können wir uns dazu noch einmal an das BVerfG-Urteil vom 5.Mai 2020 erinnern. Das BVerfG weist darin auf eine mit dem PSP-Programm (PSPP) erfolgte Ausweitung der Geldmenge und damit auf eine geldpolitische Lockerung (vgl. EZB, Pressemitteilung vom 22. Januar 2015) um günstige Liquiditätsbedingungen und um eine umfangreiche geldpolitische Akkommodierung [die Erhöhung der Staatsausgaben bei gleichzeitiger Erhöhung der Geldmenge] aufrechtzuerhalten.

Das BVerfG anerkennt dabei einen Zusammenhang zu ökonomischen feststellbaren Auswirkungen des PSPP. Das PSPP habe erhebliche wirtschaftspolitische Auswirkungen, auf den Bankensektor, auf die fiskalpolitischen Rahmenbedingungen in den Mitgliedstaaten, auf das Risiko von Immobilien- und Aktienblasen sowie [auf] ökonomische und soziale Auswirkungen für nahezu alle Bürgerinnen und Bürger, die etwa als Aktionäre, Mieter, Eigentümer von Immobilien, Sparer und Versicherungsnehmer, [die] jedenfalls mittelbar betroffen sind undsieberührten darüber hinaus die in Art. 126 AEUV und im SKS-Vertrag sowie dem zur Konkretisierung dieser Normen erlassenen Sekundärrecht geregelten Politikbereiche.

Dieser Verweis des BVerfG auf diese Auswirkungen entsprach der seit 2008 feststellbaren fortwährenden Krise im Euro-Raum, die wiederum allerdings nicht der Begründung des ESZB entsprach, mit ihrer Währungspolitik zu einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht des Euro-Raumes beigetragen zu haben. Doch Der Beitrag des ESZB in dieser Zeit entsprach zwar nicht den feststellbaren Staatsverschuldungen von Euro-Ländern, aber es war einer zur Erfüllung der Aufgabe des ESZB: die Sicherung der Währung Euro.

Es geht also auch in der Auseinandersetzung mit dem EUGH-Urteil vom 11.12.2018 um das Verstehen der Auswirkungen von Entscheidungen zu Veränderungen der Geldmenge, die in diesem EUGH-Urteil als Entscheidungen einer unabhängigen Währungs– und/ oder Geldpolitik des ESZB verstanden und bezeichnet werden. Mit den EU-Verträgen ist die Europäische Zentralbank (EZB) beauftragt, die Währung Euro stabil als Zahlungsmittel zu bewahren (Art. 128, Art. 133 AEUV) und dafür auch befugt, die Ausgabe von Euro-Banknoten innerhalb der Union zu genehmigen.

Das BVerfG urteilte (05.05.2020) dazu, dass diese ESZB-Entscheidungen aber nur dann als primärrechtlich zu respektieren seien, wenn mit diesen die bestehende Verfassungsidentität gewahrt bleibt. Deshalb geht es nur scheinbar in dieser Auseinandersetzung darum, wer die Kompetenz besitzt, „das letzte Wort“ zum Verstehen des Primärrechts zu haben und nur scheinbar darum, ob die Auswirkungen dieser ESZB-Entscheidungen auf die Verfassungsidentität verhältnismäßig seien.

Geldmenge ist Kategorie und abhängige Größe Politischer Ökonomie, die der Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung (eines als Staatsgebiet bezeichneten Territoriums) bedingt und ihn charakterisiert. Wenn Geldmenge schon zur beurteilen ist, dann also daran, ob dieser Zusammenhang sie bedingt, ob sie diesen Zusammenhang aufrechterhält/ reproduziert. Welche Geldmenge bedingt nun die europäische Wirtschaftsunion und insbesondere die europäische Währungsunion? Welche Geldpolitik bedingt diese Geldmenge?

Die Geldmenge und damit die hoheitlichen Tätigkeiten des ESZB, auch als Geld- und Währungspolitik genannte, zu Ausweitung, geldpolitische Lockerung können deshalb nicht nur bezüglich ihrer genannten Auswirkungen mit beliebig zu verstehenden Kriterien wie Legitimer Zweck, Geeignetheit, Erforderlichkeit, Angemessenheit beurteilt werden. Denn mit diesen Kriterien kann nicht die Geldmenge bestimmt werden, die eine europäische Wirtschafts- und Währungsunion bedingte. Die Auswirkungen von Bestimmungen zu Geldmenge können deshalb auch nicht mit dem Attribut beurteilt werden, dass diese Auswirkungen verhältnismäßig oder nicht verhältnismäßig seien.

Es bleibt bei der zu beantwortende Frage, wie Geldwertstabilität (Stabilität der allgemeinen Anerkenntnis von Geld als allgemeines Tauschwertäquivalent) und wie der Erhalt der (eigenen) Währung mit welcher Geldmenge gesichert werden kann.

Hierzu kommen wir zunächst noch einmal auf das erwähnte Abkommen von Bretton Woods, zu seinem System, zurück.

Mit diesem System sollten Wechselkurse zwischen Währungen stabilisiert werden, damit Zahlungsschwierigkeiten von Staaten nicht zu Kriegen führen. Mittels Währungswechselkursen innerhalb vereinbarter Bandbreiten nebst Ziehungsrechten (Währungsfonds IWF) sollten deren Zahlungsbilanzen ausgeglichen werden Aufrechterhaltung der Parität gegenüber dem US-Dollar, auch um Abwertungswettläufe zwischen Nationen zu verhindern. Mit der Währung US-Dollar als Ankerwährung sollte weltweit das Vertrauen an der (Wert-) Stabilität der im Handel verwendeten Währungen und deren Wechselkurswert zum US-Dollar gewährleistet werden. Die US-Notenbank (Zentralbank-System der USA FED) mit mehr als zwei Drittel der damaligen Welt-Goldbestände ermöglichte einen jederzeitige Umtausch von 35 US-Dollar je Feinunze Gold durch die Notenbanken der teilnehmenden Staaten.

Die Anzahl ausgegebener gleicher Einheiten US-Dollar-Banknoten war also mit dieser US-Goldmenge gedeckt. Die Geldmenge US-Dollar war mit dieser ES-Goldmenge bestimmt. Damit kam zwar (wieder) das Verständnis zum Ausdruck, dass Geldwertstabilität, das Vertrauen darauf, von einer ökonomisch bedingten Geldmenge abhängigen Eigenschaft vermittelt werden müsse, was aber hier mit dem Vertrauen auf eine nicht ausweitbaren US-Goldmenge begründet wurde. Dass dieses Vertrauen auf Dauer nicht aufrechterhalten wurde, aber nicht deshalb Kriege mit dem Bretton Woods System nicht verhindert werden konnten, ist eine die Erfindung dieses Bretton Woods Systems rechtfertigende Erzählung.

Das Bretton Woods Abkommen wurde nach 25 Jahren und damit auch das Verständnis von der Banknoten-Deckung für Geldwertstabilität, zur Begrenzung der Geldmenge aufgegeben. Und im Jahre 2010 wurde auch wieder nach einem neuen Welt-Währungssystem gerufen.  Mit dem Bretton Woods System wurde die Frage nach Geldmenge, Geldwertstabilität nicht beantwortet.

Die Beantwortung dieser Frage ist aber Voraussetzung für die Beurteilung von Geld- und Währungspolitik, auch um deren Auswirkungen zu verstehen. In der Auseinandersetzung des BVerfG mit dem EUGH war also nicht die Frage zum Verstehen primärrechtlicher Auswirkungen von Geldmengen-Ausweitungen zu beantworten, sondern zur Geldwertstabilität, zur Begrenzung der Geldmenge.

Mit den EU-Verträgen ist die Europäische Zentralbank (EZB) beauftragt, die Währung Euro stabil als Zahlungsmittel zu bewahren (Art. 128, Art. 133 AEUV) und dafür auch befugt, die Ausgabe von Euro-Banknoten innerhalb der Union zu genehmigen, und zwar mit dem vorrangigen Ziel, die Preisstabilität (Artikel 127 AEUV) zu gewährleisten.

Ob die mit dieser Beauftragung übertragenen Befugnisse der EZB EuroGeldwertstabilität gesichert werden kann, sollte uns die Methodik der Gründung und die der (geldpolitischen) Tätigkeit des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) und der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Sicherung der Geldwertstabilität der Währung Euro erschließen lassen. Wir nehmen zum Vergleich dazu die ausführliche, kritische Analyse zur Entwicklung und zum geldmengenorientierten Verstehen der deutschen Geldpolitik, der Kontrolle monetärer Expansionen bei Erhaltung der Geldwertstabilität, insbesondere der der DM (Deutsche Mark) durch die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank, mit der, rückblickend seit 1957, erfolgreich das Vertrauen auf deren Geldwertstabilität erhalten hatte[1].

Wir können deshalb uns nun mit den in dieser Sonderveröffentlichung (im Weiteren SoV) genannten Probleme und Grenzen der Wirksamkeit des geldmengenorientierten Verstehens von Geldpolitik, von Geldwertstabilität auseinandersetzen, um vor allem die zur Währung Euro (Währungspolitik) als Teil eines europäischen Reproduktionsprozesses verstehen zu können.

Weil mit jeder Einführung einer neuen Währung deren Bargeldumlaufmenge [„Banknoten“ (und Münzen) im Weiteren mit diesem Verständnis von Geldmenge] mit der Ausgabe einer bestimmten begrenzten Menge an Banknoten mit dem Zeichen der neuen Währung beginnt und damit die Basis der Geldmenge für deren Entwicklung gelegt ist, können die in der SoV dokumentierten Erkenntnisse zu Geldmenge und Geldpolitik zur Beurteilung deren Entwicklung ab Einführung der Währung Euro in 12 Ländern Europas („am 1. Januar 1999 als Buchgeld und drei Jahre später am 1. Januar 2002 als Bargeld“) und noch besser ab 2010 in 19 Ländern Europas genutzt werden.Mit dem Übergang zur dritten Stufe des „Vertrages über die Europäische Union“, mit der zur Vervollständigung des Europäischen Binnenmarktes die Gemeinschaft in einem zeitlich festgelegten, dreistufigen Prozess spätestens Anfang 1999 zu einer Wirtschafts- und Währungsunion ausgebaut werden sollte, verlören dann diejenigen Länder, die sich in einem auf ökonomischen Kriterien basierenden Prüfungsverfahren für den Eintritt in die dritte Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion qualifiziert haben, ihre geldpolitische Souveränität. [Diese Länder, also deren Staaten verlieren sie, aber nicht die nationalen Notenbanken der Länder] Sie gehe zu diesem Zeitpunkt von den jeweiligen nationalen Notenbanken auf das dann errichtete Europäische System der Zentralbanken (ESZB) über. Dessen integrale Bestandteile sind eine Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Zentralbanken der Teilnehmerländer.“

Mit der Einführung des Euro als Zahlungsmittel für 12 EU-Mitgliedsländer wurde die Geldmenge ihrer Währungen in Euro rechnerisch für jedes dieser EU-Mitgliedsländer bestimmt. Die Summe dieser Geldmengen wird als Geldmenge der Wirtschaftsunion verstanden, welche aus den Wirtschaften dieser EU-Mitgliedsländer damit nebst Währungsunion gebildet worden sei und die gleichzeitig damit als Währung Euro für den EU-Binnenmarkt und anderer Märkte gelte.

Die mit der Einführung des Euro bestimmte Euro-Geldmenge ist also nicht eine, die ein Zusammenhang von Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis -Verfassung der den Euro einführenden EU-Mitgliedsländer bedingte. Sie erfolgte mit der Bildung eines Europäischen Zentralbankensystems (ESZB), bestehend aus den nationalen Zentralbanken (NZB) der EU-Mitgliedsländer, die den Euro als Währung eingeführt haben und einer Europäischen Zentralbank (EZB) für die EU. Sie entsprach der Summe der der jeweiligen für die EU-Mitgliedsländer errechneten, von deren Zentralbanken emittierten Geldmengen (zuvor in Ecu-Wechselkurse umgerechnete), und zwar des in ihrer jeweiligen Währung ausgedrückten Anteils ihres Bruttoinlandsprodukts und ihrer Bevölkerung an deren Summen aller Mitgliedstaaten.

Die EZB hatte zwischen März 2015 und Ende 2018 rund 2,6 Billionen Euro in Staatsanleihen und andere Wertpapiere gesteckt – den allergrößten Teil über das Programm PSPP (Public Sector Purchase Programme), auf das sich das Urteil bezieht. Zum 1. November 2019 wurden die umstrittenen Käufe neu aufgelegt, zunächst in vergleichsweisem geringem Umfang von 20 Milliarden Euro im Monat.

Die Auseinandersetzung des BVerfG (in dessen Urteil vom 05.05.2020) mit dem EUGH (zu dessen Urteil vom 11.12.2018) offenbart unterschiedliches, gar gegensätzliches Verständnis eines von mit den gleichen Worten „Geld“, „Währung“, „Wirtschaft“ zum Ausdruck gebrachten Zusammenhangs dieser Kenngrößen Politischer Ökonomie..

Scheinbar ist die Genehmigung der Geldmenge einerseits und die Bewahrung der Stabilität der Währung Euro andererseits zwei voneinander zu unterscheidenden Aufgaben der EZB, mit denen sie zwar die Wirtschaft unterstütze, aber zur Erfüllung ihrer Aufgaben von dieser unabhängig sei. Scheinbar deshalb sei die WWU als eine durch eine Währungsunion unterstützte Wirtschaftsunion zu verstehen.

Die Auseinandersetzung des BVerfG (in dessen Urteil vom 05.05.2020) mit dem EUGH (zu dessen Urteil vom 11.12.2018) weist auf die Notwendigkeit hin, den Zusammenhang von Geld, Währung, Wirtschaft nicht als unmittelbar einleuchtend, keines Beweises bedürfend zu verstehen, sondern als einen mit Daten zu den mit „Geld“, Währung“, Wirtschaft“ Begriffenen feststellbaren berechenbaren Zusammenhang. Eine Voraussetzung dafür ist das Verstehen des im ESZB-Bilanzsystems formulierten herrschenden Verständnisses. Hier sei nur, als Beispiel, auf den damit zum Ausdruck gebrachten Zusammenhang (Grenzen) hingewiesen.

Die Auseinandersetzung des BVerfG (mit dessen Urteil vom 05.05.2020) mit dem EUGH (zu dessen Urteil vom 11.12.2018) offenbart also auch unterschiedliches, gar gegensätzliches Verständnis eines von mit den gleichen Worten „Geld“, „Währung“, „Wirtschaft“ zum Ausdruck gebrachten Zusammenhangs dieser Kenngrößen Politischer Ökonomie.

Reproduktion – Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

Feststellbar ist, dass trotz dieses herrschenden Verständnisses von einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht und Wirtschaftskreislauf, keine wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen wurden und werden, mit denen dieses Gleichgewichts, dieser Kreislauf, wieder hergestellt, aufrechterhalten, Krisen überwunden wurden, vermieden werden können. Denn dieses herrschende Verständnis kommt in Veröffentlichungen zu Wirtschaftspolitik in einem beliebigen und nicht konsistenten Verstehen zum Ausdruck. Die Tätigkeit der Europäischen Union und der der Mitgliedstaaten umfasse die Einführung einer Wirtschaftspolitik, welche die Einhaltung folgender richtungsweisender Grundsätze voraussetze: stabile Preise, gesunde öffentliche Finanzen und monetäre Rahmenbedingungen sowie eine dauerhaft finanzierbare Zahlungsbilanz.[25] Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum, diese Kriterien und ihr Zusammenhang wären Voraussetzung  für die Einführung und Durchführung einer europäischen Wirtschaftspolitik. Sie werden als „Magisches Viereck der Wirtschaftspolitik“, dargestellt und so genannt – bezeichneter Weise! Denn es gibt eine Menge Meister der Magie, die immer wieder die Illusion verbreiten, dass mit einer europäischen Wirtschaftspolitik nach den genannten richtungsweisenden Grundsätzen diese realisiert werden (können). Es sei doch herrschendes Verständnis.

Das damit zum Ausdruck kommende herrschende Verständnis von Wirtschaftspolitik lässt die Frage unbeantwortet, ob und was mit und in diesem Verständnis Weiterentwickeltes von Quesnays Verständnis seines Tableau Èconomique berücksichtigt ist. Es seien mindestens drei wichtige Elemente der modernen makroökonomischen Kreislaufanalyse, die sich direkt oder indirekt auf das Tableau Économique zurückführen lassen und es weiterentwickelt haben. So sei das Konzept des Einkommensmultiplikators, das erstmals im Zig-Zag-Schema von 1758 enthalten war, anfangs der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts durch Richard Kahn (1931) und John Maynard Keynes (1936) in die makroökonomische Analyse eingeführt worden, wo es seither einen festen Platz einnimmt. Zwischen Quesnay und Keynes bestünde grundsätzlich eine enge Verbindung, da beide das wirtschaftliche Aktivitätsniveau durch die effektive Nachfrage bestimmt sehen.

Was im „Tableau“ zur Darstellung eines Gleichgewichts aller Zu- und Abflüsse von in Geld ausgedrückten Werten der dafür ausgewählten Klassen notwendig war, wurde später zum herrschenden Verständnis von einem (anzustrebenden) gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht zirkulierender in Geld ausgedrückter Werte – zirkulierendem Geldes. Das sei mit dem „Tableau“ nachgewiesen und deshalb sei diese Darstellung als Wirtschaftskreislauf zu verstehen.

Nicht nachgewiesen ist aber, dass mit Wirtschaftspolitik auf der Grundlage moderner makroökonomischer Kreislaufanalysen weder Krisen vermieden noch damit Krisen überwunden worden sind. Dazu half und hilft auch nicht die Überfrachtung dieser Analysen mit einem Multiplikatorprozess, um ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht oder -Ungleichgewicht sich vorstellen zu können, was ja nicht heißt, dieses Vorgestellte auch verstehen zu können. Deshalb ist auch herrschendes Verständnis, dass in beiden Versionen des Tableau Économique von Quesnay [nur] die Vorstellung eines makroökonomischen Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewichts zum Ausdruck komme.

Doch weil diese Vorstellung von einem solchen Gleichgewicht weder eine weiterentwickelte ist noch verstanden wird und auch nicht als charakteristisches von Wirtschaft feststellbar ist, wird auf Weiterentwicklungen des „Tableaus“ verschiedener Ökonomen wie Léon Walras (1874), Karl Marx (1885), Wassily Leontief (194) oder Piero Sraffa (1960) sowie auf die mit dieser Vorstellung gebildete Grundlage der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verwiesen

Eine Weiterentwicklung wird Karl Marx mit dem Hinweis auf sein Werk „Das Kapital“ zugesprochen. Doch Karl Marx behandelt im „Das Kapital“ weder Vorstellungen noch war Gegenstand seiner Untersuchungen ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht. Im „Das Kapital“ setzt er sich mit dem Verstehen der kapitalistischen Reproduktion auseinander und verwendet dabei z. B. das Wort Kreislaufprozess für den Prozess der „Metamorphosen“ von Ware und Geld. Mit der „Tabelle des Reproduktionsprozesses“ („Das Kapital“ Bd. II) stellt er dar, wie mit dem Verstehen der kapitalistischen Reproduktion das Tableau Économique von Quesnay gebildet sein könnte, und zwar wie Quesnay „ohne Geldzirkulation“ und zwar, wie Quesnay, nur „bei gleichbleibender Stufenleiter der Reproduktion“[26].  Dazu also später noch.

Auch Wassily Leontief behandelte nicht Vorstellungen und ein makroökonomisches Einnahmen-Ausgaben-Gleichgewicht war nicht Gegenstand seiner Untersuchungen. Die Idee Quesnays war für ihm ein Versuch wert, auf der Grundlage verfügbarer statistischer Materialien ein Tableau Économique der Vereinigten Staaten zu erstellen. Also auch dazu später noch. Übrigens: Leontief untersuchte im Auftrag der Vereinten Nationen mit Anwendung seines entwickelten Verfahrens mögliche Entwicklungsstrategien der Weltwirtschaft. Für seine wissenschaftliche Leistung erhielt er den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

„Die Wirtschaftswissenschaft“ nach Leontief hat keine Entwicklungsstrategie der Wirtschaft Europas zustande gebracht. Auch kein Tableau Économique Europas. Obwohl zur Verfügung stehende wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur ein solches Tableau und nicht nur das für Europa ermöglichen würden.

Daten klassifizierter Kenngrößen zur Darstellung und Berechnung von den Zusammenhängen, mit denen ein europäischer Reproduktion erkannt und verstanden werden kann. 

Wir müssen zum Verstehen der europäischen Reproduktion, der “gesellschaftlichen Reproduktion auf kapitalistischer Grundlage“, uns mit dem Teil ihres Prozesses auseinandersetzen, dessen Merkmal ihn als kapitalistische Ökonomie charakterisieren. Es ist eine Auseinandersetzung mit Kenngrößen kapitalistischer Ökonomie, mit denen deren Zusammenhänge dargestellt und mit ihren erfassten Daten die Resultierenden der Zusammenhänge berechnet werden können.

Hiermit beenden wir die Veröffentlichung unserer Gedanken zu Europas Reproduktion in dieser Website. Diese Gedanken sind Grundlage für unsere weiteren Auseinandersetzungen um das Verstehen Europas Reproduktion. Die erhebliche Komplexität der dazu weiteren Auseinandersetzung als wissenschaftliche Arbeit erfordert vielerlei Beiträge wissenschaftlicher Erkenntnisse von Politischer Ökonomie und ihrer Zusammenhänge. Willkommen sind alle, die mit ihrer Registrierung hier sich mit Beiträgen an dieser Arbeit beteiligen wollen. Sie werden Mitautoren der als Buch veröffentlichten Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Arbeit.

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[1] Peter Blickensdörfer (2019): ESVG 201 Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen Ein System berechenbaren Missverstehens von Europa, Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV) Baden-Baden

[2] S.a. http://www.erkenntniswiderspruch.de/Diskussionen/Diskussion zu Erkenntnis-Kritik „Im Kontext Politische Ökonomie“ – „Politische Ökonomie“ ist Bezeichnung für einen Zusammenhang von „Politik“ und „Ökonomie“, der unabhängig davon besteht, ob er verstanden wird oder nicht, wie das von ihm Begriffene zum Ausdruck gebracht wird. Mit diesem Worte-Paar kommt ein begriffenes charakteristisches Merkmal eines Zusammenhangs von den als Politik und als Ökonomie bezeichneten charakteristischen Merkmalen zum Ausdruck.

[3] Friedrich Engels Vorwort „Das Kapital“ Buch II DIETZ VERLAG BERLIN 1958

[4] Frank Deppe Fin de Siegle Am Übergang zum 21. Jahrhundert PapyRossa-Verlag, 1997

[5] Vom 7. bis 10. Mai 1948 tagte der Europakongress als Manifestation der europäischen Einigungsbewegung in Den Haag. Etwa 700 Politiker aus fast allen europäischen Ländern forderten auf dem Kongress die politische Einheit Europas. Es wurden die Schaffung des Europarates und eine europäische Menschenrechtskonvention gefordert, die als Grundlagen einer künftigen Gemeinschaft dienen sollten

[6] „Wir, die Staats- und Regierungschefs der Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, sind in einer Zeit tiefgreifenden Wandels und historischer Erwartungen in Paris zusammengetreten. Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, daß sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden. Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit.“

[7] Umwelt, die Welt um den Menschen? Wozu dieses Wortekonstrukt und die konstruierte Abgrenzung zu Natur? Das Wort Natur verwenden wir im Weiteren in der Bedeutung, dass der Mensch dazugehört und dass sowohl der Mensch als auch Natur nicht ohne ihren Zusammenhang zu verstehen sind.

[8] Zur Unterscheidung von Verändern und Änderung s.a. Peter Blickensdörfer (2015): Denken wider das herrschende Verständnis Seite 662 ff, Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV)

[9] Europäische Kommission Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen — ESVG 2010 Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union Vorwort

[10] Die Qualität des in Medien, in Veröffentlichungen, in politischen Äußerungen zum Ausdruck kommende herrschende Verständnisse dazu entspricht nicht der des vom Deutschen Bundesverfassungsgericht (BVerfG) geäußerten herrschenden Verständnisses

[11]  „Souverän ist, wer die Macht hat, eine Verfassung in Kraft zu setzen.“ Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland Josef Isensee und Paul Hübner, C.F. Müller Juristischer Verlag Heidelberg 1992

[12]  „Verfassungsidentität“, die den Zusammenhang von „Verfügungsmacht – herrschendes Verständnis – Verfassung“ charaktewrisierende, s.a. BVerfG 2 BvR 2735/ 14 Tz 47: „Die weitaus überwiegende Zahl der Verfassungs- und Obergerichte der anderen Mitgliedstaaten teilt für ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich die Auffassung des Bundesverfassungsgerichts, dass der (Anwendungs-)Vorrang des Unionsrechts nicht unbegrenzt gilt, sondern dass ihm durch das nationale (Verfassungs-)Recht Grenzen gezogen werden.“ 

[13]   Dieter Grimm Europa ja – aber welches? Zur Verfassung der europäischen Demokratie, Verlag C.H.Beck oHG, München 2016.

[14] Bundesverfassungsgericht – Urteil vom 7. September 2011 – 2 BvR 987/10

[15] ebenda

[16]  S.a. http://www.erkenntniswiderspruch.de/Diskussionen/Diskussion zu Erkenntnis-Kritik „ESM“ und „Schuldenbremse“ – Auflösung von „Kleinstaaterei“(?)]

[17]  Zur Überleitung von Rechtsverhältnissen, die unter planwirtschaftlichen Bedingungen entstanden sind, in die Marktwirtschaft (hier: Altschulden der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR) BVerfG 1 BvR 48/94

[18] Staatsvertrag BRD-DDR zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom 18.05.1990 (BGBL II S. 537 „Der Staatsvertrag erklärt die soziale Marktwirtschaft zum Wirtschaftssystem der Deutschen Demokratischen Republik“. Ein Vertrag geschlossen bevor dafür die Verfassung der DDR gerändert wurde. Der Einigungsvertrag (Beitrittsvertrag) vom 31.08.1990 veränderte nicht die Bestimmungen des Vertrages vom 18. Mai 1990, mit dem die wirtschaftliche und soziale Einheit hergestellt war, es fehlte allerdings die politische/staatliche Einheit, für deren Vollzug der Einigungsvertrag geschlossen worden war.

[19] Verfassungsgrundsätze vom 17.Juni 1990, mit denen die Privatisierung des volkseigenen Vermögens angeordnet wurde. „. . . in der Erwartung einer baldigen Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands wird für eine Übergangszeit die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik um folgende Verfassungsgrundsätze ergänzt. Entgegenstehende Verfassungsgrundsätze besitzen keine Rechtsgültigkeit mehr“. „Artikel 1. Freiheitliche Grundordnung (2) . . . Bestimmungen in Rechtsvorschriften, die den einzelnen oder Organe der staatlichen Gewalt auf die sozialistische Staats- und Rechtsordnung, auf das Prinzip des demokratischen Zentralismus, auf die sozialistische Gesetzlichkeit, das sozialistische Rechtsbewußtsein oder die Anschauungen einzelner Bevölkerungsgruppen oder Parteien verpflichten, sind aufgehoben. Artikel 2. Eigentum. Privateigentum einschließlich des Erwerbs von Eigentum und eigentumsgleichen Rechten an Grund und Boden sowie an Produktionsmitteln wird gewährleistet.“

[20] Im Zuge der Wiedervereinigung einigten sich beide deutschen Staaten in einer gemeinsamen Erklärung vom 15. Juni 1990 über das Verfahren zur Regelung der offenen Vermögensfragen. Am 29. September 1990 verabschiedete die Volkskammer der DDR das sogenannte Vermögensgesetz. In ihm wurden die Ansprüche enteigneter oder durch staatliche Verwaltung in ihrer Verfügungsbefugnis beschränkter Eigentümer geregelt. Nach dem Vermögensgesetz galt – getreu der Vorgabe aus Bonn – prinzipiell der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“. Der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“ einer der großen Fehler bei der Verwirklichung der Einheit Deutschlands . Mehr als zwei Millionen Anträge auf Rückübertragung (MDR:DE 05.01.2021); also zur Enteignung von (der) DDR-Bevölkerung.

[21] BVerfG, 2 BvE 2/08 vom 30.6.2009, Absatz-Nr. (1 – 421)

[22] Güter, eine Bezeichnung für etwas als subjektiv „gut“ Beurteiltes? Es geht aber um Dienstleistungen, Gegenstände und sonstige Leistungen, deren Charakteristisches hier als „Ware“ zu verstehen ist. Zu den sonstigen Leistungen gehört die Verschaffung einer bestimmten zeitweiligen Verfügungsmacht über ein anderen sein Eigentum (z.B. Boden).

[23] Güterarten und deren Mengen sind nicht aggregierbar und deshalb sind deren Zu- und Abflüsse im „Tableau“ auch nicht dargestellt. Dargestellt ist der vollständige Tausch (mit einer Menge dafür notwendigem als Zirkulationsmittel funktionierenden Geld von 37,5 für 40 Verkäufe/Käufe von Ware mit einer Preissumme von 1.500) des in Geld ausgedrückten Wertes der Ergebnisse der Tätigkeiten der produktiven und sterilen Klasse und der Zurverfügungstellung des Bodens durch die dritte Klasse.

[24] Peter Blickensdörfer (2019): ESVG 2010 Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen Ein System berechenbaren Missverstehens von Europa, Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV) Baden-Baden

[25] Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union Titel VIII – Die Wirtschafts- und Währungspolitik (Art. 119 – 144) Art. 119 (ex-Artikel 4 EGV)

[26] Karl Marx zum Verstehen der Bedeutung: „Die einfache Reproduktion auf gleichbleibender Stufenleiter erscheint insoweit als eine Abstraktion, als einerseits auf kapitalistischer Basis Abwesenheit aller Akkumulation oder Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter eine befremdliche Annahme ist, andererseits die Verhältnisse, worin produziert wird, nicht absolut gleichbleiben (und dies ist vorausgesetzt) in verschiedenen Jahren . . .  soweit Akkumulation stattfindet, bildet die einfache Reproduktion stets einen Teil derselben, kann also für sich betrachtet werden, und ist ein realer Faktor der Akkumulation.“ „Das Kapital“, Bd II S. 398, DIETZ VERLAG BERLIN 1958

[28] „Die Geldpolitik der Bundesbank“ Sonderveröffentlichung Selbstverlag der Deutschen Bundesbank ISBN 3-927951-77-3 abgeschlossen im Oktober 1995

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Zu „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum

Die immer zahlreicher werdenden Forderungen nach einem „Wirtschaftswachstum“, das „nachhaltig“, natürliche Ressourcen und Umwelt schonend sein müsse, mit dem Not, Armut und Mißstände beseitigt werden, diese Forderungen sind leicht verständlich und gewinnen immer mehr Akzeptanz. Akzeptanz deshalb, weil der Zustand des „Wirtschaftens“ offensichtlich immer mehr in Verbindung mit den Auswirkungen erscheinen, die diese Forderungen begründen.

Deshalb könnte beim flüchtigen Lesen des Beitrages „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum der Eindruck entstehen, mit ihm wird letztlich nichts anderes ausgesagt, eben nur mit anderen Worten. In diesem Beitrag geht es aber nicht um Bedingungen, Auflagen oder Voraussetzungen für ein „Wirtschaftswachstum“ mit großer Akzeptanz. Ebenso wenig um eine Auseinandersetzung zu „Wachstum“ oder „Nicht-Wachstum“ der „Wirtschaft“.

Reproduktionswachstum ist  Bezeichnung für das charakteristische Merkmal der Tätigkeiten der Menschheit, mit denen sie  die Mittel und Bedingungen der Lebensreproduktion reproduzieren und, zur Aufhebung des gegenwärtigen Zustandes des „Wirtschaftens“, immer mehr reproduzieren müssen. Es ist für die Sicherung der Lebensreproduktion ein notwendiges Verändern des Zustandes des „Wirtschaftens“ vom „Wirtschaftswachstum“ zum Reproduktionswachstum, in dem wiederum das „Produzieren“ und Reproduzieren eines Mehrprodukts zur Bewältigung von Auswirkungen gewaltiger Naturänderungen immer mehr Bedeutung erhalten muss.

Auch diese Erkenntnis von der Notwendigkeit eines Reproduktionswachstums ist nicht neu.  Das Gebundensein der Lebensreproduktion an einen bestimmten Teil der Erde hat schon immer Menschen diese Notwendigkeit nicht nur erkennen lassen, sondern sie haben auch danach gehandelt und auch heute handeln Menschen danach.

Mit jeder Überwindung dieses Gebundenseins war und ist aber immer ihre Hoffnung, ihr Glaube verbunden, damit „frei“ zu sein, „frei“ zu werden, also auch vom Reproduktionswachstum  entbunden zu sein.

Der immer größer werdende Gegensatz zwischen diesem Zustand des „Wirtschaftens“ und  dem der Erde zwingt jetzt die Menschheit zur Entscheidung, entweder mit dieser Hoffnung, mit diesem  Glaube historisch unterzugehen oder ihren, mit dieser Hoffnung, mit diesem Glaube manifestierten Erkenntnis-Widerspruch zu überwinden. Letzteres ist Voraussetzung für ein Verändern dieses Zustandes, für ein Revoltieren der „kapitalistischen Produktionsweise“, das diesen Zustand aufhebt.

Mit dem Beitrag „Wirtschaftswachstum“ – Mehrprodukt – Reproduktionswachstum wird also auch nicht „Wirtschaftswachstum“ neu definiert. Reproduktionswachstum umfasst mehr als was unter „Wirtschaft“ und ihr „Wachstum“ verstanden wird (s.a. Der Erkenntnis-Widerspruch, Kapitel Reproduktion & Evolution)

Eine Definition:
Mit der Bezeichnung Reproduktionswachstum kommt das Verständnis von der Veränderung der Reproduktion zum Ausdruck. Reproduktionswachstum ist Bezeichnung für die resultierende Wirkung des Veränderns der Lebensreproduktion der Menschen auf die Reproduktion ihres Zusammenlebens, auf die Reproduktion ihrer „Gesellschaft“.

Es ist die resultierende Wirkung der Tätigkeit der Menschen, mit der sie ihre Lebensreproduktion, und damit die Reproduktion der Mittel und Bedingungen dafür, verändern. Zu dieser Tätigkeit gehört die, welche als „Politik“ verstanden und bezeichnet wird. Es ist die Tätigkeit, mit der die Reproduktion der „Gesellschaft“, also das Reproduzieren des Lebens ihrer Mitglieder gesichert wird (werden kann). „Politik“ ist die Tätigkeit, mit der die resultierende Wirkung des Reproduzierens beherrscht wird (werden kann). Es ist „Politik“ des Reproduktionswachstums.

Das Verändern des Bestehenden zu einem Reproduktionswachstum bedingt also auch eine „Politik“ dafür, ein Verändern der gegenwärtigen „Politik“. Dieses Verändern bedingt das Verständnis vom „Reproduktionsprozess“ der „Gesellschaft“ und damit die Überwindung des Widerspruchs zu den Erkenntnissen der „klassischen Ökonomie“ . Es sind die Erkenntnisse von den kausalen Zusammenhängen der „einfachen“ und „erweiterten“ Reproduktion der „kapitalistischen Produktionsweise“, also in welchen kausalen Zusammenhängen sie sich ändert.

Daraus und in diesem Verständnis von der Bezeichnung Reproduktionswachstum ist die Frage nach dem Verständnis von „Reproduktionsprozess“ zu beantworten.

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Volkswirtschaft, Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung (ESVG 2010) und Reproduktionsprozess

Verfügungsmacht zu wahren und ausüben zu können, bedingt nicht nur Legislative und Exekutive, sondern auch Kenntnisse von der Gemeinschaft und deren Mittel und Bedingungen, über die Macht ausgeübt wird, werden soll. Mit Volkswirtschaft kommt deshalb auch das Verständnis Verfügungsmächtiger über ihre Gemeinschaft zum Ausdruck. Die Gemeinschaft sei ein Volk von Individuen, die mit Verfolgung ihrer Individual-Interessen zur Entwicklung und Sicherung der Gemeinschaft beitragen. Sie seien deshalb als Wirtschaftssubjekte zu verstehen, deren Tätigkeiten und die Ergebnisse davon als Volkswirtschaft bezeichnet wird.
Um Ursachen, Zusammenhänge und resultierende Wirkungen ihres Wirtschaften, der Volkswirtschaft, verstehen zu können, braucht es Kenntnisse von deren charakteristischen Merkmalen. Diese Kenntnisse werden gewonnen aus Daten, die mithilfe statistischer Methodik erfasst, aufbereitet und bewertet werden:Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Das Zwischen beiden besteht ein kausaler Zusam-menhang, weshalb der „Kreislauf“ (also das „Wirtschaften“) miteinander verbundene, verschlungene „Kreisläufe“ des Erlangens und Sicherns von „Produktionsmitteln“ und „Produktionsbedingungen“ einerseits und des Erlangens und Sicherns von „Konsumtionsmitteln“ andererseits sind. Dieses Erlangen und Sichern i st also einmal als ein „produktives „Konsumieren““ und zum anderen als ein „nichtproduktives „Konsumieren“ zu verstehen.

Unbestritten ist inzwischen, dass ohne Daten vom Leben/ Zusammenleben und von dessen Mitteln und Bedingungen auch Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht möglich ist. Statistiken lieferten und liefern deshalb auch für Politik Daten, deren Beschreibungen und Berechnungen. Mit statistischen Instrumenten wurden und werden sie von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst, aufbereitet, dargestellt und bereitgestellt. Daten zu Sachverhalten und Dingen als verbundene Zeichen für deren Mengen und von ihren Veränderungen.

Weltwirtschaftskrise 2007, Eurokrise 2009 haben Verantwortliche für Politik und Analyse aber auch Wirtschaftswissenschaftler zu ungewohnt klarer Selbstkritik mit Forderungen nach neuen Regeln und neuem Rahmenwerk veranlasst. Ein neues Weltwährungssystem müsste entwickelt und Wirtschaftsungleichgewichte beseitigt werden. Ein neuer Fortschrittsindikator werde gebraucht. Nichts von dem ist bisher geschehen. Warum? Oder ist doch mit dem ESVG 2010 wenigsten für Europa ein System geschaffen?

Mit unserer Analyse des ESVG 2010  haben wir eine Antwort auf diese Frage und deshalb auch eine auf die Frage gesucht, warum bisher die nach neuen europäischen Regeln erstellten und beschriebenen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen zu keinem europäischen Verständnis geführt haben, was Europa ist und sein soll, womit es als europäische Volkswirtschaft verstanden werden kann.

Die im Buch beschriebenen Ergebnisse unserer Auseinandersetzungen mit dem als Europäisches System bezeichneten Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 2010) lassen schlussfolgern, dass mit diesem System keine Krisen verhindernde politische Strategien konzipiert werden können.

Die anspruchsvolle statistische Qualität des ESVG 2010 reicht dafür und für ein Verstehen der Ursachen von Krisen nicht aus. Das ESVG 2010 macht das herrschende Missverstehen von Europa berechenbar.

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Im Kontext Politische Ökonomie

Im Kontext Politische Ökonomie

Das Verstehen „Europas“ und dessen Entwicklung ist eng verbunden mit dem von europäischer Politik und von einer europäischen Wirtschaft (Ökonomie). Es war historisch und ist das jeweilige herrschende Verständnis von einem Macht-Bereich, von einer Entwicklung Europas zu einem Reich. In mehr als zweitausend Jahre wurde immer wieder ein solches Reich errichtet, zerschlagen und immer wieder errichtet, immer wieder begonnen, es auf Dauer zu errichten, und zwar mit und infolge von Kriegen um Verfügungsmacht über den Kontinent EUROPA. Die Folgen des ersten und vor allem des zweiten Weltkrieges bedingten das gegenwärtige herrschende Verständnis von einem „Europa“ miteinander verbundener demokratischer europäischer Völker mit einem Wirtschaftswachstum zu deren Wohlstandssicherung.

Dieses herrschende Verständnis von „Europa,“ mit dem auch Krisen (auch Kriege) nicht verhindert wurden, bedingt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Krisen und herrschendem Verständnis dazu. Es ist ein feststellbarer Zusammenhang von als „Politik“ und als „Ökonomie“ Bezeichneten. Erkenntnisse von diesem Zusammenhang begleiteten die Entwicklung der Menschheit. Sie waren allerdings nie herrschendes Verständnis, denn das widerspricht diesen Erkenntnissen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Widerspruch ist deshalb die mit dem herrschenden Verständnis von Politik, von Ökonomie, von politischer Ökonomie im Kontext „Politische Ökonomie“.

„Politische Ökonomie“ ist Bezeichnung für einen Zusammenhang von „Politik“ und „Ökonomie“, der unabhängig davon besteht, ob er verstanden wird oder nicht, wie das von ihm Begriffene zum Aus-druck gebracht wird. Mit diesem Worte-Paar kommt ein begriffenes charakteristisches Merkmal eines Zusammenhangs von den als Politik und als Ökonomie bezeichneten charakteristischen Merkmale zum Ausdruck. Es sind also charakteristische Merkmale der als „Politik“ und „Ökonomie“ mannigfachen Erscheinungen. Diese beiden Worte Politik und Ökonomie bezeichnen das Unterschiedliche ihres Zusammenhangs, das und deren Zusammenhang Leben, Zusammenleben bedingen. Diese Bedingtheit bestimmt das Begreifen der charakteristischen Merkmale der mannigfachen Erscheinungen, die mit „Politik“ und mit „Ökonomie“, mit Politische Ökonomie zu bezeichnen sind.

Politik“ ist Bezeichnung für das charakteristische Merkmal mannigfach erscheinender Tätigkeiten des „Ordnens“ der Tätigkeiten, Mittel und Bedingungen, mit denen das Zusammenleben einer Gemein-schaft von Gesellschaften, dessen Reproduktion, gegenwärtig und künftig gesichert wird und gesichert werden soll. Es sind die Tätigkeiten des Verfügens und Sicherns einer „Ordnung“ des Zusammenlebens einer Gemeinschaft von Gesellschaften. Es sind die Tätigkeiten der von Verfügungsmächtigen der Gesellschaften Beauftragten, welche für diese Tätigkeiten von Verfügungsmächtigen Verfügungsmacht über Mittel und Bedingungen übertragen bekommen haben (Herrschaft auf Zeit).

Ökonomie“ ist Bezeichnung für das charakteristische Merkmal mannigfacher Erscheinungen des Erlangens, Sicherns und Reproduzierens der des Lebens, Zusammenlebens unabdingbaren Mittel und Bedingungen, mit denen das Leben, das Zusammenleben einer Gesellschaft und einer Gemeinschaft von Gesellschaften, dessen Reproduktion, gegenwärtig und künftig gesichert wird und gesichert wer-den kann.

Politische Ökonomie“ bezeichnet also dann das charakteristische Merkmal des Zusammenhangs charakteristischen Merkmale mannigfach erscheinender Tätigkeiten, Mittel und Bedingungen, mit denen in diesem Zusammenhang die Reproduktion des Lebens, des Zusammenlebens und damit auch die Reproduktion der dafür unabdingbaren Mittel und Bedingungen gesichert wird und gesichert werden kann. Mit Politischer Ökonomie wird ein durch Ökonomie bedingter (kausaler) Zusammenhang mit Politik bezeichnet, in dem das eine von dem anderen nicht zu trennen ist. Die unabdingbare Ordnung des Lebens, des Zusammenlebens, ihr Verfügen und Sichern ist durch Ökonomie bedingt.
Allgemein kommt zwar mit dem Worte-Paar Politische Ökonomie ein diesen Zusammenhang bezeichnendes Verstehen zum Ausdruck. Doch weil es im herrschenden Verständnis als ein Begriff gilt, der nicht der gegenwärtigen Zeit entspräche, müssen wir uns mit diesem Begriff und dem herrschenden Verständnis dazu auseinandersetzen.
Obwohl, wie gesagt, Politische Ökonomie keine Vokabel herrschenden Verständnisses ist, werden Aussagen zu einem Zusammenhang von Politik und Ökonomie auch mit politischer Ökonomie formuliert. Mit politischer Ökonomie kommt das herrschende Verständnis vom Primat der Politik zum Ausdruck. Doch damit aber eben auch ein Verständnis von einem Zusammenhang von Politik und Ökonomie. Einen Zusammenhang von Politik und Ökonomie darin zu verstehen, dass Ökonomie die Eigenschaft habe, politisch zu sein und diese sich deshalb von einer unpolitischen Ökonomie unterscheidet, bedeutete, den Zusammenhang von Politik und Ökonomie nur als einen politischen Zusammenhang verstehen zu können, als einen beliebig zu verstehenden.

Nicht aus scheinbaren Zusammenhängen von Erscheinungen, die als Politik und als Ökonomie bezeichnet werden, sondern mit dem Begreifen deren charakteristischen Merkmale ist zu erkennen, dass Politik und Ökonomie untrennbar verbunden sind. Zu untersuchen ist aber deshalb auch, worin sich der mit politischer Ökonomie einerseits und der mit Politische Ökonomie andererseits zum Ausdruck kommende Zusammenhang von Politik und Ökonomie unterscheidet. Was bedingt den mit politischer Ökonomie bezeichneten Zusammenhang?

Mit „politischer Ökonomie“ wird ebenfalls das charakteristische Merkmal des Zusammenhangs von Politik und von Ökonomie verstanden und bezeichnet. Es ist das charakteristische Merkmal des durch herrschendes Verständnis von Politik und von Ökonomie resultierenden (bewirkten) feststellbaren Zusammenhangs. Mit politischer Ökonomie verstehen und bezeichnen wir also das charakteristische Merkmal des Zusammenhangs, der aus dem mit Politik und mit Ökonomie zum Ausdruck kommenden herrschenden Verständnis resultiert. Wir müssen also bei der Verwendung des Begriffs politische Ökonomie stets beachten, dass sich dieser darin vom Begriff Politische Ökonomie unterscheidet. Politische Ökonomie und politische Ökonomie sind gleichermaßen Begriffe charakteristische Merkmale eines Zusammenhangs charakteristischer Merkmale, die sich aber darin unterscheiden, dass sie einerseits die von Ökonomie und Politik und andererseits die von Politik und von Ökonomie sind.

Wir werden zur Unterscheidung von Politischer Ökonomie und politischer Ökonomie aber im Weiteren beide (in dieser Schreibweise) als Begriffe für zu unterscheidende charakteristische Merkmale der mit diesen zum Ausdruck kommenden Zusammenhänge verwenden. Denn mit politischer Ökonomie wird nur scheinbar gleiches Verstehen vom Zusammenhang von Politik und Ökonomie aber dieses nur unterschiedlich formuliert ausgedrückt.

Dieser Unterschied ist feststellbar unabhängig davon, ob begriffen oder nicht, ob und welcher Zusammenhang von Ökonomie und Politik, was mit Politik, was mit Ökonomie verstanden wird. Den mit politischer Ökonomie oder mit Politischer Ökonomie bezeichnete Zusammenhang bedingt das Leben, das Zusammenleben, dessen charakteristisches Merkmal zwar stets ökonomisch begründet ist, aber der der politischen Ökonomie stets Resultat herrschenden Verständnisses von Politik, von Ökonomie und von deren Zusammenhang ist.

Sein charakteristisches Merkmal ist ökonomisch durch die Art und Weise („Produktionsweise“) begründet, also wie die Menschen mit welchen Mitteln und unter welchen Bedingungen (Lebensgrundlagen) die für ihr Leben, ihr Zusammenleben unabdingbaren Mittel und Bedingungen erlangen und sichern können. Ihre jeweilige „Produktionsweise“ bedingt eine entsprechende Ordnung des Lebens, ihres Zusammenlebens und deren Verfügen und Sichern. Es ist ein objektiver Zusammenhang von Ökonomie mit einer dadurch bedingten Politik. Kann historisch die Ordnung des Lebens, ihres Zusammenlebens (die Herrschaft auf Zeit) trotz oder infolge des Veränderns (der politischen Ökonomie) nicht aufrechterhalten werden, bedingt das eine Änderung des charakteristischen Merkmals von Politischer Ökonomie

Mit dem historisch jeweiligen herrschenden Verständnis von Ökonomie und von Politik, von deren wechselseitigen, mehr oder weniger auf einander bezogenen Zusammenhang, verändern die Menschen ihre „Produktionsweise“ und Lebensgrundlagen sowie von Verfügungsmacht darüber. Das Ver-änderte ist resultierende Wirkung des Verstandenen von dem, was als Politik und als Ökonomie bezeichnet wird, von deren wechselseitigen Zusammenhang. Das Veränderte ist als eine durch Politik bedingte Ökonomie feststellbar, als eine durch herrschendes Verständnis bewirkte resultierende Änderung von einem als politische Ökonomie bezeichneten Zusammenhang. Es ist ein feststellbarer Zusammenhang von Politische Ökonomie – ein durch die jeweilige historische „Produktionsweise“ bedingter objektiver Zusammenhang von Politik und Ökonomie – und politischer Ökonomie – eine als Folge herrschenden Verständnisses vom Zusammenhang von Politik und von Ökonomie resultierende historische Änderung der „Produktionsweise“.

Wir müssen also dann auch das sich wechselseitig in einem Zusammenhang Bedingende der Politischen Ökonomie und der politischen Ökonomie differenziert verstehen. Dabei müssen wir beachten, dass für eine jeweilige Epoche der Menschheitsentwicklung jeweils eine bestimmte Politische Ökonomie feststellbar ist, welche den Stand der Menschheitsentwicklung der Epoche charakterisiert und dass mit politischer Ökonomie charakteristische Erscheinungen der Politischen Ökonomie verändert werden. Folge dieses Veränderns revolutioniert die Politische Ökonomie, das charakteristische Merkmal des damit zum Ausdruck kommenden Zusammenhangs von Politik und Ökonomie einer Epoche. Wir müssen das differenzierte Verstehen dieses sich wechselseitig Bedingende und wie es sich wechselseitig bedingt mit der Erkenntnis von dem charakteristische Merkmal verbinden, worin die ganze Komplexität – scheinbar hängt alles, und vieles davon auch tatsächlich zusammen – der Politischen Ökonomie und der politischen Ökonomie begründet ist, davon objektiv abhängig ist. Es ist die Reproduktion von dem für das Leben, das Zusammenleben unabdingbaren „Mehrprodukt“.

Mit diesem differenzierten Verstehen muss und kann die Frage konkreter beantwortet werden, durch welches charakteristische Merkmal der gegenwärtigen politischen Ökonomie Krisen des Lebens, des Zusammenlebens zur Folge haben (müssen), zu welchen charakteristischen Merkmalen Politik und Ökonomie verändert werden müssen und zwar zu einer Politische Ökonomie, mit der die Selbstzerstörung der Menschheit verhindert werden kann.

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(K)eine demokratische Entleerung des Grundgesetzes?

 

(K)eine demokratische Entleerung des Grundgesetzes?1

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) beantwortet diese Frage. Kriterium für die Beantwortung ist das Verständnis der Verfassungsrichter von (der) „Verfassungsidentität“.

 

Der Gerichtshof der Europäischen Union (EUGH) hat, auch für die Beurteilung der Rechtmäßigkeit von „Technical features of Outright Monetary Transactions“ (OMT-Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB)), kein solches Kriterium. Es gibt keine europäische Verfassung. Die Verfassungen der europäischen Länder unterscheiden sich. Auch ihr Verständnis von Verfassungsidentität, womit Verfasstheit zum Ausdruck kommt, ist nicht gleich.

 

Der EUGH legt aus, wie die Verträge der europäischen Länder und die darauf gründenden Bestimmungen zu verstehen sind. Das Verständnis der EUGH-Richter kann dazu nicht einheitlich sein. Ihre Auslegungen sind jeweils ein Kompromiss, den sie mit besten Wissen und Gewissen schließen.

 

Der EUGH konnte seine Antwort auf die vom BVerfG vorgelegten Fragen (2 BvR 2728/13 . . . – „Vorlagefragen“) zur Rechtmäßigkeit des OMT-Beschlusses der EZB schon allein mit dem Hinweis auf Artikel 18 in Verbindung mit Artikel 21 der ESZB-Satzung (PROTOKOLL ÜBER DIE SATZUNG DES EUROPÄISCHEN SYS-TEMS DER ZENTRALBANKEN UND DER EUROPÄISCHEN ZENTRALBANK) begründen.

 

Das (deutsche) herrschende Verständnis, diese Artikel verböten den Kauf oder den Erwerb von Staatsanleihen, kann aus deren (deutschen) textlichen Fassung nicht herausgelesen werden. In Deutsch können die Worte (Begriffe) „Staatsanleihe“ und „Wertpapier“ nicht synonym verwendet werden. „Kauf von Staatsanleihen“ ist eine in Deutsch unsinnige Aussage. Sie wäre hinnehmbar, weil „griffig“, wenn mit ihr nicht verschleiert werde.

 

Das Verständnis, dass Staatsverschuldung in Verbindung mit einer Vergrößerung der Geldmenge, die nicht wirtschaftlich begründet werden kann, zu vermeiden ist (verboten werden muss), resultiert aus historischen Erfahrungen. Geldwert und Geldmenge bilden

die allgemeine ökonomische Grundlage für die staatliche Haushaltspolitik und für private Planungen und Dispositionen

bei der Wahrnehmung wirtschaftlicher Freiheitsrechte . . .

 

Das Bestimmen von Geldwert und Geldmenge ist ein

wesentlicher Politikbereich, der mit dem Geldwert die individuelle Freiheit stützt und mit der Geldmenge auch das

öffentliche Finanzwesen und die davon abhängigen Politikbereiche bestimmt . . (2 BvR 2728/13 . . . Rn. 32)

 

Das bestimmt das Verstehen des Verbotes monetärer Haushaltsfinanzierung. Dieses Verstehen kommt zwar auch in der Stellungnahme der EZB zum Ausdruck (2 BvR 2728/13 . . . Rn. 12):

Ein Haftungsrisiko für die nationalen Haushalte bestehe nicht, weil das Europäische System der Zentralbanken vor

allem durch Rückstellungen und Rücklagen ausreichende Risikovorsorge getroffen habe. Gleichwohl eintretende

Verluste könnten als Verlustvortrag in die Bilanz eingestellt und in den Folgejahren mit möglichen Einkünften

ausgeglichen werden

 

Doch wird mit dieser Erklärung wiederum die Notwendigkeit einer unabhängigen Zentralbank fragwürdig. Denn mit ihr ließe sich (fast) jede monetäre Haushaltsfinanzierung als nichts Verbotenes begründen.

 

Dieses Verstehen dieses Verbotes monetärer Haushaltsfinanzierung ist weder ein widerlegbares subjektives ökonomisches noch muss es in der Sprache des Rechts juristisch „übersetzt“ werden. Es kann auch weder als geldpolitische noch als wirtschaftspolitische Maßnahme charakterisiert werden.

 

Denn obwohl die Verträge weder den Begriff der Währungspolitik noch den Begriff der Geldpolitik Politische Ökonomie 2 BvR 2728/13 . . . Rn. 61) definieren, werden sie in Erklärungen und Beurteilungen als Begriffe verwendet. Und das, obwohl auch das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken und dessen grundlegenden Aufgaben (s. 2 BvR 2728/13 . . . Rn. 62) beliebig verstanden werden können.

 

Es gibt keine europäische Wirtschaft, sondern Volkswirtschaften der europäischen Länder. Für jede Volkswirtschaft der (EURO-Länder) wird deren notwendige Geldmenge durch die ESZB (EZB und Zentralbanken der Mitgliedstaaten (,,nationale Zentralbanken“)) bestimmt.

 

Es gibt keine Bestimmung der Euro-Geldmenge (Geldpolitik), welche durch eine europäische Volkswirtschaft (Wirtschafts- und Währungspolitik) begründet ist. Und keinen Euro als Währung für den Handel der Euro-Länder (für „grenzüberschreitende Zahlungen“) miteinander. Dafür ist (als Ersatz) das Zahlungssystem TARGET 2 eingerichtet, das Staatsverschuldungen indirekt unterstützt.

 

Und es gibt auch keinen europäischen Preis für jeweils vergleichbare oder selbe Erzeugnisse und Leistungen europäischer Länder oder Euro-Länder, der zu stabilisieren wäre. Als vorrangiges Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken wäre also allenfalls zu verstehen, die Stabilität der unterschiedlichen Preise für jeweils vergleichbare oder selbe Erzeugnisse und Leistungen zu gewährleisten.

 

Das Verständnis des BVerfG von einem wesentlichen

Politikbereich, der mit dem Geldwert die individuelle Freiheit stützt und mit der Geldmenge auch das öffentliche

Finanzwesen und die davon abhängigen Politikbereiche bestimmt (2 BvR 2728/13 . . . Rn. 32)

und dass für eine verfassungsrechtliche Würdigung des OMT-Beschlusses dieser abstrakte Zusammenhang zu konkretisieren ist, also welche Belastung des Bundeshaushalts dadurch in einer Höhe entstehen könnte, die eine aus dem Grundgesetz ableitbare Obergrenze überschritte und zu einer Entleerung des Budgetrechts führe.

 

In seinem Urteil (BVerfG, 2 BvR 1390/12 vom 12.9.2012, Absatz-Nr. (1 – 319)) zum Vertrag „zur Einrichtung des Europäischen Stabilitätsmechanismus“ (ESM) hat das BVerfG mit einer ausführlichen Erläuterung dieses Zusammenhanges die Obergrenze der aus diesem Vertrag resultierenden möglichen Belastung des Bundeshaushaltes begründet und dass damit keine Entleerung des Budgetrechts verbunden ist. Er verwies dabei auch ausführlich auf den „Vertrag über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion (SKSV)“ als weitere Maßnahme zur Beilegung der Staatsschuldenkrise.

 

Das geltende Integrationsprogramm gestaltet die Währungsunion als Stabilitätsgemeinschaft aus. Die Verträge dazu

und auch weitere zentrale Vorschriften zur Ausgestaltung der Währungsunion sichern die verfassungs-rechtlichen

Anforderungen unionsrechtlich ab. Das gilt insbesondere für das Verbot monetärer Haushaltsfinanzierung durch die

Europäische Zentralbank, das Verbot der Haftungsübernahme (Bail-out-Klausel) und die Stabilitätskriterien für eine

tragfähige Haushaltswirtschaft (Art. 123 bis Art. 126, Art. 136 AEUV . . .) (BVerfG, 2 BvR 1390/12 vom 12.9.2012,

Absatz-Nr. 219)

 

Angesichts genannter möglicher Risiken, welche die Stabilitätsgemeinschaft gefährden könnte, sei es

Sache des Bundestages selbst, in Abwägung aktueller Bedürfnisse mit den Risiken mittel- und langfristiger

Gewährleistungen darüber zu befinden, in welcher Gesamthöhe Gewährleistungssummen noch verantwortbar sind.

BVerfG, 2 BvR 1390/12 vom 12.9.2012, Absatz-Nr. 213)

 

Das Bundesverfassungsgericht kann sich hier nicht mit eigener Sachkompetenz an die Stelle der dazu zuvörderst

berufenen Gesetzgebungskörperschaften setzen (BVerfGE 129, 124 ). Es hat jedoch sicherzustellen, dass der

demokratische Prozess offen bleibt, aufgrund anderer Mehrheitsentscheidungen rechtliche Umwertungen erfolgen

können . . . und eine irreversible rechtliche Präjudizierung künftiger Generationen vermieden wird.

(BVerfG, 2 BvR 1390/12 vom 12.9.2012, Absatz-Nr. 228)

 

Der „Vertrag über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion (SKSV)“ ist nicht auf Dauer geschlossen. Eine Entscheidung, ob er beendet oder in das Unionsrecht überführt wird (Art. 16 SKSV) soll auf der Grundlage einer Bewertung der Erfahrungen mit der Umsetzung des Vertrages, also wie damit die Stabilitätsgemeinschaft gesichert worden ist, entschieden werden.

 

Die Frage, was das BVerfG mit EUGH-Urteil zum OMT-Beschluss der Europäischen Zentralbank anfängt („Was wird das Bundesverfassungsgericht mit dieser Antwort auf seine Vorlagefragen anfangen?“), mag angeregt sein, eine justiziable Beantwortung erwarten zu können.

 

Die Verträge zur Sicherung der Stabilitätsgemeinschaft und vor allem der Stand ihrer Umsetzung betreffen die Wirtschafts-und Sozialverfassung der Vertragsparteien im Kern. Daraus schlussfolgernde Entscheidungen sind keine justiziable, sondern politisch ökonomische Entscheidungen.

 

Das BVerfG trifft solche politisch ökonomische Entscheidungen nicht. Aber das BVerfG – als Hüter des Grundgesetzes – muss entscheiden, dass solche politisch ökonomische Entscheidungen getroffen werden müssen, und zwar dann, wenn das Fehlen solcher Entscheidungen oder getroffener solcher Entscheidungen zu einem Bruch der „Verfassungsidentität“2 führt oder zur Folge hat.

 

Die Frage ist aber, ob die rein nationale Perspektive, die sich in bestimmten Konfliktfällen zu recht gegenüber der

unionsrechtlichen behauptet (vgl. BVerfGE 89, 155 ; 123, 267 ; 126, 286 ), noch die angemessene und die von der

nationalen Verfassung vorgegebene ist, wenn es um Rechts- und Realfolgen der hier in Rede stehenden Reichweite und

Größenordnung geht. (2 BvR 2728/13 Abweichende Meinung der Richterin Lübbe-Wolff)

 

Der Bundestag hätte ohne weiteres auf politischem Wege – etwa durch eine Entschließung – den OMT-Beschluss

missbilligen, gegebenenfalls auch eine Nichtigkeitsklage androhen, die Reaktion der Europäischen Zentralbank und der

Finanzmärkte abwarten und dann weitere Konsequenzen ziehen können. Dass er all dies nicht getan hat, indiziert kein

Demokratiedefizit, sondern ist Ausdruck einer Mehrheitsentscheidung für eine bestimmte Politik zur Bewältigung der

Staatsschuldenkrise im Euro-Währungsraum. (2 BvR 2728/13 Abweichende Meinung des Richters Gerhardt)

 

Die hier wiedergegebenen Auszüge aus den abweichenden Meinungen der Richterin Lübbe-Wolff und des Richters Gerhardt bestätigen die Notwendigkeit politisch ökonomischer Entscheidungen zur Stabilitätsgemeinschaft mit der Maßgabe der vom BVerfG aufgezeigten Möglichkeiten.

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1 Unter dieser Frage mein nachfolgender Kommentar vom 20.06.2015 zu dem im „Verfassungsblog“ veröffentlichten Artikel von Maximilian Steinbeis „Nach dem OMT-Urteil aus Luxemburg: zwei Szenarien“:„Die Frage ist jetzt: Was wird das Bundesverfassungsgericht mit dieser Antwort auf seine Vorlagefragen anfangen? Die Antwort hängt davon ab, wie der Senat mit seinem eigenen Vorlagebeschluss umgehen wird.“
2Das (wiederholte) Fragen nach (k)einer demokratischen Entleerung des Grundgesetzes resultiert aus den Veränderungen, welche mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag möglich und Wirklichkeit wurden. Zu diesen Veränderungen gehören die Grundlagen des Grundgesetzes und dessen Verständnis sowie die Veränderungen, die – noch auf der Grundlage des Grundgesetzes – insbesondere durch Verträge zu einer „europäischen Integration“ bestimmt worden sind (Einigungsvertrag, Vertrag über die Europäische Union (Maastricht Vertrag), Verordnung (EG) Nr. 974/98 des Rates vom 3. Mai 1998 über die Einführung des Euro, Vertrag von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, Vertrag zur Einrichtung des Europäischen Stabilitätsmechanismus, Vertrag über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion (VSKS)). Die mit diesen Verträgen erfolgten demokratischen Veränderungen und deren Folgen für das Verständnis des Grundgesetzes, veranlassten den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Voßkuhle zu warnen: “Wir müssen aufpassen, dass wir da nicht in ein falsches Fahrwasser geraten, das Verfassungsidentität gewahrt bleibt.“ (Spiegel Online 02.07.2012)

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Mehrprodukt1

Mehr Güter und Leistungen bedingt die Lebensreproduktion. Einmal mehr zu „produzieren“ und zu konsumieren als bisher, wenn sie erweitert wird, wenn damit mehr Leben zu reproduzieren ist, reproduziert werden kann. Es ist also jeweils ein Mehr an Leben, ein dafür Mehr an Gütern und Leistungen als bisher. Es ist also ein Mehr als bisher.

 

Dieses Mehr an Gütern und Leistungen könnte als Wachstum der Wirtschaft verstanden und bezeichnet werden. Zum anderen bedingt aber die Lebensreproduktion auch, mehr Güter und Leistungen zu „produzieren“, welche zunächst nicht konsumiert werden (dürfen). Es sind Güter und Leistungen, mit denen die künftige Lebensreproduktion gesichert und mit denen Mittel und Bedingungen der Lebensreproduktion reproduziert werden (können). Es ist also kein Mehr als bisher, sondern ein (zeitweiliges) Mehr an „Produziertem“ gegenüber dem (zeitweiligem) Konsumiertem. Es ist kein Wachstum der Wirtschaft.

 

Die Lebensreproduktion bedingt also dieses unterschiedliches Mehr an Gütern und Leistungen. Es sind Güter und Leistungen, die dafür gebraucht werden, die diesen „Gebrauchswert“ der Lebensreproduktion haben. Die Lebensreproduktion bedingt dieses differenzierte Verstehen.

 

Mit einem in Geldmenge ausgedrückten „Wirtschaftswachstum“, zum Beispiel mit dem dafür verwendeten Indikator „Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP)“, kann dieses unterschiedliche Mehr an zu gebrauchenden Gütern und Leistungen der Lebensreproduktion nicht zum Ausdruck gebracht werden. Es ist ein dafür unbrauchbares Kriterium und unbrauchbar für eine differenzierte Darstellung.

 

Das durch die Lebensreproduktion bedingte unterschiedliche Mehr an zu gebrauchenden Gütern und Leistungen muss also in seiner historischen unterschiedlichen Bedeutung für die Lebensreproduktion differenziert, und nicht nur für Leistungen der Bodennutzung und deren Ergebnisse, verstanden und nicht nur festgestellt werden. Denn die Lebensreproduktion und insbesondere ihre Erweiterung bedingen, nicht nur mehr Güter und Leistungen zu „produzieren“, sondern die „Produktionsmittel“ und „Produktionsbedingungen“ des Lebens immer mehr zu reproduzieren, deren Reproduktion zu sichern und dafür auch ein Mehr an Gütern und Leistungen zu „produzieren“.

 

Davon hängt immer mehr ab das für die Erweiterung der Lebensreproduktion zu „produzierende“ Mehr an Gütern und Leistungen. Immer mehr Bedeutung hat das Mehr an Gütern und Leistungen für die Sicherung der Reproduktion des Lebens, seiner „Produktionsmittel“ und „Produktionsbedingungen“ erhalten.

 

Immer mehr Bedeutung dafür hat der Zusammenhang von Sicherung der Lebensreproduktion und ihrer Erweiterung erhalten. Ein Mehr an Gütern und Leistungen für eine Erweiterung der Lebensreproduktion wird zunehmend begrenzt durch das Mehr für die Sicherung der Lebensreproduktion, für die Sicherung der Reproduzierbarkeit und Reproduktion der „Produktionsmittel“ und „Produktionsbedingungen“ des Lebens.

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Fussnoten:
1 Diskussionsbeitrag in Wikipedia 09.02.2011

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Algorithmen1 und Sprache

Algorithmen2

In Wissenschaft und Wirtschaft werden immer mehr Algorithmen in Sachverhalten festgestellt oder für diese entwickelt. Es sind Reihenfolgen (Abfolgen) von miteinander kausal und/ oder logisch verbundenen Ereignissen und Reaktionen, welche als Algorithmen bezeichnet werden.

Hoch komplizierte und komplexe industrielle Fertigungsabläufe werden bereits mit digitalisierten Algorithmen (Software-Programmen) gesteuert und geregelt. Die digitalisierten Algorithmen sind somit, und werden immer mehr, selbst Bestandteil von Abläufen des materiellen und elektronischen Produzierens. Scheinbar verschmelze die virtuelle Welt mit der Wirklichkeit. Das verführt, auch scheinbar folgerichtig, solche Fragen beantworten zu können: Werden mit Algorithmen nicht nur Maschinen sondern auch Menschen, ihre Gesellschaften steuer- und regelbar? Wird das Denken bald mittels Algorithmen gesteuert?

Mit der als Kybernetik bezeichneten Wissenschaft von der Steuerung und Regelung, von den Selbstorganisationsprozessen komplexer Systeme beantwortete diese Fragen. Denn auch die Menschen und ihre Gesellschaften sind im Sinne dieser Wissenschaft als komplexe Systeme zu verstehen. Die Menschen bildeten als System-Elemente und mit ihren Verhältnissen (Beziehungen) als System-Strukturen komplexe Gesellschaftssysteme. Gesteuerte Regelungen ihrer Selbstorganisationsprozesse (Kooperativität und Selbstorganisation) gewährleisteten, dass sie auf Dauer bestehen blieben. Für Selbstorgani-sationsprozesse seien Algorithmen feststellbar. Also damit auch Algorithmen des Verhaltens der Menschen und der Verhältnisse ihres Zusammenlebens.

Das herrschende Verständnis von einer „kybernetischen Steuerung der Gesellschaft“ erscheint deshalb nun als ein folgerichtiges. Doch es ist ein Verständnis, mit dem bereits Mitte des zwanzigsten Jahrhundert versucht wurde, das Verhalten der Menschen, ihr Zusammenleben nicht nur berechnen sondern auch steuern zu können. Mit Bezug auf die Wissenschaft Kybernetik ist aber dieses Verständnis nur scheinbar folgerichtig.


Algorithmen als Heilsbringer
Was in diesem Verständnis Wissenschaftliches von Kybernetik sei, muss hier nicht untersucht werden. Auch nicht das, was ein wissenschaftliches Verständnis von Kybernetik für eine Überwindung der Selbstzerstörung der Menschheit leisten kann. Bereits nachgewiesen ist die Ursache, warum ein wissenschaftliches Verständnis von Kybernetik bisher für diese Überwindung nichts leisten konnte, bisher dafür nicht als brauchbares Mittel für Analyse und Politik verwendet wurde.

Wissenschaftlich muss nicht nachgewiesen werden (auch nicht mit Studien), dass das Verhalten der Menschen bereits mit Mitteln beeinflusst wurde und beeinflusst wird. Ob zum Beispiel mit medizinisch begründeten oder mit als Drogen bezeichneten Mitteln, oder mit Bildern und Berichten, oder durch die Freiheit des beliebigen Verstehens. Mit all diesen Mitteln wurde und wird das Verhalten der Menschen und ihre Verhältnisse verändert.

Was hier untersucht werden soll, darauf hat mich ein Freundeshinweis hingebracht. In zahlreichen Veröffentlichungen zu Algorithmen werden diese als Mittel zur Lösung der Probleme der Welt gesehen. Denn Algorithmen seien Handlungsanweisungen zur Lösung von Problemen. Damit gebe es auch eine Antwort auf die Frage: „Was tun?“ – Eine jetzt gefundene Antwort?

Jahrzehnte herrschte und herrscht doch ein angeblich nicht weiter zu hinterfragendes Verständnis von Menschenrechten, Demokratie, Transparenz, sozialer Marktwirtschaft und Gerechtigkeit. Dieses Verständnis (diese Ideologie) sei Bestandteil des Selbstorganisationsprozesses der Menschheit und damit Garant für deren Nachhaltigkeit.

Diesem Verständnis folgten immer wieder Kriege und Krisen nicht; sie nahmen und nehmen zu. Die Selbstzerstörung der Menschheit wurde mit ihm nicht aufgehalten und ist offensichtlich nicht aufzuhalten. Die Selbstzerstörung der Menschheit erscheint deshalb immer mehr eher als Folge dieses Selbstorganisationsprozesses. Sie ist eine Folge dieses herrschenden Verständnisses!

Das herrschende Verständnis widerspricht dem mit der Begründung, dass die für Selbstorganisationsprozesse notwendige Datenmenge bisher nicht zur Verfügung stand. Die könne nun mit den weitentwickelten Informationstechnologien erfasst und bearbeitet werden. Zwar ist die Menge der Daten vom Verhalten der Menschen enorm groß. Ihre Erfassung, insbesondere die elektronische, sei jedoch relativ einfach. Digitale Netzwerke und globale Überwachung dienten dazu. Die Interpretation der Daten sei aber noch sehr anspruchsvoll.

Und weiter: Mit digitalisierten Algorithmen (Software-Programmen) könnten erfasste Daten nicht nur analysiert sondern mit ihnen auch algorithmisch Schlüsse gefolgert werden. Beispielsweise zum künftigen Verhalten der Menschen und wie dieses gezielt zu beeinflussen, zu manipulieren ist. Letzteres auch mit Veröffentlichungen algorithmisch produzierter Artikel (Roboterjournalismus) zu scheinbar demokratisch legitimierten Erklärungen zur Notwendigkeit bestimmten Verhaltens. Algorithmen denken, ersetzen das Denken der Menschen?

Algorithmen – unabdingbare Lebensmittel?
Das ist alles nichts Neues, weshalb hier darauf nicht näher eingegangen werden muss. Meines Freundes Hinweis auf zahlreiche Veröffentlichungen zu Algorithmen bekam deshalb für mich erst durch einen anderen veröffentlichten Artikel Brisanz. Dieser Artikel fiel mir besonders durch seinen Titel und dem dazu beigefügten Bild auf. Im Bild war ein etwa fünfjähriger Junge zu erkennen, der ein Smartphone bediente. Dazu der Titel des Artikels – soweit ich mich erinnern kann – „Die Jungen verlernen das Sprechen.“

Auch wenn ich diesen Artikel nicht gelesen habe, er war nur kurze Zeit veröffentlicht, ein mit dessen Bild und Titel dargestellter Zusammenhang von Algorithmen und Sprache erfordert eine Antwort auf die veröffentlichten, sich mir aufdrängenden Fragen: Werden beide zu einer unheilvollen Allianz verschmolzen? Wird mit Algorithmen das Denken bald gesteuert? Kann Sprache algorithmiert werden?

Natürlich sind es nicht Algorithmen, sondern programmierte „Maschinen“. Mit Algorithmen (Software-Programmen) können „Maschinen“ Kommunikationsmittel sein. Menschen aber auch „Maschinen“ können miteinander kommunizieren, in dem sie auf „elektronischen Wegen“ nicht nur Daten übermitteln. „Maschinen“ können längst auch hörbare Sprache verstehen und sowohl hör- als auch lesbar ausdrücken. Sie kommunizieren, scheinbar in (menschlicher) Sprachlich, mit dem „Maschinen-Nutzer“.

Das sind inzwischen alltägliche Vorgänge, die aber nicht erkennen lassen, dass damit das Sprechen verlernt werde. Und doch gibt es, vor allem von Pädagogen und Eltern, kritische Hinweise auf verringerte Fähigkeiten und Fertigkeiten des Sprechens und Schreibens der Heranwachsenden. Insbesondere derjenigen, die Frühzeitig mit solchen „Maschinen“ umgehen. Allein in Deutschland gibt es (Stand 2014) in der deutschen Bevölkerung 7,5 Millionen „funktionale An-Alphabeten“.

Sind nun diese Hinweise bloß Ausdruck konservativen Denkens? Sind es die „Maschinen“ des 21. Jahrhundert, gegen die nun zu „stürmen“ wäre? Nein, es sind natürlich nicht die „Maschinen“. Es sind die Veränderungen der Kultur der Bildung und Erziehung der Sprache und damit auch des Denkens. Es sind Veränderungen infolge des herrschenden Verständnisses und einer profitstrebenden Verbreitung dieser „Maschinen“, mit denen immer mehr eine Kultur des Denkens, der Sprache, eine Kultur deren Erziehung und Bildung, zerstört wird.

Aus dieser Zerstörung kann aber nicht gefolgert werden, Algorithmen und Denken als etwas Gegensätzliches zu verstehen. Algorithmen sind selbst Ausdruck Gedachtem; sind Ergebnis logischen Denkens. Doch aus diesem logischen Denken kann wiederum nicht formallogisch gefolgert werden, das in Algorithmen ausgedrückte Gedachte werde Sprache, das Sprechen und Schreiben der Menschen ersetzen: Denken werde durch Algorithmen (programmierte „Maschinen“) ersetzt. Algorithmen bedingen Denken.

Denken Sprache
Sprache ist Denken. Die Auseinandersetzung mit Sprache ist Auseinandersetzung mit Denken, ist Auseinandersetzung mit dem herrschenden Verständnis, mit dem das Denken, Verstehen, Begreifen3 beherrscht wird. Denken bedingt deshalb auch eine Auseinandersetzung damit, welches Begriffene mit Sprache ausgedrückt wird, welche Worte und Worteverbindungen in Aussagen Begriffe sind, als Begriffe verwendet werden.

Sprache „ist stets historisches Ergebnis des Verstehens der Art und Weise des Erlangens und Sicherns der (als wichtig verstandenen) Mittel und Bedingungen des Lebens, des Zusammenlebens. Verfügungsmacht über diese Mittel und Bedingungen ist auch Macht über das Verstehen. Sie bestimmt das das Verstehen beherrschende Verständnis; die Denkkultur, die Sprachkultur.“4

Die historische Entwicklung der Sprache von einer hörbaren zu einer lesbaren Sprache (Sprache lesbar ausgedrückt), um zu lesen, was hörbar gesprochen wurde, revolutionierte das Denken. Von der Artikulation der hörbaren Sprache, vom Klang und von der Modulation der Stimme wurde abstrahiert – eine enorme Denkleistung!

Das erforderte zum einen, vom Schreibenden die in zeitlicher Folge verbundenen gehörten Laute in Zeichen zu „übersetzen“: sie zu zeichnen (zu schreiben, sichtbar darzustellen). Zum anderen erforderte es, einem bestimmten hörbaren Laut ein bestimmtes Zeichen und bestimmte Zeichenverbindungen für eine jeweilige Art und Weise der hörbaren Lautreihenfolge und Lautverbindungen zuzuordnen und zu bestimmen, was diese Zeichen und Zeichenverbindungen bedeuten und welches bestimmte Verstehen mit ihnen ausgedrückt werde.

Es erforderte deshalb auch vom Lesenden, die geschriebenen Zeichen und Zeichenverbindungen nicht nur lesen sondern diese auch „übersetzen“ zu können, also was sie bedeuten, verstehen zu können. Schreibende und Lesende müssen, wenn sie miteinander (verständlich) kommunizieren wollen, ein gleiches Verstehen dieser Zeichen und Zeichenverbindungen haben und dieses als Teil ihres Gedächtnisses besitzen. Es ist ein vergesellschaftetes Verstehen.

Der hier dargestellte Zusammenhang von Denken und Sprache ist nicht gleich dem von „Maschine“ und Sprache. Das zu unterscheiden ist unabdingbar, wenn mit „Maschine“ Denken nicht ersetzt werden soll, wenn „Maschine“ nicht als Teil der Gesellschaft verstanden werden soll.

Dasselbe Begriffene gleich Verstandenem mannigfach Konkreten?
Sowohl das zu Sehende als auch das zu Hörende gleich verstehen zu können, also auch in lesbarer Sprache ausdrücken zu müssen, ist also Folge eines vergesellschafteten Denkens. Dieses vergesellschaftete Denken bestimmt, aus welchen Zeichen Worte bestehen, mit denen etwas bezeichnet wird, mit welchen Worteverbindungen wie Denken, das Gedachte ausgesagt wird, mit welcher Sprech- und Schreibgewohnheit sich Sprachkultur als vergesellschaftetes Denken ausdrückt.

Mit welchem Wort etwas (als dessen Name) bezeichnet wird, was es bedeute, wie mit Worteverbindungen ausgesagt wird, ist übernommene (erlernte) Muttersprache, deren Denkkultur, Sprachkultur. Für den Übernehmenden (Lernenden) sind diese Worte wie Vokabeln, die er mit wiederholter Anwendung auch deshalb verstehen lernt, weil er damit auch verstanden wird. Hörende oder Lesende verstehen scheinbar dasselbe wie er.

Was mit Worten bezeichnet wird und was mit ihnen wie ausgesagt wird, verstehen sowohl Sprecher und Schreibende als auch Hörende und Lesende gleich. Denn damit, ob gesprochen oder geschrieben, kommt Denkendes, Gedachtes entsprechend Denkkultur, Sprachkultur herrschenden Verständnisses zum Ausdruck. Sie verstehen aber nicht deshalb damit auch stets dasselbe.

Hörende, Lesende verstehen also gleich, wenn sie mit ihrer muttersprachlichen Fähigkeit “übersetzen“, was hör-, lesbare Worte und was jede hör-, lesbare ihrer Verbindungen und Worteverbindungen als Aussage bedeuten. Doch das, was sie bedeuten, verstehen sie gleich nur von dem, was damit bezeichnet ist, was damit dazu ausgesagt wird. Denn das ist und das kann nur Abstraktes von dem sein, auch wenn es konkret bezeichnet ist, auch wenn konkret mit ihm ausgesagt wird. Es ist ein mit einem Wort bezeichnetes Merkmal mannigfach Konkretem.

Sowohl für Sprechende, Schreibende als auch Hörende, Lesende ist dieses Wort ein Begriff. Es ist aber dann nur scheinbar ein Begriff, wenn sie mit ihm nicht dasselbe verstehen, sondern etwas Konkretes, etwas von dem mannigfach Konkreten verstehen. Wenn also nicht von ihnen gleich begriffen wurde, dass mit ihm ein bestimmtes Merkmal mannigfach Konkretem bezeichnet, mit ihm dasselbe mannigfach Konkrete zu verstehen ist.

Erst wenn sowohl Sprecher und Schreibende als auch Hörende und Lesende dasselbe vom ausgedrückten Abstrakten begriffen haben, können sie dasselbe von ihm und Aussagen mit ihm verstehen. Nur mit einem Denken in Zusammenhängen, und zwar nur in einem bestimmten Zusammenhang, kann begriffen und kann dasselbe verstanden werden. Darin unterscheidet sich das gleiche Verstehen vom dasselbe Begreifen.

Wenn also mit einem hör-, lesbaren Wort dasselbe begriffen, mit ihm dasselbe Verstandene ausgedrückt wird, ist dieses Wort ein Begriff. Die übernommene (erlernte) Verwendung des Wortes als Begriff ermöglicht zwar, dass es gleich verstanden wird, aber nicht deshalb auch, dass mit ihm dasselbe begriffen ist. Denn das Übernommene (Erlernte) ist zwar verstanden, aber nicht deshalb auch begriffen. Auch „Maschinen“ verstehen, aber begreifen nicht.

Begriff ist also Bezeichnung für ein (dasselbe) begriffenes Merkmal mannigfach Konkretem, ein begriffenes Merkmal mannigfach zu verstehendes Konkretes. Es ist ein in einem bestimmten Zusammenhang (an-)erkanntes begriffenes Merkmal, das mit einem ausgedrückten Wort bezeichnet und als Begriff mit ihm dasselbe hör- oder lesbar verstanden wird.5

Das Hören, das Lesen eines Wortes als Begriff bedingt also, dass Sprecher, Schreiber wie Hörer und Leser mit diesem Wort etwas, dasselbe (ein Merkmal) von mannigfach Konkreten, begriffen haben, und es in einem bestimmten Zusammenhang für sie stets dasselbe bedeutet in mannigfach hörbarer und lesbarer ausgedrückter Sprache.

Ausgedrückt wird ein durch Abstraktion Begriffenes, das in einem bestimmten Zusammenhang als Merkmal (als Abstraktes) von mannigfach Konkreten bewusstgeworden ist. Es wird mit einem bestimmten Wort ausgedrückt und in bestimmten Aussagen als Begriff verstanden. Die Abstraktion ist bedingt und Quelle für das Verstehen von Zusammenhängen, also für das Begreifen eines Merkmals von mannigfach Konkreten in einem bestimmten Zusammenhang. Das Abstrahieren ist möglich und notwendig für das in Sprache ausdrückende Denken.

Begreifen bedingt also Denken in Zusammenhängen. Eine dieses Denken ausdrückende Sprache bedingt Begriffe. Sie erscheinen als Worte, Worteverbindungen in Aussagen.6 Sie sind dafür notwendig, aber nicht dann hinreichend für ein gleiches Verstehen, für dasselbe Begreifen von Worteverbindungen in Aussagen, wenn Begriffe darin nicht wahr sind (nichts Abstrahiertes ausdrücken) oder nicht zu gleichen Abstraktionsstufen (-ebenen) gehören und/ oder nicht in einer sprachlogischen Aussage verbunden sind.7

Zeichen und Begriffe
Werden Reihenfolgen (Abfolgen) von miteinander kausal und/ oder logisch verbundenen Ereignissen und Reaktionen als Algorithmen verstanden und bezeichnet, sind damit und dafür sowohl diese Ereignisse und Reaktionen als auch ihre algorithmischen Zusammenhänge eindeutig (definiert) bestimmt. Sie sind als deren eindeutige Merkmale definiert. Sie sind deren Abstrakte und werden in diesen Algorithmen als Begriffe verwendet. Sie können in ihrem algorithmischen Zusammenhang nicht beliebig verstanden werden.

Für digitalisierte Algorithmen sind sie in eindeutige Zeichen „übersetzt“, und sie werden dafür als eindeutige Zeichen und in eindeutigen Zeichenverbindungen und Zeichenreihenfolgen („Zeichenketten“) verwendet. Sie sind so „maschinenlesbar“ und werden als formale Sprache bezeichnet. Sprache ist Denken: mit formaler Sprache kommt aber kein Denken zum Ausdruck.

„Maschinen“ fungieren nach Gedachtem, also nach verstandenen kausal und/ oder logisch miteinander verbundenen und/ oder zu verbindenden Ereignissen und Reaktionen, von kausalen und/ oder logischen Zusammenhängen ihrer Merkmale, welche als Algorithmen dargestellt und (digital) programmiert sind.

Was „Maschinen“ von der „maschinenlesbaren“ formalen Sprache verstehen, ist durch die eindeutige Bestimmtheit der Zeichen, Zeichenverbindungen und Zeichenreihenfolgen definiert, ihr Verstehen davon ist also damit begrenzt. Begrenzt ist damit auch das Verstehen, was mit oder von „Maschinen“ in (menschlicher) Sprache zu hören oder zu lesen ist, was scheinbar Gedachtes mit oder von ihnen ausgesagt wird.

Zeichen, Zeichenverbindungen und Zeichenreihenfolgen digitalisierter Algorithmen sind nicht eineindeutig, Sie sind zwar „übersetztes“ Gedachtes, ermöglichen aber nicht deshalb auch eine eindeutige “Rückübersetzung“, selbst wenn damit Begriffe und Aussagen mit diesen (in diese) Zeichen, Zeichenverbindungen und Zeichenreihenfolgen „übersetzt“ worden sind.

Denn was „übersetzt“ ist, sind Worte und Aussagen mit diesen als Zeichen, Zeichenverbindungen und Zeichenreihenfolgen, „übersetzt“ in „maschinenlesbare“ Zeichen. Was sie bedeuten, erscheint nicht. Was mit ihnen begriffen wurde, kann aus diesen Zeichen, Zeichenverbindungen und Zeichenreihenfolgen nicht rückübersetzt werden.8

Mit „Maschinen“ ausgedrückte hör- oder lesbar (menschliche) Sprache, so menschlich sie auch erscheinen mag, ist eine ausgewählte von übernommener (menschlichen) Sprache, welche in Zeichen, Zeichenverbindungen und Zeichenreihenfolgen „übersetzt“, gespeichert ist. Mit Algorithmen (Software-Programm) wird das mit ihnen vom Gespeicherten Ausgewählte von einer „Maschine“ in menschlicher Sprache ausgedrückt.


Sprach-Algorithmen nach Begriffslogik, Aussagenlogik?
Mensch und „Maschine“ kommunizieren hör- und lesbar miteinander in menschlicher Sprache. Doch während der Mensch mit seiner Sprache sein Denken, sein Gedachtes, sein Verstandenes, sein Begriffenes ausdrückt, liest und hört er von der „Maschine“ (in menschlicher Sprache) ein mit Algorithmen produziertes Ergebnis: produziert mit und aus in der „Maschine“ gespeicherten Daten.

Das Auswählen von gespeicherten Daten menschlicher Sprache für und von Algorithmen zu ihrer Produktion erfolgt ebenfalls mittels eines Algorithmus, der im Software-Programm (der „Maschine“) definiert ist. Damit kommt Gedachtes des Programmierers zum Ausdruck, aber nicht Gedachtes der „Maschine“. „Maschine“ produziert nach und mit einem Algorithmus menschliche Sprache, mit der das vom Programmierer programmierte Gedachte ihres Produzierens mit einer durch Algorithmen produzierten Auswahl gespeicherten Daten ausgedrückt wird.

Mit diesen SprachproduktionsAlgorithmen ist ein Kommunizieren in menschlicher alltäglicher Umgangssprache zwischen Mensch und „Maschine“ möglich. Menschen verstehen und „Maschinen“ verstehen sie und sich damit hinreichend gleich. Eine solche Kommunikation unterscheidet sich nicht von einer zwischen Menschen, wenn deren Kommunikation nur zu ihrem umgangs-sprachkulturellen Verstehen des Gesprochenen, Geschriebenen beiträgt.

Ist ihr Verstehen durch das herrschende Verständnis geprägt, die Freiheit des beliebigen Verstehens, des beliebigen Sprechens und Schreibens zu besitzen, mit „Maschinen“ könnten trotzdem allgemein verständlich kommuniziert werden, sie ersetzten eine Auseinandersetzung mit dem Verstehen, sie ersetzten die Mühen des Denkens, dann hat das als Folge die Zerstörung der Fähigkeit des Denkens, der Sprache.

Werden Reihenfolgen (Abfolgen) von miteinander kausal und/ oder logisch verbundenen Ereignissen und Reaktionen als Algorithmen verstanden und bezeichnet, kann das auch für das Aussagen festgestellt werden (Sprach-Algorithmen). Doch das bedingt, dass mit Begriffen logisch ausgesagt ist, dass in ihnen Begriffslogik und Aussagenlogik verbunden sind. Ihre Logik kann aber nicht nur auf die mit in Zeichen, Zeichenverbindungen, Zeichenreihenfolgen „übersetzten“ Aussagen beschränkt werden.

Sollen mit „Maschinen“ mit Begriffen logische Aussagen produziert und ausgedrückt werden, muss also ein Sprachproduktions-Algorithmus als Folge programmierter Sprach-Algorithmen programmiert werden. Sprach-Algorithmen einer Sprache müssen (insbesondere) durch deren „Bau und Regeln“, deren Grammatik, bestimmt sein. Bedingungen dafür, dass „Maschinen“ mit Begriffen logische Aussagen produzieren und ausdrücken können, sind also programmierte Sprach-Algorithmen, mit denen Aussagen produziert werden, die denen entsprechen, welche nach grammatikalischen Regeln und mit logisch verwendeten Begriffen auszudrücken sind

Die Verwirklichung dieser Möglichkeit ist noch ein Problem. Es wird nicht durch algorithmische Handlungsanweisungen gelöst. Erste Voraussetzung, einen wissenschaftlichen Lösungsweg für dieses Problem zu finden, ist die Überwindung des herrschenden Verständnisses, Algorithmen seien Handlungsanweisungen zur Lösung von Problemen.

Nicht Algorithmen weisen Handlungen an. Nicht mit „Maschinen“, mittels digitalisierten Algorithmen sind weiterhin Denken-Sprechen, -Schreiben und Hören-, Lesen-Denken und damit das Verhalten der Menschen zu manipulieren, Denkkultur, Sprachkultur zu zerstören. Denn wenn selbst Journalisten und Politiker, deren Sprache doch wohl noch nach grammatikalischen Regeln ausgebildet worden sein sollte, diese selbst verleugnen mit Verbreitung zum Beispiel unlogischer Wortekonstrukte und unlogischen Aussagen, dann wird damit eine für die Menschheit unheilvolle Allianz von „Maschine“ und Mensch offenbart. Eine Folge dieser Allianz ist, dass die Heranwachsenden sie nicht begreifen (können) und dass sie nicht die Mühen des Denkens, des Sprechens und Schreibens nach Regeln auf sich nehmen, sondern Schreiben und Sprechen, Denken, durch „Maschinen“ erledigen lassen wollen.


Die Handlungsanweisung dieses (des) Problems der Menschheit ist in keinem Algorithmus zu finden oder darzustellen. Ihr Erkenntnis-Widerspruch ist zu überwinden!

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Fussnoten:
1 Das Verstehen der Denkschrift „Der Erkenntnis-Widerspruch“ ist revoltierendes Denken. Der nachstehende Artikel soll dazu beitragen
2 Der Sieg der Algorithmen – DER SPIEGEL 17 / 2014
3 die unterschiedlichen Worte „Verstehen“, „Begreifen“ bezeichnen Unterschiedliches
4 http://diskussion.erkenntniswiderspruch.de/index.php/2012/12/demokratie-und-sprache/
5 Die gängigen Bezeichnungen Begriffsinhalt, Begriffsumfang sind tautologisch .Ein Merkmal mannigfach Konkretem hat keinen Umfang und dessen Bezeichnung als Begriff ist nicht Inhalt.
6 Ob mit Sprache verstandene/ begriffene Wirklichkeit ausgedrückt wird, ob das Ausgedrückte wahr oder falsch ist, kann nicht an einem oder mit einem Begriff bestimmt werden. Auch mittels Logik nicht, mit der (nur) Begriffsverbindungen und Begriffsbeziehungen als wahr oder falsch bestimmt werden können.
7 s.a. „Gottlob Frege Begriffslogik oder ein Verstehen der Welt nach Sinn und Bedeutung?“: ein Kommentar zu G. Frege „Über Begriff und Gegenstand“ http://diskussion.erkenntniswiderspruch.de/index.php/2014/07/frege-uber-begriff-und-gegenstand/
8 „Gemäß Terminologie der geltenden Norm des internationalen Technologiestandards ISO/IEC 2382-1 für Informati-onstechnik (seit 1993) sind Daten – Data: “a reinterpretable representati-on of information in a formalized manner, suitable for communication, interpretation, or pro-cessing” – eine wieder interpretierbare Darstellung von Information in formalisierter Art, geeignet zur Kommunikation, Interpretation oder Verarbeitung.“ Weil auch hier nicht zwischen Data und Information unterschieden wird, beides wie Synonyme verwendet werden, bleibt allein eine mystische Erklä-rung der Norm, das “Rückübersetzte“ müsse in einem passenden Bedeutungskontext interpretiert werden.

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Gottlob Frege Begriffslogik
Logisches Begreifen oder ein Verstehen der Welt nach Sinn und Bedeutung?


„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Eine bekannte Aussage von Karl Marx aus dem Jahr 1845. Die Welt hat sich seit dem verändert und wird weiter verändert. Und auch die Philosophen interpretieren sie: weiterhin verschieden. Doch nicht nur sie dürfen die Welt verschieden interpretieren. Warum aber dann trotzdem immer wieder neu die Frage nach dem Wie des Veränderns der Welt?


Interpretiert wird diese Frage nach dem Wie nicht und auch nicht, was die Ursache dafür ist, dass sie immer wieder gestellt wird. Diejenigen, die öffentlich die Welt und ihr Verändern interpretieren, interpretieren dazu nicht ihren Anteil am Verändern und demzufolge auch nicht, dass sie deshalb mit verantwortlich für die Folgen des Veränderns sind. Mit ihren Interpretationen beurteilen sie zwar die Welt und wie diese verändert wurde und verändert werden sollte. Doch sie interpretieren mit ihrem Verständnis vom Sinn und von der Bedeutung der Welt und ihr Verändern. Dass das beliebig verstanden wurde und werden kann erkläre, dass sie deshalb nicht verantwortlich sind: für das Verändern und dessen Folgen.

Gegen diese Ideologie hat sich wohl Gottlob Frege aufgelehnt. Wenn aufgrund der Krisen und Kriege Wissenschaftler jetzt gegen diese Ideologie öffentlich zu einem neuen Denken auffordern10, ist das eine nachträgliche Anerkennung der von Gottlob Frege dazu veröffentlichten Gedanken.

Gottlob Frege1 erläuterte in seiner Schrift „Begriff und Gegenstand“2: „Als ich meine Grundlagen der Arithmetik schrieb, hatte ich den Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung noch nicht gemacht und daher unter dem Ausdrucke `beurteilbarer Inhalt` noch das zusammengefaßt, was ich jetzt mit den Wörtern `Gedanke` und `Wahrheitswert` unterscheidend bezeichne.“

Was ihn dazu bewegte, den Ausdruck „beurteilbarer Inhalt“ nicht mehr als ein zusammengefasstes Verstehen der Wörter „Sinn und Bedeutung“ gelten lassen zu wollen3, ist aus seinen weiteren Ausführungen zu „Begriff und Gegenstand“ zu erkennen. Denn Frege war ein ausgezeichneter Logiker.

Operationen mit Zahlen erfolgen nach Rechenregeln, logisch. Jeder ausgedrückte Gedanke, so auch zu diesen Operationen, ist eine Aussage, ist Sprache. Mit Sprache kommen diese Rechenregeln mit Worten und Wortverbindungen nach grammatikalische Regeln logisch zum Ausdruck4. In jeder logischen Aussage ist „Gedanke“ und „Gegenstand“ mit „Wahrheitswert“. Sprache ist Denken, ganz gleich wozu und in welcher Spracherscheinung, mit ihr wird Denken, Gedachtes ausgesagt.

Mit jeder Aussage wird zu einem „Gegenstand“ (Subjekt der Aussage) ausgesagt, mit dem Prädikat der Aussage, was das Subjekt bedeutet. Dabei erkannte wohl Frege, mit dem Prädikat wird in der Aussage zwar ausgedrückt, was das Subjekt der Aussage bedeutet. Doch mit dieser Aussage wird nicht alles zum „Gegenstand“ ausgesagt, kann nicht alles vom „Gegenstand“ ausgesagt werden. Das, was vom „Gegenstand“ ausgesagt wird, bezeichnet er als „Begriff“ vom „Gegenstand“: das diesem Begriffene.

Frege: „Wir können kurz sagen, indem wir `Prädikat` und `Subjekt` im sprachlichen Sinne verstehen: Begriff ist Bedeutung eines Prädikats, Gegenstand ist, was nie die ganze Bedeutung eines Prädikats, wohl aber die Bedeutung eines Subjekts sein kann. „Dabei ist zu beachten, dass die Wörter `alle`, `jeder`, `kein`, `einige` vor Begriffswörtern stehen“.

Seine Schlussfolgerung daraus erläutert er mit folgendem Beispiel: „Es ist unmöglich, in dem Satze `es gibt mindestens eine Quadratwurzel aus 4` die Worte `eine Quadratwurzel aus 4` zu ersetzen durch `den Begriff Quadratwurzel aus 4`; d.h. die Aussage, die auf den Begriff passt, passt nicht auf den Gegenstand. Obgleich unser Satz den Begriff nicht als Subjekt erscheinen lässt, sagt er doch etwas von ihm aus. Man kann es so auffassen, als werde das Fallen eines Begriffs unter einen höheren ausgedrückt. Aber hierdurch wird der Unterschied zwischen Gegenstand und Begriff keineswegs verwischt“.

Obwohl also in den beiden Aussagen ihr „Gegenstand“ „Quadratwurzel aus 4 gleich (identisch) ist, wird mit diesen Aussagen zu unterschiedlichen Subjekten ausgesagt:„Es gibt mindestens eine Quadratwurzel aus 4“ und „Es gibt mindestens den Begriff Quadratwurzel aus 4“.

In der ersten Aussage ist das Subjekt „eine Quadratwurzel aus 4“ ein Begriff, über den etwas ausgesagt wird. In der zweiten Aussage ist das Subjekt „ den Begriff Quadratwurzel aus 4“ ebenfalls ein Begriff, über den etwas ausgesagt wird.

In der ersten Aussage wird ausgedrückt das Begriffene:es gibt von einer Menge Quadratwurzeln „mindestens eine Quadratwurzel aus 4“ ; d.h. die Worteverbindung „Quadratwurzel aus 4“ ist in dieser Aussage als Begriff zu verstehen und zu verwenden. In der zweiten Aussage wird ausgedrückt das Begriffene:es gibt von einer Menge Begriffe „mindestens den Begriff Quadratwurzel aus 4“, d.h. die Worteverbindung „den Begriff Quadratwurzel aus 4“5 ist in dieser Aussage selbst wieder als Begriff zu verstehen und zu verwenden.


Oder mit der Erläuterung von Frege zum Verständnis des Wortes „Begriff“: „ . . . in dem Satze `es gibt mindestens eine Quadratwurzel aus 4` der Begriff seine prädikative Natur nicht verleugnet. Man kann sagen, `es gibt etwas, was die Eigenschaft hat, mit sich selbst multipliziert 4 zu ergeben`. Folglich kann das nie von einem Gegenstand ausgesagt werden, was hier von dem Begriffe ausgesagt wird; denn ein Eigenname kann nie Prädikatausdruck sein, wiewohl er Teil eines solchen sein kann. Ich will nicht sagen, es sei falsch, das von einem Gegenstand auszusagen, was hier von einem Begriffe ausgesagt wird, sondern ich will sagen, es sei unmöglich, es sei sinnlos.“

Prädikat drückt also aus, was das Subjekt in der Aussage bedeutet, was von ihm für diese Aussage als Begriffenes ausgedrückt wird, als verwendeter Begriff verstanden werden soll. Es ist das von einem „Gegenstand“, von dessen begriffenen Merkmal. Diese Unterscheidung ist kein Gedankenkonstrukt, sondern ausgesagtes Gedachtes begriffener Wirklichkeit.


Gottlob Frege hat mit seinen logisch ausgedrückten Gedanken folgende Erkenntnisse bestätigt:


Eine Eigenschaft (ein Merkmal) eines „Gegenstands“ erscheint nicht mit ihm. Dessen Merkmal kann nur mittels (denkender) Abstraktion seiner Erscheinung, woraus er besteht (welche Elemente und deren Relationen er hat), begriffen werden.

Die Aussage „es gibt den “Gegenstand“, ist sinnlos, weil mit ihr nur die verstandene Bezeichnung („Eigenname“) für dessen Erscheinung ausgedrückt wird. Die Verwendung des Wortes „Eigenname“ ist ideologisch begründet. Denn mit der Beantwortung der Frage nach dem, welches unterschiedliche Verstehen zu dem Wort „Name“ begründet besteht, ist feststellbar, dass die Bezeichnung (der Name) des „Gegenstands“ nicht von jemandem mit diesem „Gegenstand“ eng verknüpft worden ist oder der Name dem „Gegenstand“ zugehörig sei, ihm innewohnt, dessen Eigen sei. Es ist eine bestimmte Bezeichnung (Wort) einer Sprache, nicht aller Sprachen, also nicht dem „Gegenstand“ innewohnend, nicht dessen Besitz, sondern dessen als Name verstandene Bezeichnung einer Sprache.

Das Begreifen eines „Gegenstandes“ im Ergebnis (denkender) Abstraktion ist mannigfach und das Wort, mit dem das mittels Abstraktion festgestellte Merkmal (das Abstrakte) des „Gegenstands“ bezeichnet wird, ist auch bereits ein Begriff (Begriffenes). Ein mit einem Namen bezeichneter „Gegenstand“ kann also niemals in einer Aussage Prädikatausdruck sein, also ausdrücken, was in dieser Aussage das Subjekt bedeutet.

Man kann es so auffassen, sagt Frege, dass durch Abstraktion vom Konkreten des „Gegenstands“, eins von dessen Merkmalen begriffen wird, das also vom Konkreten dessen Abstraktes ist. Deshalb ist des Merkmals Wortbezeichnung als Begriff zu verstehen und zu bezeichnen. Wird nun weiter von diesem Abstrakten abstrahiert, fällt das bisher Abstrakte unter das neue: das bisherige Abstrakte ist für das neue (höher abstrahierte) das Konkrete.

In der ersten Aussage von Frege wird zum verstandenen allgemeinen möglichen Zusammenhang von Zahlen und deren Quadratwurzeln ausgesagt, dass es mindestens den als „Quadratwurzel aus 4“ bezeichneten Zusammenhang gibt. Dagegen in der zweiten Aussage von Frege wird zur verstandenen Menge von Begriffen zu mathematischen Zusammenhängen ausgesagt, dass es unter diesen mindestens „den Begriff Quadratwurzel aus 4“ gibt. Hierunter fällt in der zweiten Aussage also der Begriff aus der ersten Aussage. In dieser Aussage wird mit dem Prädikatausdruck ausgesagt, was das als Begriff zu verstehende Subjekt bedeutet. Dabei kann in einer Aussage der Prädikatausdruck selbst als Begriff zu verstehen und zu verwenden sein.


„Begriff und Gegenstand“ sind zu unterscheiden, um zu verstehen, dass eine Aussage zur Existenz eines „Gegenstandes“ sinnlos ist, dass Aussagen mit Begriffen unterschiedlicher Abstraktionsstufen logisch falsch, beliebig zu verstehen sind. Dieses unterscheidende Verstehen ist deshalb auch Voraussetzung jeglicher Aussagenlogik.

„In der Aussagenlogik schreiten wir beispielsweise im Bewegungsgang von einem aussagenlogischen Ausdruck zu einem anderen aussagenlogischen Ausdruck fort, von diesem wieder zu einem dritten, vierten, fünften usw. Identisch festgehalten werden muss der Wahrheitswert des Ausdrucks, von dem wir ausgehen. Bei keiner dieser Umformungen darf ein wahrer Ausdruck sich in einen falschen verwandeln und umgekehrt. Neben dieser Identität herrscht die Verschiedenheit.6. “


Dieses Verständnis bedingt allerdings, auch Verstehen und Begreifen zu unterscheiden7, dass diese Worte nicht als ihre Synonyme zu verwenden sind. In einer Aussage mit diesen beiden Worten kann das Wort Begreifen auch als Begriff verstanden und verwendet werden. Zum Beispiel: „Es gibt mindestens ein Begreifen vom Verstandenen“.

Und weiter bedingt dieses Verständnis, Sprache (das Denken) als historisch entwickelt, als Sprachkultur (Denkkultur) zu verstehen/ zu begreifen: Begriffe sind im jeweiligen historischen Zeitraum herrschendes Verständnis. Mit ihnen wird ideologisch das Begreifen begründet; mit ihnen wird ideologisch geprägtes Begriffenes ausgesagt. Mit ihnen, mit den als Begriffe bezeichneten Worten, wird beliebiges Verstehen des „Gegenstands“ gelehrt und ermöglicht. Es sind scheinbare Begriffe.


Wie das zu Sehende oder zu Hörende oder zu Empfindende bezeichnet wird, mit welchem Wort es (als sein Name) genannt wird, ist übernommene (erlernte) Muttersprache. Mit dem jeweiligen Namen ist aber nicht alles vom zu sehenden oder zu hörenden oder zu empfindenden Konkretem beschrieben (erfasst). Der jeweilige Name ist also (zunächst) nur übernommene Bezeichnung (Vokabel) für übernommenes Verstehen des zu sehenden oder zu hörenden oder zu empfindenden Konkreten.

Mit dem jeweiligen als Name bezeichneten Wort wird also dieses in einer Aussage als Begriff verwendet, das jeweilige Verstandene/ Begriffene vom jeweiligen Konkreten ausgedrückt. Das als Name verstandene Wort wird als Begriff bezeichnet. Mit jedem Wahrnehmen, Erkennen, Denken, Bewusstwerden8von Konkretem wird stets von diesem (etwas) „abgezogen“9.Das wird deshalb als Abstraktion des Konkreten bezeichnet. Das daraus mit einem Wort bezeichnete ausgedrückte (bewusstgewordene) Begriffene kann deshalb ebenfalls als Begriff bezeichnet werden.

Das mit einem Wort ausgedrückte Verstandene/ Begriffene, ob aus übernommener Muttersprache oder durch Abstraktion, ist Relatives zum Konkreten und zu dessen Wahrnehmung, Erkennung, zu dessen Denken und Bewusstwerden. Die Abstraktion ist bedingt und Quelle für das Verstehen/ Begreifen. Das Abstrahieren ist möglich und notwendig für in Sprache ausdrückendes Denken. Sprache bedingt Begriffe. Sie erscheinen als Worte, Worteverbindungen, als Aussagen.

Ob mit Sprache verstandene/ begriffene Wirklichkeit ausgedrückt wird, ob das Ausgedrückte logisch wahr oder falsch ist, kann nicht an einem oder mit einem Begriff bestimmt werden. Auch mittels Logik nicht. Mittels Aussagenlogik können Begriffsverbindungen und Begriffsbeziehungen von Aussagen als logisch wahr oder als logisch falsch bestimmt werden.

Die historische Entwicklung der Sprache von einer hörbaren zu einer lesbaren Sprache (Sprache lesbar ausgedrückt), um zu lesen, was hörbar gesprochen wurde, erforderte Zeichen (Gezeichnetes) für in zeitlicher Folge verbunden gehörten Laute. Einem bestimmten Laut wurde ein bestimmtes Zeichen zugeordnet und bestimmte Zeichenverbindungen für eine jeweilige Art und Weise der hörbaren Lautreihenfolge und Lautverbindungen. Gegenüber den hörbaren ausgedrückten Lauten, Lautreihenfolgen und Lautverbindungen sind die dazu bestimmten lesbaren Zeichen, Zeichenreihenfolgen und Zeichenverbindungen eindeutig.

Damit kann aber vom Lesenden das vom Schreibenden Verstandene, in dessen mit seinen Zeichen, Zeichenreihenfolgen und Zeichenverbindungen lesbar Ausgedrückte, nicht eindeutig verstanden werden. Das Verstehen des lesbar Ausgedrückten ist begrenzt durch die eindeutige Bestimmtheit der Zeichen, Zeichenreihenfolgen und Zeichenver-bindungen in den Erscheinungen von Worten, Wortverbindungen und Aussagensätzen. Das Verstehen der lesbaren Sprache ist dadurch begrenzt. Zwar wird jedes Wort (einer Sprache), jede Wortverbindung und jeder Aussagesatz mit diesen verstanden. Aber es wird nicht deshalb mit ihnen verstanden, welches damit vom Schreibenden Begriffene ausgedrückt wird, ob die Aussagen seiner Aussagensätze logisch sind. Doch selbst wenn diese Aussagen des Schreibenden logisch sind, werden sie nicht deshalb vom Lesenden begriffen. Die in den Aussagen des Schreibenden als Begriffe verwendeten Worte, Wortverbindungen und Aussagensätzen muss der Leser nicht nur verstehen sondern auch begreifen, also welches begriffene Merkmal damit zum Ausdruck kommt.

Das Denken ist auf Dauer nicht zu begrenzen. Der Mensch kann und wird nicht auf Dauer nur mit aus Muttersprache übernommenen Verstehen der Worte, Wortverbindungen und Aussagensätze und mit deren ideologisch geprägten Begreifen denken, denkend sprechen. Er muss den damit zum Ausdruck kommenden Erkenntnis-Widerspruch überwinden. Er hat dazu die Fähigkeit. Gottlob Frege erinnert ihn mit seiner Schrift „Über Begriff und Gegenstand“ auch an die Fähigkeit, die Frage nach dem Wie die Welt zu verändern ist, beantworten zu können.

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Fussnoten:

1Friedrich Ludwig Gottlob Frege (1848-1925)

2Rolf Günter Renner: Klassiker deutschen Denkens, Band 2: Vom 19.Jahrhundert bis zur Gegenwart. Freiburg i. Br., Basel, Wien 1992 S. 194-198

3Nichts hat weder einen Sinn noch eine Bedeutung „an sich“. In einem Verständnis, Worte hätten Sinn oder Bedeutung „an sich,“ könnte mit Worten nicht logisch ausgesagt werden.

4„Quadratwurzel aus 4″=√(2&4), „Gegenstand“ ist von Frege offensichtlich nicht nur als ein Körper verstanden worden. Er hat mit diesem Wort Begriffenes bezeichnet, dieses Wort in seinen Aussagen als Begriff verwendet: Es gibt vom Sein das als Wirklichkeit Verstandene.

5√(4)=f(√(a^n ))

6Georg Klaus Rationalität – Integration – Information. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften • Berlin 1974

7s.a. Peter Blickensdörfer Der Erkenntnis-Widerspruch Kapitel 5 Sein – Wirklichkeit und Ideologie Wagner Verlag • Gelnhausen 2010

8ebenda

9Auswahl und Verknüpfungsleistung des Wahrnehmens, Erkennens und Verstehens von Daten; und nicht deren Menge, bestimmen, welche davon bewusst werden, als Informationen verstanden und begriffen werden (können). Letzteres ist also, und nur das, auch als Informationstechnologie zu verstehen.

10zum Beispiel Hans Ulrich Gumbrecht Geisteswissenschaften Das Denken muss nun auch den Daten folgen – FAZ-Online 12.03.2014

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Demokratie und Sprache

– eine ergänzende Bemerkung zum Artikel Demokratie und Auflösung von „Kleinstaaterei“ (s. Erkenntnis-Kritik)

Die Widersprüchlichkeit des herrschenden Verständnisses von Demokratie (als oberstes Gebot) konnte und wollte wohl auch nicht das BVerfG ausräumen. Es erkannte zwar die Bedeutung der Sprache, also das mit ihr „verbundene“ Denken und Verstehen:
Demokratie, soll sie nicht lediglich formales Zurechnungsprinzip bleiben, ist vom Vorhandensein bestimmter vorrechtlicher Voraussetzungen abhängig, wie einer ständigen freien Auseinandersetzung zwischen sich begegnenden sozialen Kräften, Interessen und Ideen, in der sich auch politische Ziele klären und wandeln (vgl. BVerfGE 5, 85 [135, 198, 205]; 69, 315 [344 ff.]) und aus der heraus eine öffentliche Meinung den politischen Willen verformt. Dazu gehört auch, daß die Entscheidungsverfahren der Hoheitsgewalt ausübenden Organe und die jeweils verfolgten politischen Zielvorstellungen allgemein sichtbar und verstehbar sind, und ebenso, daß der wahlberechtigte Bürger mit der Hoheitsgewalt, der er unterworfen ist, in seiner Sprache kommunizieren kann.1

 

Aber weder ist dabei die das Verstehen beherrschende Ideologie noch die damit begründete Freiheit, beliebig verstehen zu dürfen, berücksichtigt. In seiner Sprache kommunizieren, gewährleistet nicht, dass er versteht, dass er verstanden wird. Das BVerfG sieht deshalb Probleme des Kommunizierens nur in der Sprachvielfalt begründet, die es als Sprachprobleme bezeichnet.

 

Doch die Sprachprobleme ergeben sich nicht nur aus dem unterschiedlichen Language Code, der unterschiedlichen Semiotik, sondern vor allem aus der damit zum Ausdruck kommenden unterschiedlichen Kultur des Denkens. Und die Kultur des Denkens ist geprägt vom herrschenden Verständnis und kommt zum Ausdruck als herrschendes Verständnis.

 

Veröffentlichte Auseinandersetzungen mit diesem Verständnis sind Folge der Erkenntnis vom Widerspruch des herrschenden Verständnisses (und nicht nur dessen zu „Demokratie“) zur feststellbaren Wirklichkeit. Doch diese Auseinandersetzungen schmälern ihre Überzeugungskraft dann dadurch, „verheddern sich in ihrer eigenen Argumentation“, wenn sie zwar kritisch ein beliebiges Verstehen von „Demokratie“ feststellen, aber trotzdem dieses Wort als Begriff in Aussagen verwenden. Es ist die Macht des herrschenden Verständnisses, welches zwar Worte als Begriffe verwendet, doch gleichzeitig ihr beliebiges Verstehen ermöglicht: Jeder kann sie, wie er sie versteht als Begriffe verwenden. Das ist das Sprachproblem.

Die Freiheit des Einzelnen, sich aus europäischen Quellen zu informieren und auf die Öffentlichkeit in den Mitgliedstaaten und damit auf den europäischen Kommunikationsprozeß Einfluß zu nehmen, wird durch das Vertragswerk nicht berührt; die hierbei auftretenden Sprachprobleme sind in der Sprachenvielfalt innerhalb der Europäischen Union angelegt und schon deshalb kein selbständig zu bewertendes Hindernis in der Ausübung dieses Grundrechts.2

Das herrschende Verständnis von Demokratie kann also dabei und die für das Verstehen auftretenden Sprachprobleme nur damit erklären, dass diese Sprachprobleme kein selbständig zu bewertendes Hindernis seien. In welchem Zusammenhang es (für Demokratie) ein Hindernis ist, dass lässt auch das BVerfG unbeantwortet.

Sprachen haben sich historisch entwickelt und entwickeln sich weiter. “Sich“, weil es das Denken ist, weil es die Kultur des Denkens ist. Kultur des Denkens bestimmt das Verstehen, was das Leben, das Zusammenleben beeinflusst, welche Mittel und Bedingungen für das Leben, für das Zusammenleben wichtig sind.

Die Kultur des Denkens ist stets historisches Ergebnis der Art und Weise des Erlangens und Sicherns der (als wichtig verstandenen) Mittel und Bedingungen des Lebens, des Zusammenlebens. Verfügungsmacht über diese Mittel und Bedingungen ist auch Macht über das Verstehen. Sie bestimmt das Verstehen beherrschende Verständnis; die Denkkultur, die Sprachkultur.

Für „Profiteure“ ist Sprache „ökonomisch“, darf Sprache, dürfen Sprachen Profit nicht verhindern. Konzentration von Verfügungsmacht über viel Geld, „konzentriert“ das Denken darauf, also die Sprache und damit Sprachen, die Kulturen des Denkens.3
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1 BVerfGE 89, 155 – Maastricht

2 ebenda

3 Kommentar (Peter Blickensdörfer) zu „27 Sprachen sind einfach unökonomisch“ im Artikel von Eugen Ruge: Erfahrungsbericht eines Schriftstellers – Wer steckt denn wirklich in der Krise? In der Not Europas sind wir alle gleich – bis auf die Profiteure. Erfahrungen eines Schriftstellers mit dem Zwang, alles dem Primat der Ökonomie unterzuordnen. (FAZ 18.12.2012)

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„ESM“ und „Schuldenbremse“ – Auflösung von „Kleinstaaterei“(?)

Das Worte-Ungetüm Europäischer Stabilitätsmechanismus („ESM“) soll beeindrucken und beliebig verstanden werden. Vor allem aber suggeriert es eine mechanisch zu erreichende Stabilität, einen Mechanismus, von dem zu bemerken sei, dass er sich von nichteuropäischen unterscheide.

Nur einmal und nebenbei wird in einem Vertrag dazu erklärt, dass dieses Worte-Ungetüm der Name für eine „internationale Finanzinstitution“ ist. Es ist der in der Fassung vom 2.Februar 2012 vorbereitete „Vertrag zur Einrichtung des Europäischen Stabilitätsmechanismus“ („ESM-Vertrag“). In ihm geht es um die Übertragung von Verfügungsmacht über Aber-Milliarden Euro.

 
„Durch diesen (ESM) Vertrag richt(et)en die Vertragsparteien untereinander eine „internationale Finanzinstitution“ ein, die den Namen „Europäischer Stabilitätsmechanismus“ („ESM“) trägt. Die Vertragsparteien, welche die Mitgliedstaaten des Euro-Währungsgebiets sind, müssten sie errichten, um damit die Stabilität des Euro-Währungsgebiets insgesamt zu wahren.

Dass Staaten miteinander Verträge abschließen, dafür brauchte es keine rechtliche Begründung. Ebenso wenig für die Feststellung des Europäischen Rats vom 17. Dezember 2010, dass die Mitgliedstaaten des Euro-Währungsgebiets einen ständigen Stabilitätsmechanismus einrichten müss(t)en“. Mit dieser Feststellung soll aber suggeriert werden, dass die Übertragung der Verfügungsmacht von Staaten auf diese „internationale Finanzinstitution“ mit diesem ESM-Vertrag rechtlich begründet wäre.

Aber diese Übertragung muss und kann nur durch Parlamentsbeschlüsse von Mitgliedstaaten des Euro-Währungsgebiets rechtlich begründet werden, die diesen/diesem Vertrag schließen/beitreten wollen. Es sind Beschlüsse durch Parlamente oder als Ergebnis einer „Volksbefragung“ zu Verfassungsänderungen des jeweiligen Staates. Das Bundesverfassungsgericht („BVG“) hat in seinen Urteilen vom 30. Juni 2009 und 7. September 2011 dazu die grundsätzlichen Grenzen und Modalitäten für Deutschland bestimmt.            

Die Notwendigkeit, diese Urteile des Bundesverfassungsgerichts bei dieser vorgesehenen Übertragung von Verfügungsmacht zu berücksichtigen, ergibt sich bereits daraus, dass dieser „internationale Finanzinstitution“ zwar „volle Rechtspersönlichkeit“, „uneingeschränkte Rechts- und Geschäftsfähigkeit“ zuerkannt werden soll sowie, dass deren Tätigkeit als eine „amtlich(e)“ zu verstehen sei, aber andererseits diese als „volle Rechtspersönlichkeit“ zuerkannte „internationale Finanzinstitution“ „von Beschränkungen, Verwaltungsvorschriften, Kontrollen und Moratorien jeder Art“, von jeglicher Zulassungs- und Lizenzierungspflicht“ sowie von allen Steuern befreit werde.           

Es fehlt also bisher nicht nur an einer rechtlichen Grundlage für die vorgesehene Errichtung dieser „internationalen Finanzinstitution“. Und auch die im ESM-Vertrag genannten Bedingungen für deren Tätigkeit sind weder schon erfüllt noch gewähren diese und andere bestimmte ESM-Vertragsbestimmungen Rechtssicherheit. Rechtsunsicherheit besteht aber bereits darin, dass dieser ESM-Vertrag jetzt geschlossen werden soll, aber erst dann „aktiviert“ werde, „wenn es unabdingbar sei, die Stabilität des Euro-Währungsgebiets insgesamt zu wahren“.                    

Doch wiederum soll die „Gewährung von Finanzhilfe im Rahmen neuer Programme durch den ESM ab dem 1. März 2013 (ab Juli 2012) von der Ratifizierung des VSKS durch das betreffende ESM-Mitglied“ abhängig sein. Im ESM-Vertrag ist bestimmt: „Die Vertragsparteien sind die ESM-Mitglieder“; aber den „Vertrag über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion“ („VSKS“) gibt es noch nicht.          

Rechtsunsicherheit besteht auch darin, wer auf welcher Grundlage „unabdingbar“ bestimmt oder entscheiden soll. „Unabdingbar“ unabhängig davon, dass mit dem (noch nicht vereinbarten) VSKS eine verstärkte wirtschaftspolitische Koordinierung umgesetzt werden soll, und zwar als Teil der „wirtschaftspolitische(n) Steuerung der Europäischen Union“? Denn die verstärkte wirtschaftspolitische Koordinierung „sollte die erste Verteidigungslinie gegen Vertrauenskrisen bleiben, die die Stabilität des Euro-Währungsgebietes beeinträchtigen“. Diese Verteidigungslinie bestünde also demnach – noch. Mehr Glaube als Gewissheit!

Wohl deshalb soll dieser „internationalen Finanzinstitution“ (ESM) das Recht eingeräumt werden, selbst zu entscheiden, wann es „unabdingbar“ ist, „Stabilitätshilfe (zu) gewähren, um damit die „Finanzstabilität des Euro-Währungsgebiets insgesamt und seiner Mitgliedstaaten“ wahren zu können. „Unabdingbar“, „Stabilitätshilfe (zu) gewähren“, sei es dann, wenn „angesichts der starken Interpendenzen innerhalb des Euro-Währungsgebiets . . . ernsthafte Risiken für die Finanzstabilität der Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist, die Finanzstabilität des gesamten Euro-Währungsgebiets gefährden“ können.                                    

Bereits jetzt, und trotz bestehender Verteidigungslinie und bevor dieser ESM-Vertrag über die Übertragung von Verfügungsmacht geschlossen worden ist, stellen Interessenvertreter nicht nur „unabdingbar“ fest, sondern fordern – u.a. auch EU-Währungskommissar Olli Rehn – eine weitaus größere Verfügungsmacht an diese „internationale Finanzinstitution“ zu übertragen, als im vorbereiteten ESM-Vertrag vorgesehen. Versteckt ist diese Forderung allerdings in jener, „den permanenten Rettungsschirm ESM aufzustocken“, „eine 2 Billionen Brandmauer zu errichten“.            

Zwar stellt das Bundesverfassungsgericht klar, „dass der Bundestag seine Budgetverantwortung nicht durch unbestimmte haushaltspolitische Ermächtigungen auf andere Akteure übertragen darf. Und es dürfen keine dauerhaften Mechanismen begründet werden, die auf eine Haftungsübernahme für Willensentscheidungen anderer Staaten hinauslaufen.“ Aber seine Bestimmung, dass solche „haushaltspolitischen Ermächtigungen“ dann unbestimmt seien, wenn „sich der Haushaltsgesetzgeber durch die Höhe der Haftungszusagen . . . offensichtlich dauerhaft seiner Handlungsfähigkeit“ begibt, lässt dadurch nicht nur „offensichtlich“ sondern eben auch „unabdingbar“ unbestimmt, also einem von Interessen bestimmten Verständnis überlassen.                       

Es sind die Interessen derjenigen, welche selbst fordern oder mit ihrer Macht beauftragen zu fordern, „Rettungsschirm ESM“ aufzustocken, „Brandmauer“ zu errichten. Und auch das Bundesverfassungsgericht kann dieser Macht Recht nicht entgegenstellen. Denn das Verständnis von „der nationalen Haushaltautonomie als einer wesentlichen, nicht entäußerbaren Kompetenz der unmittelbar demokratisch legitimierten Parlamente der Mitgliedstaaten“ ist auch nicht dem Widerstreit unterschiedlicher Interessen verwehrt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist auch die „Schuldenbremse“.        

„Das Bundesverfassungsgericht kann sich bei der Feststellung einer verbotenen Entäußerung der Haushaltsautonomie nicht mit eigener Sachkompetenz an die Stelle des Gesetzgebers setzen. Es hat seine Prüfung hinsichtlich des Umfangs der Gewährleistungsübernahme auf evidente Überschreitungen äußerster Grenzen zu beschränken“ (Bundesverfassungsgericht – Pressestelle – Pressemitteilung Nr. 55/2011 vom 7. September 2011). Doch weder sind die äußersten Grenzen bestimmt noch mit dem Attribut „evident“ erklärt und begründet, wann sie als überschritten zu verstehen sind. Womit das Bundesverfassungsgericht geprüft und worauf es seine Prüfung beschränkt hat, ist deshalb auch nicht begründet                                        

Das soll wohl eher begründen, und zwar als einen verfassungsgemäßen Grundsatz, dass vorher nicht festgestellte Fehler, als nicht feststellbare Fehler gelten und damit, dass solche, später als Fehler erkannte, nicht gegen das Grundgesetzen verstießen. Also demokratische gefasste Beschlüsse, in deren Folge später eine „Entäußerung der Haushaltsautonomie“ festgestellt wird, werden kann, können nicht als ein Verstoß gegen das Grundgesetz beurteilt werden? Demokratisch und dem Grundgesetz entsprechend sei also in jedem Fall das, was der Bundestag beschließt, auch wenn infolge dadurch das (künftige) Budgetrecht durch evidente Überschreitungen äußerster Grenzen entleert wird?   

Es sind also nicht nur die „Versuche, Recht und Regeln im Hinterzimmer oder unter Hinweis auf konkrete Nöte zu umgehen“, sondern ebenso diese Unbestimmtheiten, die einem beliebigen Verstehen überlassenen Bestimmungen des Grundgesetzes, mit denen diese Versuche entsprechend den Macht-Interessen nicht nur begründet werden, sondern mit deren Durchsetzung diese auch ungeahnte Langzeitwirkungen entfalten.                                     

Das Bundesverfassungsgericht hat zwar in seinem Urteil vom 9. Juli 2007den Gesetzgeber aufgefordert, die Staatsverschuldung wirksam zu begrenzen, die Schuldenfinanzierung des Bundes restriktiver zu regeln und zugleich justiziabel zu fassen. Diese Urteile machten aber die Urteile des Bundesverfassungsgerichts vom30. Juni 2009 und 7. September 2011 nicht überflüssig. Und deshalb auch nicht Urteile zu ESM und zur „Schuldenbremse“.                           

Das Bundesverfassungsgericht hat zu diesen seinen Urteilen wohl weder geprüft noch mit ihnen etwas ausgesagt, ob mit den vom Deutschen Bundestag am 29. Mai 2009 in die Wege geleiteten Verfassungsänderungen zur Begrenzung der Staatsverschuldung Deutschlands, die Staatsverschuldung wirksam begrenzt wird (werden kann), die Schuldenfinanzierung des Bundes „restriktiv und zugleich justiziabel gefasst“ wurde, ob mit diesen Verfassungsänderungen über die grundlegenden Bestandteile der Verfassung, also über die Verfassungsidentität“ verfügt wurde und wird, also ob dadurch nicht ungeahnte Langzeitwirkungen entfaltet werden, die das Grundgesetzt verbietet.        

Die Überprüfung der „Verfassungsidentität“ bei Übertragungen von Verfügungsmacht kann deshalb nicht nur darauf beschränkt werden, ob das (künftige) Budgetrecht durch evidente Überschreitungen äußerster Grenzen entleert wird und ob „für eine Abgabe weiterer Kernkompetenzen an die Europäische Union“ noch „viel Spielraum“ für die Wahrung des Budgetrechts bestünde. In diese Überprüfung war und ist also einzuschließen, zum Beispiel die Langzeitwirkung, dass der „Gouverneursrat“ des ESM (der „internationalen Finanzinstitution“) beschließen kann, den von den Mitgliedsländern einzuzahlenden Betrag „Stammkapital“ zu erhöhen und noch nicht ausgezahlte Mittel des EFSF (aber nicht dessen Verbindlichkeiten und dubiosen Forderungen) zu übernehmen.       

Die Überprüfung der „Verfassungsidentität“ muss sich deshalb und zu den bereits vorgenommenen Änderungen zum Grundgesetz, insbesondere im Zusammenhang mit der „Schuldenbremse“, jetzt darauf richten, ob mit diesen Änderungen und ESM-Vertrag nicht bereits, und nicht nur in Langzeitwirkung, eine neue „Verfassung“ ohne Volksentscheid entstanden ist/ entsteht, mit der dann keine evidente Überschreitungen äußerster Grenzen mehr festgestellt werden kann, sondern eine Auflösung des jetzt bestehenden Staates, die deshalb dann als „grundgesetzgemäß“ erklärt werden könnte.                                            

Es sind die Widersprüche, die mit den Änderungen zum Grundgesetz im Grundgesetz entstanden sind. Und es sind die Unbestimmtheiten dieser Änderungen, die es Macht-Interessen ermöglichen, „Verfassungsidentität“ in ihrem Sinne zu interpretieren. Im Folgenden wird auf einige Widersprüche und Unbestimmtheiten hingewiesen.                               

Nach Artikel 104b Grundgesetz kann der Bund „den Ländern Finanzhilfen für besonders bedeutsame Investitionen der Länder und der Gemeinden (Gemeindeverbände) gewähren, die 1. zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts oder 2. zum Ausgleich unterschiedlicher Wirtschaftskraft im Bundesgebiet oder 3. zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums erforderlich sind.“ Und nach Artikel 107 „ist sicherzustellen, daß die unterschiedliche Finanzkraft der Länder angemessen ausgeglichen wird; hierbei sind die Finanzkraft und der Finanzbedarf der Gemeinden (Gemeindeverbände) zu berücksichtigen.

Angemessen und gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht sind unbestimmt und die Bestimmungen zu Finanzhilfen („Finanzausgleich“) zum Ausgleich unterschiedlicher Wirtschaftskraft.Finanzkraft und unterschiedlichem wirtschaftlichen Wachstum widersprechen der Bestimmung des Artikels 9 Grundgesetz, dass Bund und Länder . . . in ihrer Haushaltswirtschaft selbständig und voneinander unabhängig“ seien, obwohl die Länder von diesen Finanzhilfen des Bundes abhängig sind.

Noch deutlicher kommt dieser Widerspruch im neuen Artikel 109a des Grundgesetzes zum Ausdruck: „Zur Vermeidung von Haushaltsnotlagen regelt ein Bundesgesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, 1. die fortlaufende Überwachung der Haushaltswirtschaft von Bund und Ländern durch ein gemeinsames Gremium (Stabilitätsrat), 2. die Voraussetzungen und das Verfahren zur Feststellung einer drohenden Haushaltsnotlage, 3. die Grundsätze zur Aufstellung und Durchführung von Sanierungsprogrammen zur Vermeidung von Haushaltsnotlagen.                   

Unbestimmt ist nicht nur drohende Haushaltsnotlage, sondern auch, dass Artikel 109 Grundgesetz einerseits bestimmt, dass die Haushalte von Bund und Ländern zwar „grundsätzlich ohne Einnahmen aus Krediten auszugleichen“ sind, aber auch, dass sie „Regelungen zur im Auf-und Abschwung symmetrischen Berücksichtigung der Auswirkungen einer von der Normallage abweichenden konjunkturellen Entwicklung“ vorsehen können. Andererseits bestimmt dieser Artikel 109 im gleichen Absatz 3, dass die Länder „im Rahmen ihrer verfassungsrechtlichen Kompetenzen“ diese Regelungen für die „nähere Ausgestaltung“ ihrer Haushalte zwar vorsehen können, aber nur „mit der Maßgabe, dass ihre Haushalte grundsätzlich ohne Einnahmen aus Krediten auszugleichen sind.

Dieser Maßgabe werde aber „nur dann entsprochen . . ., wenn keine Einnahmen aus Krediten zugelassen werden.“Noch deutlicher kommt diese Widersprüchlichkeit mit Unbestimmtheiten im neuen Artikel 143b Grundgesetz zum Ausdruck. „Die Haushalte der Länder sind so aufzustellen, dass im Haushaltsjahr 2020 die Vorgabe aus Artikel 109 Absatz 3 Satz 5 erfüllt wird.Als Hilfe zur Einhaltung der Vorgaben des Artikels 109 Absatz 3 können den Ländern Konsolidierungshilfen aus dem Haushalt des Bundes gewährt werden. Unbestimmt ist hier Konsolidierungshilfe und deren Unterschied zu Finanzhilfen und „Sanierungshilfen auf Grund einer extremen Haushaltsnotlage.“                   

„Die Gewährung der Hilfen setzt einen vollständigen Abbau der Finanzierungsdefizite bis zum Jahresende 2020 voraus. Das Nähere, insbesondere die jährlichen Abbauschritte der Finanzierungsdefizite, die Überwachung des Abbaus der Finanzierungsdefizite durch den Stabilitätsrat sowie die Konsequenzen im Falle der Nichteinhaltung der Abbauschritte, wird durch Bundesgesetz mit Zustimmung des Bundesrates und durch Verwaltungsvereinbarung geregelt.“                

Mit diesen Änderungen zum Grundgesetz wurde und wird dessen „Verfassungsidentität“ gebrochen. Es entsteht dadurch, und nicht durch Volksentscheid, eine Verfassung als Rechtsgrundlage zur Übertragung von Verfügungsmacht, zur Auflösung von „Kleinstaaterei“. Eine Rechtsgrundlage für die Übertragung von Verfügungsmacht auf die „internationale Finanzinstitution“ ESM und auf einen „Stabilitätsrat“ zur Schuldenbremse („Fiskalpakt“), der mit Mitteln dieser Macht als Deutscher Stabilitätsmechanismus DSM wohl verstanden werden soll.                        

Die dadurch entstehenden und bereits entstanden Abhängigkeiten von Staaten von dieser übertragenen Verfügungsmacht reduzieren Staaten auf Institutionen zur Verwaltung von Machtinteressen. Es sind die Interessen derjenigen, die alle Beschränkungen und Gesetze, welche die Verwertung ihres Kapitals behindern, überwinden/ durch neue ersetzen (müssen). Die für eine Schuldenbremse („Fiskalpakt“) beschlossenen Änderungen des Grundgesetzes („Schuldenregel“) bremsen nicht nur scheinbar die Verschuldung, sondern verpflichten zur Übertragung von Verfügungsmacht.

„Als Mitglied der Europäischen Wirtschafts-und Währungsunion muss Deutschland quantitative und qualitative Vorgaben des Europäischen Stabilitäts-und Wachstumspakts einhalten. „Um eine möglichst große Annäherung des für die Schuldenregel maßgeblichen Haushaltssaldo an den für die Regeln des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts relevanten Finanzierungssaldo zu erreichen, werden – anders als bislang – Einnahmen und Ausgaben bei der Ermittlung der Neuverschuldungsobergrenze um finanzielle Transaktionen bereinigt.“                       

Scheinbar geht es dabei um die Überwindung unterschiedlicher finanzstatistischer Definitionen und Abgrenzungen. Das Staatsdefizit müsse gemäß dem Maastricht Vertrag mit dem Rechnungssystem der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen nach dem Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 1995) –“ mit seinen vielen falschen Dingen“ – bestimmt werden, aber das nach Artikel 115 Grundgesetz nach dem Rechnungssystem der Finanzstatistik. Es geht aber um die Überwindung eines noch bestehenden Verständnisses von einem Zusammenhang von Finanzwirtschaft und Realwirtschaft, eine Überwindung im Interesse der Finanzwirtschaft.        

Denn mit möglichst große Annäherung wurde eine Rechtsgrundlage geschaffen, mit der die Schuldenregel, das mit ihr verkündete Bremsen des Verschuldens, finanzielle Transaktionen trotz Schulden nicht nur nicht verhindert, sondern mit ihr auch Transaktionen als Verpflichtung zur Einhaltung „quantitative und qualitative Vorgaben des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts“ mit (ESVG 1995) erklärt werden. „Mit der Bereinigung der Nettokreditaufnahme um finanzielle Transaktionen (Artikel 115 Grundgesetz § 3) wird die grundgesetzliche Regelung der nationalen Schuldenregel an die aus den europäischen Verpflichtungen geltenden Abgrenzungen weitest möglich angenähert.“                                                   

Die mit diesem Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt erhobenen Forderungen („strenge Auflagen“) nach dauerhaft soliden Haushaltpositionen, zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum, nach dauerhafter Stärkung von Wachstum und nachhaltiger Entwicklung, nach Wettbewerbsfähigkeit, nach langfristiger leistungsfähiger Wirtschaftspolitik, nach strukturellen Reformen soll die Berücksichtigung des Zusammenhangs von Finanzwirtschaft und Realwirtschaft zum Ausdruck bringen.

Aber den VSKS, den „Vertrag über Stabilität, Koordinierung und Steuerung in der Wirtschafts- und Währungsunion“, mit dem eine verstärkte wirtschaftspolitische Koordinierung umgesetzt werden soll, und zwar als Teil der „wirtschaftspolitische(n) Steuerung der Europäischen Union“, gibt es nicht. Die Androhungen von Konsequenzen bei nicht Erfüllung dieser Forderungen („strengen Auflagen“) und das Fehlen des VSKS sind Ausdruck der Widersprüchlichkeit und Unbestimmtheit dieser Forderungen und des Verständnisses von einer wirtschaftspolitischen Koordinierung, einer wirtschaftspolitischen Steuerung.

Die Wirtschaftsverflechtungen über Ländergrenzen hinweg bedingen die Auflösung von „Kleinstaaterei“. Erfolgt sie vor allem im Interesse und mit der Macht derjenigen, die über (systemrelevante) Mengen an Geld und/oder auf Geld lautende Papiere verfügen, werden die Störungen des (real-)wirtschaftlichen Gleichgewichts der Länder, des Zusammenlebens der Menschen nicht nur immer weniger beherrscht, nicht überwunden, sondern mit der Folge zunehmender Gewaltausbrüchen immer größer.                                       

„Klein-Europa“ Deutschland ist ein „Abbild“ der EU, der Euro-Zone. Auch Deutschland ringt mit seinem Zustand, seinem auf Schulden basierendes (real-)wirtschaftlichen Ungleichgewicht, den (real-)wirtschaftlichen Ungleichgewichten der Mehrzahl seiner Länder. Die Langzeitwirkung der jetzigen Grundgesetzänderungen ist Übertragung von Verfügungsmacht, ohne dass sich Deutschland durch Volksentscheid eine neue Verfassung gegeben hat. Sie haben eine Auflösung seiner „Kleinstaaterei“ zur Folge, ohne damit ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht zu erreichen. Sie befördern die Auflösung der europäischen „Kleinstaaterei“, ohne europäische Verfassung und ohne damit ein europäisches gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht zu erreichen.                       

Die Alternative dazu, Organisation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Einheit von Finanzwirtschaft und Realwirtschaft als Aufgabe einer wirtschaftspolitischen Koordinierung und Steuerung zur Erreichung eines stabilen gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts, der Einheit von Politik und Ökonomie, muss Gegenstand eines Volksentscheids für eine neu Verfassung werden.

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„Kredit“ und Geldware

(Die Schreibweise bestimmter Worte in kursiv) und in „Anführungsstriche“ folgt der Methode im Buch „Der Erkenntnis-Widerspruch“. Siehe dazu im Buch Vorworte, Seite 5. Vom herrschenden Verständnis besetzte Worte und Aussagen (mit oder ohne Quellenangabe) werden kursiv widergegeben.)

Das gegenwärtige herrschende Verständnis von dem, was im Zusammenhang mit Finanzkrise (mit welchen Worten) zu dieser ausgesagt wird, unterscheidet sich nicht von dem Verständnis, das seit Beginn des „Kapitalismus“ herrscht. Mit Finanzkrise kämen Finanzierungsprobleme zum Ausdruck, die sich auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft dramatisch auswirkten. Die Finanzkrise bedürfe deshalb dringend einer Lösung: Also stets wiederholt eine Lösung.

Zeitweiliges Überlassen – Verkauf/Kauf

Die im Buch „Der Erkenntnis-Widerspruch“ abgeleitete Schlussfolgerung für das Verstehen, was als Krise zu bezeichnen, was das charakteristische Merkmal ihrer Ursache ist, hat auch die Frage nach dem Verständnis von „Kredit“ angeregt. Denn im herrschenden Verständnis sei das, was mit Kredit bezeichnet wird, das Charakteristische von Finanzierung, das Unabdingbare für Wachstum.

Die Auseinandersetzung mit diesem herrschenden Verständnis beginnt mit der Beantwortung der Frage, warum wird was mit dem Wort „Kredit“ bezeichnet. Tooke: „Der Kredit, in seinem einfachsten Ausdruck, ist das wohl oder übel begründete Vertrauen, das jemand veranlasst, einem andern einen gewissen Kapitalbelauf anzuvertrauen, in Geld oder in, auf einen bestimmten Geldwert abgeschätzten, Waren, welcher Betrag stets nach Ablauf einer bestimmten Frist zahlbar ist.1

Wenn Tooke so richtig übersetzt worden ist, hat er ein mit „Kredit“ bezeichnetes charakteristisches Merkmal definiert und somit erklärt, was mit diesem Wort zu begreifen sei: Es sei veranlassendes „Vertrauen“, jemand anderem etwas zeitweilig zu überlassen („anzuvertrauen“). Es ist also nicht jedes „Vertrauen“, sondern nur das, was dieses zeitweilige Überlassen begründet veranlasse. Doch: Welches Wohl oder Übel und warum begründet es ein „Vertrauen“ und warum „veranlasst“ dieses „Vertrauen“, etwas nur für eine bestimmte Zeit einem andern zu überlassen?

Sicher wusste Tooke, dass das, was er mit dem Wort „Kredit“ bezeichnete, auch schon vor der Geldwirtschaft und nicht nur „in Waren“ für eine bestimmt Zeit überlassen wurde, ohne dass es als „Kredit“ bezeichnet war. Das, was als „Kredit“ bezeichnet wurde, musste also ab einem historischen Zeitpunkt allgemein als bedeutsam verstanden worden sein. Tooke verstand das Wort „Kredit“ als Begriff in einem Zusammenhang mit Kapital.

Einem andern etwas zeitweilig zu überlassen, das ist, unabhängig von aller Moral und Ethik, nicht durch Vertrauen veranlasst, sondern bedingt Vertrauen, das Überlassene zurück zu erhalten. Weshalb ein zeitweiliges Überlassen allgemein als bedeutsam verstanden worden ist und verstanden wird, die Antwort darauf ist nur aus dem abzuleiten, was allgemein zeitweilig überlassen wurde und wird. Nach Tooke scheinbar das, was er als Kapital verstand.

Doch unabhängig davon, ob es (noch) als bedeutsam verstanden wird, ist es nur das, was zeitweilig, aber eben nicht auf Dauer, überlassen werden kann. Nicht auf Dauer kann das überlassen werden, was selbst gebraucht/ verbraucht werden muss. Also das, was die Lebensreproduktion bedingt, es dafür selbst zu gebrauchen/ zu verbrauchen. Es hat also jeweils einen für die Lebensreproduktion zu gebrauchenden/ zu verbrauchenden konkreten „Gebrauchswert“. Dieser kann deshalb nur zeitweilig überlassen werden. Er muss aber nicht zeitweilig überlassen werden.

Das charakteristische Merkmal der Warenwirtschaft ist, einen konkreten „Gebrauchswert“ einem anderen im Tausch gegen einen anderen konkreten „Gebrauchswert“ zu überlassen, der für die Tauschenden den gleichen Tauschwert hat. Dieser Tausch könnte als ein Überlassen auf Dauer verstanden werden, auch wenn der in einem Zeitraum sich vollziehende Tausch als ein zeitweiliges Überlassen einer Ware feststellbar sein kann. Deshalb ist auch in der Geld-Warenwirtschaft ein zeitweiliges Überlassen von Geld weder Voraussetzung noch hinreichende Bedingung für den durch die Ware Geld vermittelt Tausch von Waren.

Geld zeitweilig zu überlassen, hat(te) deshalb eine andere Bedeutung, weshalb es auch mit dem besonderen Wort „Kredit“ bezeichnet wurde und wird. Das charakteristische Merkmal des Warentauschs ist nicht mehr der Tausch zwischen den Eigentümern der zu tauschenden Waren, sondern der zwischen ihnen und einem Kaufmann (Händler). Eine Bedingung der auf gesellschaftlicher Teilung der Arbeit beruhenden Geld-Warenwirtschaft, in der Geld (die „Ware Geld“) als Zahlungsmittel den Tausch mit dem Kaufmann vermittelt. Doch damit wird Geld in seinen verschiedenen Erscheinungsformen als Zahlungsmittel (z.B. Wechsel) nicht deshalb zum „Kredit“, nicht zur Geldware.

Die (scheinbare) Bedeutung des zeitweiligen Überlassens von Geld ist die des zeitweiligen Überlassens seines „Gebrauchswertes“. Der Gebrauch des Geldes wird zeitweilig einem anderen „anvertraut“, der es gebrauchen will oder muss. Es wird ihm von dem zeitweilig überlassen, der es (zeitweilig) selbst nicht gebrauchen kann oder will. Das Geld, das dieser (zeitweilig) selbst nicht gebrauchen kann oder will, hat deshalb für diesen (zeitweilig) keinen Tauschwert.

Der Wert des Gebrauchens des Geldes ist also dessen Tauschwert selbst. Geld hat das charakteristische Merkmal einer Ware. Einmal als Ware Geld, die den Tausch von Waren vermittelt. Zum andern als Geldware, die dessen Tauschwert ihres zeitweiligen Gebrauchens vermittelt. Das Verhalten zu ihm ist das wie zu jeder anderen Ware. Es ist das des Verkäufers und Käufers von Ware, die auch Geld als Ware (Geldware) kaufen und verkaufen.2.

Der „Gebrauchswert“ der Geldware ist aber nicht, sie nur als Kauf- oder Zahlungsmittel gebrauchen zu können. Ihr Tauschwert ist also nicht stets der ihres ausgewiesenen Geldbetrages. Die Geldware wird gebraucht, um mit ihr mehr Geld realisieren zu können. Dieser Wert ihres Gebrauchens, dieser Tauschwert, „veranlasst“, ihren zeitweiligen Gebrauch zu verkaufen/ zu kaufen, der als zeitweiliges Überlassen erscheint.

Der Preis der Geldware, der in Geld ausgedrückte Wert, bestimmt sich wie bei jeder anderen Ware entsprechend Angebot und Nachfrage. Und wie bei jeder anderen Ware bestimmt sich danach auch die Frist der Fälligkeit der Zahlung des Preises. Die Zahlung dessen Geldbetrages ist zeitweilig gestundet. Der zu zahlende Geldbetrag ist zeitweilig „überlassen“.

Das charakteristische Merkmal dessen, was als Kreditierung verstanden und bezeichnet wird, ist also nicht zeitweiliges Überlassen („an sich“), sondern das zeitweilige Überlassen des Gebrauchens von Geld, um mehr Geld realisieren zu wollen. Dieses zeitweilige Überlassen unterscheidet sich wiederum von dem als „Vorschießen“ und von dem als „Finanzierung“ bezeichneten. „Vorschießen“ bezeichnet eine zeitweilig verausgabte Lebensenergie oder von deren sie repräsentierenden Erscheinungen, die der „Verausgabende“ („Vorschießende“) später selbst (zurück-) gewinnt. „Finanzierung“: Bereitstellung von Geldmitteln.

Geldware – „Kapital“

Der Gebrauch des Geldes mit dem Ziel, damit mehr Geld zu realisieren, ist also erst im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Produktionsweise als bedeutsam festgestellt worden und feststellbar, die als „kapitalistisch“ (als „Kapitalismus“) bezeichnet wird. Es ist das darauf beruhende gesellschaftliche Verhalten mit dem herrschenden Verständnis, Geld sei Kapital, Geld ist wie jede andere Ware kauf- und verkaufbar. Aber mehr Geld kann nicht realisiert werden aus einem durch die Ware Geld vermittelten Warentausch.

Neben dem profitablen Verkauf „produzierter“ Güter und Leistungen wurde und wird mit dem Verkauf/ Kauf von Geld auch mehr Geld realisiert, scheinbar Resultat seines Verkaufs. Deshalb wurde und wird Geld auch als Kapital
verstanden und bezeichnet, unabhängig davon, ob es als „Kapital“ fungieren kann, mit ihm Ware in den Erscheinungen Güter und Leistungen „profitabel produziert“ werden, oder nicht.

Geldware muss also als „Kapital“ fungieren, Mehrwert „produzieren“, um mehr Geld mit ihr realisieren zu können. Doch der Verkauf der Geldware erfolgt nicht mit der Bedingung, dass es als „Kapital“ fungiert, dass ihr Käufer, sich mit diesem Geld an einer um Profit erweiterten „Kapitalreproduktion“ beteiligen muss.

Die bedingte Erweiterung der „Kapitalreproduktion“ bedingt(e) wiederum und ermöglicht(e) den Verkauf des Gebrauchs von Geld. Er wurde und wird von denen als bedeutsam verstanden und mit einem besonderen Wort Kreditieren bezeichnet, die ihr Geld nicht selbst als „Kapital“ reproduzieren, sich nicht mit diesem an einer um Profit erweiterten „Kapitalreproduktion“ beteiligen, aber Anteil am Profit daraus, mehr Geld, haben wollen.

Sie verlassen sich nicht auf ein Vertrauen, aus einer Beteiligung ihres Geldes an einer „Kapitalreproduktion“ mehr Geld realisieren zu können. Sie haben „Vertrauen“ zum „Vertragsrecht“, zu einer Macht, es durchsetzen zu können. Das Geld, dessen Gebrauch sie verkaufen, verstehen und bezeichnen sie als Kapital. Mit ihrer Macht müssen sie nicht nur glauben, aus dem verkauften Gebrauch ihres Geldes mehr Geld realisieren zu können. Sie bestimmen, dass dieser Verkauf als Kreditierung zu verstehen und zu bezeichnen ist.

Der Anteil am realisierten „Profit“ ist der Preis für den Gebrauch des jeweiligen Geldbetrages, der als „Kapital“ an der „Kapitalreproduktion“ beteiligt ist, ob er als „Kredit“ bezeichnet wird oder nicht. So lange „Profit“ realisiert wird, solange aus Geld mehr Geld realisiert wird, fungiert es als „Kapital“, wird es von ihren Besitzern als Kapital verstanden und bezeichnet, ob es auch „Kredit“ ist oder nicht.

Bedeutung bekommt die Unterscheidung für das Verstehen der „Kapitalreproduktion“ und insbesondere für das Verstehen der aus ihr resultierenden Krisen, wenn diese Reproduktion stockt oder gar abbricht, „Profit“ nicht realisiert wird, Geld nicht „zurückfließt“, der Preis für den Gebrauch von Geld nicht (mehr) gezahlt werden kann, Kapital vernichtet, Geld verbrannt wurde.

Geld, was als „Kapital“ um „Profit“ erweitert reproduziert werden sollte, hat dann diesen Wert nicht mehr, hat den Tauschwert als Geldware verloren, weil dafür nicht mehr gebraucht. Eine Wirkung von Krisen der „Kapitalreproduktion“ ist deshalb dann auch, zwischen Geld, das als „Kapital“ fungiert, und dem als Kredit bezeichneten zu unterscheiden, diesen Unterschied als bedeutsam zu verstehen.

Doch das Verstehen wurde und wird von denen bestimmt und beherrscht, die den Preis für den verkauften Gebrauch ihrer Geldware in der vereinbarter Frist bezahlt haben wollen, unabhängig davon, ob sie als „Kapital“ gebraucht wurde oder nicht. Sie wollen den vereinbarten Preis für die verkaufte Geldware von deren Käufer in Geld gezahlt haben.

Preis der Geldware – „Zins“

Das gegenständliche Geld (Münzen, Scheine), das der Verkäufer der Geldware als Preis gezahlt bekommt, ist aber nicht das, das der Käufer der Geldware erhalten hatte. Ebenso wenig sind die Geldbeträge gleich. Der Verkäufer erhält einen höheren Betrag. Es wird also vom Käufer der Geldware deren Preis in Geld gezahlt und nicht an den Verkäufer Geld zurückgegeben. Der Preis der Geldware ist mehr Geld als die Geldware ausdrückt. Dieses Mehr-Geld wird aber als Zins bezeichnet und sei der Preis für verliehenes Geld, das zurückgegeben werde.

Letzteres ist aber herrschendes Verständnis von Kredit. Es sei verliehenes Geld. Für dessen Verleihen zahle der Anleiher einen Preis, der nicht nur als Zins bezeichnet wird, sondern berechtigt verlangt werden könne. Geld (Kredit) trüge an sich Zins, Geld sei Kapital. Mit diesem herrschenden Verständnis ist Kredit zeitweilig verliehenes Geld und Zins das Entgelt für die Verleihung des Geldes. Mit diesem herrschenden Verständnis wird verschleiert woraus das Mehr-Geld (Zins) resultiert. Geld trüge Zins, weshalb derjenige die Rückgabe des geliehenen Geldes und die Zahlung des Zinses als seine Schuld („Verbindlichkeit“) gegenüber dem Verleiher des Geldes zu verstehen habe.

Denn das Kreditieren sei ja durch Vertrauen veranlasst. Doch der Kreditierende ist kein Verleiher, sondern Verkäufer einer Ware, der Geldware. Er verkauft den Gebrauch seines Geldes. Und der es für seinen Gebrauch kauft, ist kein Anleiher sondern Käufer dieser Geldware.

Was mit dem herrschenden Verständnis von Zins verschleiert wird, ist, das im Preis der Geldware enthaltene Mehr-Geld, dass mit Geldware mehr Geld realisiert werden könne. Das Vertrauen darauf, mit ihr mehr Geld realisieren zu können, haben Verkäufer und Käufer der Geldware gleichermaßen, sonst verkauften / kauften sie diese nicht.

Dieses als Vertrauen maskierte gemeinsame Interesse an mehr Geld veranlasst sie, Geldware zu verkaufen/ zu kaufen, zu einer Vereinbarung dazu, die im herrschenden Verständnis als ein Kredit-Schuld-Verhältnis bezeichnet wird. Diese Vereinbarung wird vor allem von diesem Interesse an dem Mehr-Geld bestimmt, das der Käufer der Geldware mit ihrem Gebrauch realisieren soll/ will. Der Betrag, den der Verkäufer der Geldware mit deren Preis realisieren will, ist also stets nur ein Teil des durch den Käufer aus seinem zeitweiligen Gebrauch der Geldware realisierten Mehr-Geldes.

Vertrauenskrisen – Krise der „Kapitalreproduktion“ – „Kredit“

Mit Erklärungen, dass in Krisenzeiten dieses Vertrauen schwindet, verloren geht, kommt also herrschendes Verständnis zum Ausdruck. Aber nicht Vertrauen schwindet, geht verloren, sondern verloren geht die Möglichkeit der Zahlung des Preises der verkauften/ gekauften Geldware.

Für diese so bezeichneten Zeiten ist charakteristisch, dass mehr Geld nicht mehr realisiert wird, dass das als „Kapital“ eingesetzte Geld, dass die als Kapital verstandene und bezeichnete Geldware nicht mehr als „Kapital“ fungiert, festsitzt in nicht mehr verkaufbarer Ware. Deren Besitzer verstehen das als Vernichtung ihres Kapitals, als Wertverlust ihrer Geldware.

Doch auch für die Besitzer von viel Geld geht in Krisenzeiten dessen Wert verloren: Sie können ihr Geld nicht mehr als „Geldkapital“ fungieren lassen, nicht mehr als Geldware verkaufen, damit nicht mehr Geld realisieren. Es fehlt an Nachfrage nach ihrer Geldware, nach dem zeitweiligen Gebrauch ihres Geldes. Sie suchen nach Anlagemöglichkeiten, nach Käufern ihrer Geldware.

Deshalb können auch die Käufer von Geldware diese entweder nicht mehr gegen Geld oder, aber zu einem höheren Preis, nicht mit einer anderen Geldware tauschen. Warum und weshalb, ist von den Klassikern im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Gesetze des „Kapitalismus“, seiner Krisen, bis hin zum Zusammenhang von „Kredit und fiktives Kapital“ ausführlich dargelegt und begründet worden.3

Hierzu nur so viel: Bei Stockung oder gar Abbruch einer „Kapitalreproduktion“ fungiert dafür eingesetztes eigenes Geld oder gekaufte Geldware nicht mehr als „Kapital“, es wird mit diesem Geld, dieser Geldware kein Mehr-Geld realisiert. Das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis zwischen Verkäufer und Käufer der Geldware ändert sich dadurch von einem zeitweiligen in ein nicht zeitweiliges.

Denn ihr Verhältnis gründet(e) sich auf das gemeinsame Interesse, mehr Geld realisieren zu wollen und auf das gleiche Verständnis vom zinstragenden Geld, vom Geld als Kapital, weshalb sie „wohl oder übel“ darauf vertrauen konnten, mit Verkauf/ Kauf von Geldware ein für beide „profitables“ Gläubiger-Schuldner-Verhältnis eingehen zu können.

Deshalb wird die Stockung oder gar der Abbruch einer „Kapitalreproduktion“ nicht auch als Ende der „Geschäftsgrundlage“ für das bisherige Gläubiger-Schuldner-Verhältnis verstanden und erklärt. Denn das widerspräche dem herrschenden Verständnis, dass Geld an sich Zins trägt, also dass aus Geld an sich mehr Geld realisiert werden kann.

Es sei deshalb eine Schuld an sich, die derjenige zu tragen habe, der sich Geld zu dessen Gebrauch leiht. Es sei ja nur dessen Interesse und nicht das Interesse desjenigen, der Geld für dessen Gebrauch zeitweilig überlässt (verleiht). Das mag zwar für denjenigen zutreffend sein, der es nur zeitweilig überlassen kann. Aber nicht für diejenigen Besitzer von Geld, die es nicht nur zeitweilig überlassen können, sondern die sich deshalb zu ihm als Kapital verhalten, mit ihm mehr Geld realisieren wollen.

Das herrschende Verständnis ist also das dieser Besitzer von Geld, die deshalb auch alles Geld als Kapital verstehen und auch das zu dessen Gebrauch verliehene Geld, unabhängig davon, ob es als „Kapital“ um „Profit“ erweitert reproduziert wird oder werden kann. Also, ganz gleich ob das Vertrauen darauf „wohl oder übel begründet“ ist, es entspricht diesem herrschenden Verständnis von Kapital und Zins, mit dem auch das Wort Kredit besetzt ist.

Aber in „Krisenzeiten“ schwindet auch das Vertrauen zum herrschenden Verständnis von Kredit und Kapital. Es schwindet das Vertrauen, dass Geld an sich Zins trägt, dass auch ohne profitablen Verkauf „produzierter“ Güter und Leistungen an Konsumenten, mehr Geld realisiert werden kann. Es schwindet das Vertrauen zum herrschenden Verständnis, dass Wert geschöpft werde, dass Kredit Kapital sei und nicht Geldware.

Weshalb etwas als „Kredit“ bezeichnet wurde und wird, hat also Bedeutung für das Verstehen der „Kapitalreproduktion“, ihrer historisch kausalen Entwicklung, zu der die des herrschenden Verständnisses derjenigen gehört(e), für die bedeutsam ist, aus dem Verkauf des Gebrauchs ihres Geldes, mehr Geld zu realisieren, ob mit seiner Beteiligung an einer um „Profit“ erweiterten Reproduktion als „Kapital“ oder anders. Es ist also das von ihnen beherrschte und das Verstehen beherrschende Verständnis, was mit der Bezeichnung Kredit zum Ausdruck kommt.

Historisch entwickelte sich das mit dem Vergesellschaften des Privatbesitzes von Geld, der Vergesellschaftung der Besitzer von Geld, die es nicht nur zeitweilig überlassen können, sondern die auch seinen Gebrauch verkaufen wollen und auch verkaufen müssen, um dessen Wert (Tauschwert) zu erhalten.

Die Verkäufer von Geldware und darunter immer mehr die, welche Geldware „produzieren“ und sie handeln, sind Banken, Fonds, Versicherungen, die „Finanzindustrie“, und – der Staat4. Sie sind gleichermaßen Beteiligte von Gläubiger-Schuldner-Verhältnissen, weshalb sie, bei aller Konkurrenz untereinander, in dem gemeinsamen Interesse vereint sind, mehr Geld zu realisieren. Durch ihre Konkurrenz bedingt, werden sie zwar ausdifferenziert. Doch dadurch wird der Zwang nach Erschließung neuer Quellen von Mehr-Geld immer größer.

Das Drucken von Geld, die „Produktion“ von auf Geld lautenden Papieren (Finanzprodukte) verstehen die Beteiligten als Quelle und erklären den Nichtbeteiligten diese als notwendig zur Bewältigung der Finanzkrise. Doch diese Quelle wird wieder die einer neuen, aber noch größeren Krise sein. Sie ist unvermeidlich durch die „kapitalistische Produktionsweise“, durch eine Reproduktion des „gesellschaftlichen Gesamtkapitals“, in und mit der Besitzer von „Kapital“ und Geldware sich Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeit ohne Äquivalent aneignen (können), der einzigen Quelle der Realisierung von mehr Geld, das gesellschaftlichen „Mehrwert“ ausdrückt.

Das zwingt zur Erweiterung der Reproduktion des „gesellschaftlichen Gesamtkapitals“ (Wirtschaftswachstum), das zwingt zu ihrer Finanzierung und in Folge dieser Erweiterung immer mehr zur Finanzierung von “Produktion” und Handel von mehr Ware, einschließlich Geldware, die aber immer weniger verkaufbar ist.

Die „Produktion“ und der Handel mit Geldware sind durch die scheinbare Notwendigkeit dieser Finanzierungen bedingt. Doch je größer dadurch ihr Anteil wird am nicht reproduzierbaren „gesellschaftlichen Gesamtkapital“, sie nicht als „Kapital“ um „Profit“ erweitert reproduziert werden kann, umso dramatischer sind die Auswirkungen daraus auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft.

Um diese Auswirkungen beherrschen zu können, ist das Hinausdrängen der Geldware aus der Realwirtschaft ein erster Schritt. Eine Voraussetzung dafür ist die öffentliche Auseinandersetzung mit dem herrschenden Verständnis von Kredit. Das Wort „Kredit“, das zur Sprachkultur gehört, sollte wieder in seinem historischen Verständnis als Begriff verwendet werden: eine Zuwendung an Bedürftige, im Vertrauen ihnen damit helfen zu können; eine Bereitstellung für die „Produktion“ eines Mehrprodukts, im Vertrauen damit einen Beitrag zur Sicherung der gesellschaftliche Reproduktion zu leisten.

Freilich, wer, ideologisch geprägt, nur als Wirklichkeit das ihm Erscheinende versteht, nur Gedanken akzeptiert, die man sich vorstellen kann, die mit Erscheinungen erklärt werden und ein beliebiges Verstehen ermöglichen, der kann und will alles andere nur als abstrus, als Unsinn beurteilen. – „Original, fahr hin in deiner Pracht! – / Wie würde dich die Einsicht kränken“ (Johann Wolfgang von Goethe Faust II).

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Fussnoten:

1 Tooke, Thomas (1774-1858): Er hat sicher nicht zufällig Bezug genommen auf das lateinische Verb credere „(ver)trauen, glauben“. Sich beteiligen an Unternehmungen, und dafür von ihrer Lebensenergie etwas verausgaben („vorschießen“), erfolgt(e) mit der Überzeugung, dem Glauben, dem Vertrauen, mehr Lebensenergie aus dieser Beteiligung zu gewinnen, auch ohne diese Beteiligung als „Kredit“ zu bezeichnen.
2 Geldware – zusammengesetztes Wort aus Bezeichnungen charakteristischer Merkmale mannigfacher Erscheinungen. Ware: Das zu Tauschende, weil es selbst nicht gebraucht, mit dem anderes durch Tausch erlangt wird. Geld: Die allgemeine Äquivalentform, auch in mannigfachen auf Geld lautenden Erscheinungen, für zu Tauschendes. Zur Geldware gehören also nicht nur produzierte Geldzeichen Münzen, Banknoten), sondern ebenso auf Geld lautende Papiere (Wertpapiere) sobald diese wie jede andere Ware verkauft/ gekauft werden.
3 „ … wo beide Seiten der landläufigen Theorie bei Beurteilung der Krisen recht und unrecht haben. Die da sagen, dass bloß Mangel an Zahlungsmitteln existiert, haben entweder bloß die Besitzer von bona fide Sicherheiten im Auge oder sind Narren, die glauben, es sei die Pflicht und in der Macht einer Bank, durch Papierzettel alle bankrotten Schwindler in zahlungsfähige solide Kapitalisten zu verwandeln. Die da sagen, dass bloß Mangel an Kapital existiert, machen entweder bloße Wortklauberei, da ja in solchen Zeiten das inkonvertible Kapital infolge von Übereinfuhr und Überproduktion massenhaft vorhanden ist, oder sie sprechen bloß von jenen Kreditrittern, die nun in der Tat in Umstände gesetzt sind, wo sie nicht länger fremdes Kapital erhalten, um damit zu wirtschaften, und nun verlangen, die Bank solle ihnen nicht nur das verlorene Kapital zahlen helfen, sondern sie auch noch zur Fortsetzung des Schwindels befähigen.“ K. Marx „Das Kapital“
4 Staatsanleihen. Ausdruck des herrschenden Verständnisses! Staat verkauft auf mehr Geld lautendes Papier, kauft damit einen zeitweiligen Gebrauch von Geld. s.a. Kritik der Politischen Ökonomie – Zum Verändern von Politik zur Beherrschung der Folgen von Krisen auf das Zusammenleben der Menschen

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